“Rückkehr” und Neuanfang im Schoße der Heimat

Ein Beitrag von Henryk Alff

Die Schlagworte Migration und Zentralasien in Kombination genannt, wecken heute in erster Linie Assoziationen zu Millionen Tadschiken, Usbeken und Kirgisen, die alljährlich auf der Suche nach Arbeit unter zumeist prekären Bedingungen auf russischen Baustellen und in der Rohstoffindustrie zwischen Moskau und Tjumen ihr Glück versuchen. Gedanken an ethnische Migration von so genannten “Rückkehrern” (kas. oralman) kommen da selten auf, auch wenn diese in Kasachstan inzwischen einen beträchtlichen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen.
Bereits in den 1980er Jahren kam es in der Unionsrepublik Kasachstan durch Abwanderung zu einer stetig abnehmenden Gesamtbevölkerung. Aus Sicht des jungen Staates Kasachstan war mit seiner Unabhängigkeit 1991 die ethnische Bevölkerungsstruktur (slawische Gruppen bildeten lt. des letzten Zensus in der UdSSR 1989 gegenüber der Titularnation die Mehrheit) ungünstig. So riefen kasachische Eliten bereits kurz vor und dann verstärkt nach der Unabhängigkeit zur “Rückkehr” von Kasachen aus anderen Unionsrepubliken sowie dem fernen Ausland auf. Solche Einladungen wurden in Zeitungen und im Rundfunk weit gestreut und schienen für die kasachischen Gruppen in der Mongolei offenbar besonders attraktiv zu sein. Zwischen 1991 und 1993 zogen rund 40 Prozent der dortigen kasachischen Bevölkerung, etwa 60.000 Personen, offiziell mit Arbeitsverträgen ausgestattet, ins nun als “historische Heimat” titulierte Kasachstan. Mit einem Staat namens Kasachstan verband diese Menschen wenig, waren ihre Vorfahren doch oft bereits vor 140 Jahren vorwiegend über Xinijang auf das ehemals oyratisch besiedelte Gebiet des mongolischen Altai vorgedrungen. Die Isolation im mongolischen Westen und die doppelte Grenzlage seit den sowjetisch-chinesischen Spannungen hatte zudem den Austausch seit den frühen 1960er Jahren auf einseitige Schulbuchsendungen aus der Kasachischen SSR beschränkt.

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Entsprechend wenig wussten die ersten “Rückkehrer”, damals noch “Übersiedler” oder einfach “Brüder” genannt, über die harschen Regionen im nördlichen Kasachstan. Hier überließ man den Großteil von ihnen in den sich in Auflösung befindlichen landwirtschaftlichen Großbetrieben in einer überwiegend russischsprachigen Umgebung praktisch ihrem Schicksal. Die hohe Mobilität (“Migrieren” und “Nomadisieren” werden im Kasachischen mit dem gleichen Wort bezeichnet, was beides nicht nur semantisch gleich setzt) und das Heimweh zum tughan zher (eigentlich Geburtsort, meint aber enge soziale Bindungen) ließen viele der Migranten in die Mongolei zurückkehren. Die Standhaften blieben, kämpften mit der postsowjetischen Bürokratie der 1990er Jahre um Unterstützung und die Staatsbürgerschaft. Sie lebten mit Verwandten aus der alten Heimat zusammen und bauten sich neue Existenzen am Rande der Gesellschaft auf. Landbesitz blieb vielen der Neuankömmlinge verwehrt, ebenso der Zugang zu den sozialen Netzwerken der Alteingesessenen, was für erhebliche Schwierigkeiten im ländlichen Kasachstan sorgte.
Der einsetzende Wirtschaftsboom und die damit verbundene Hoffnung auf lukrative Arbeit trieben viele der ehemaligen Nomaden aus dem sesshaften Leben in den Dörfern in das Umland der Städte. Zumeist übernahmen die neuen Stadtbewohner informelle Tätigkeiten im Handel, Bausektor oder Handwerk, denn andere wirtschaftliche Tätigkeiten blieben den des Russischen nicht mächtigen weiterhin ohne kasachische Staatsbürgerschaft verbleibenden “Rückkehrern” verwehrt.

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Auch heute schielen die in der Sowjetunion sozialisierten Kasachen noch verächtlich auf ihre angeblich faulen, unterbelichteten und unkultivierten Brüder aus der Mongolei und China. Die Frage danach, wer sich nun als wahrer Kasache (naghys qazaq) bezeichnen darf oder nicht, bleibt hart umkämpft. Dem neuen Drang zum Umzug nach Kasachstan scheint dies keinen Abbruch zu tun, denn seit einigen Jahren steigen die Zuwandererzahlen wieder. Viele junge Leute profitieren von verwandtschaftlichen Netzwerken, die sich bereits zwischen der Mongolei und Kasachstan und innerhalb Kasachstans entsponnen haben. Diese generieren Unterstützungs- und Sicherungsmechanismen, welche der Staat noch immer nur in Ansätzen zu gewährleisten in der Lage ist. So hat die kasachstanische Regierung, trotz sicher ernsthafter, aber wenig effektiver Anstrengungen, bisher das Wohnraum- und Beschäftigungsproblem der Migranten nicht in den Griff bekommen. Hier springt die soziale Solidarität und Reziprozität zwischen Verwandten in die Bresche. So lebt ein Teil der “Rückkehrer” der letzten Jahre im direkten Umfeld von Verwandten mit längerem Migrationshintergrund und profitiert von der von ihnen geschaffenen ökonomischen Infrastruktur. Im Umland von Almaty bzw. Astana ist dies u.a. die wirtschaftliche Nische der privaten Möbelproduktion und Vermarktung, die von mongolischen Kasachen dominiert wird. Initiativen zur Bereitstellung von Wohnraum meist in Form von Siedlungen, in denen oralman kompakt zusammen leben, werden zudem von Interessengruppen aus dem Kreise der “Rückkehrer” gestartet.
Die auch in Kasachstan viel zitierte Integration hat so zu einer internen Abgrenzung geführt, in der sich ein Eigenleben entwickelt. Neben der Hoffnung auf staatliche Unterstützung, die Neuankömmlinge eigentlich nach der Einreise (Einmalzahlung pro Familienmitglied) bzw. regelmäßig (Rente, Stipendien etc.) erhalten sollten, stützen sich die Migranten auf eigene soziale Strukturen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dynamik von Migration und Integration in Zeiten einer sich breit machenden wirtschaftlichen Krise in Kasachstan und dem generationsspezifischen Wandel sozialer Netzwerke entwickeln wird.

Henryk Alff studiert am Zentralasienseminar der HU Berlin Zentralasienwissenschaftenund schrieb 2008 seine Magisterarbeit zum Thema Migration zwischen Kasachstan und der Mongolei

2 Thoughts on ““Rückkehr” und Neuanfang im Schoße der Heimat

  1. thetys.caoss.org, a German-language blog dedicated to Central Asia, has a very interesting article by Henryk Alff on Kazakhs from Mongolia in Kazakhstan. […]

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