Für Liebhaber zentralasiatischer Sprachen

gerade rechtzeitig zum Urlaubsausklang ereilte mich in Dänemark ein link zu einem herrlichen Text, der kürzlich im NEW YORK TIMES Magazine erschien: “Letter of recommendation: Uzbek” von Lydia Kiesling. Für Freunde zentralasiatischer Sprachen und all diejenigen, die das Leben auch als eine wunderbare Abfolge von merkwürdigen und kaum nachvollziehbaren Entscheidungen halten. Katta Rahmat Micha!

Viehwirtschaft im Kuraj-Tal

Das Kuraj Tal liegt heute an der Transitstrecke zwischen Rußland und der Mongolei. Im Talkessel liegen zwei Dörfer Kyzyl Tash und Kuraj selbst, die Zentrum für eine ganze Reihe von Wirtschaften sind, die in den Tälern zwischen dem Gebirgszügen des Kuraj Gebirges und der Chuj Gebirges verteilt liegen. Diese Wirtschaften beschäftigen sich mit der mobilen Viehzucht. Einige haben an ihren Winterstationen auch kleine Anteile an Gartenbau. Wegen des kurzen Sommers und der häufigen Sommerfröste im Juli und August gedeihen hier lediglich Kartoffeln, Mohrrüben, Rote Beete  und Zwiebeln, dazu allerlei Kräuter wie Dill und Petersilie. Die Wälder rings um die Weiden geben zusätzlich Beeren (wilde Erdbeeren, schwarze Johannisbeeren, Sanddornbeeren) her. Die Wälder im Tal sind wahre Edlorados für die Pilzesammmler. Wer die richtigen Stellen kennt und den richtigen Zeitpunkt hat schnell den Wintervorrat für marinierte Pilzen zusammen und kann den Rest in Kosh Agach verkaufen. Die dortigen Kasachen nehmen diese Pilze mit Kußhand. In besonders feuchten Sommern kann eine ganze Stange Geld dabei rausspringen.

Für die Viehzucht und den Ackerbau gibt es im weiter nördlich gelegenen Teilen des Altaj weitaus günstigere Standorte (Ongudaj, Chemal, Ulangan). Wegen des kurzen Sommers und der langen schweren Winter nennt man das Kuraj-Tal auch Kan Kuraj oder blutiges Kuraj. Das hat weniger mit Kriegen, die im Altaj geführt wurden, zu tun, sondern eher mit dem Verlust an Vieh, den ein harter Winter den Viehzüchtern hier beschert.

Das Kuraj Tal. Blick von Osten

Das Kuraj Tal. Blick von Osten (Klicken macht Groß)

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Neues vom Tisch der Götter

Der Altai liegt in vieler Hinsicht in einem Fadenkreuz. Schaut man auf die Karte, so kann man zum Beispiel die Nationalstaatlichen Grenzen von vier Staaten entdecken, die dieses Gebirge unter sich aufteilen, es ist Staatsgebiet Chinas, der Mongolei, Rußlands und Kasachstans. Dass der Altai verwaltungstechnisch aufgeteilt ist, ist seit den Söhnen Chingiz Khans Normalität. Als Chingiz Khan daran ging, sein Weltreich aufzuteilen, bekam jeder seiner Söhne jeweils einen Anteil vom Altai: Chagataj (Zentralasien, Kasachstan), Batu (Goldene Horde, Rußland) Chödzhi (Mongolei) und schließlich Qubilaj Khan (China). Dass das nicht ganz genau stimmt und zu dieser Einigung 30 Jahre nötig waren und eine ganze Anzahl von Bruderkriegen, wollen wir hier durch das Fernrohr der Geschichte getrost übersehen.

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Mit Kamelen durch die Wüste…

Was sich auf den ersten Blick wie ein typisches Thema aus dem Raum Zentral- oder Vorderasiens anhört, weist in Wirklichkeit auf Australien hin. Wer wusste denn bisher schon, dass die Erschließung Australiens durch die Britten vor allem mit Kamelführern aus Afghanistan und dem Norden Indiens von statten ging? Sicher, den australischen Lesern unseres Blogs wird es geläufig sein, dass viele Friedhöfe in Australien auch eine Muslimische Abteilung haben mit nach islamischen Ritualbräuchen beerdigten Menschen. Allen anderen aber wird diese Seite hier empfohlen. Sie führt ein in die Thematik der Landerschließung Australiens durch die Kamelführer, in die Beziehungen dieser zu den australischen Ureinwohnern und vieles andere mehr.

Viel Lesespass wünscht die Tethys Redaktion

Die Bundeswehr in Afghanistan – eine (traurige) Bilanz

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlichte kürzlich die Broschüre „Am Hindukusch – und weiter? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz: Erfahrungen, Bilanzen, Ausblicke“ – Inhalt und Vorwort zum herunterladen hier.

Damit liegt erstmals ein Sammelband vor, in dem politische und militärische Verantwortungsträger ihre Erfahrungen der letzten 14 Jahre in und mit Afghanistan auf knapp 400 Seiten präsentieren.
Einer davon ist Winfried Nachtwei, nach Selbsteinschätzung politisch “mitverantwortlich … für die unter Rot-Grün gemachten strategischen Fehler der ersten Jahre”. Der ehemalige MdB (für die Grünen) war schon wiederholt mit (selbst)kritischen Stellungnahmen und Berichten von der schwierigen Lage in Afghanistan aufgefallen. Winfried Nachtwei ist damit eine positive Ausnahmeerscheinung in unserer politischen Schönrednerlandschaft – in der er (wie viele andere kritischen Stimmen auch) meist kein Gehör fand. Continue Reading →

Tadschikischer Oppositioneller ermordet

Nur eine Woche nach der Ermordung Boris Nemtsovs in Moskau wurde am 5.03.2015 in Istanbul der tadschikische Oppositionelle Umarali Quvvatov von einem Unbekannten auf offener Straße, vor den Augen seiner Frau und seiner beiden Söhne, mit einem Kopfschuss getötet. Anders als beim russischen Oppositionspolitiker und Kremlkritiker landete die Ermordung des 47-jährigen Quvvatov jedoch nicht in den deutschen Hauptnachrichten. Continue Reading →

Fitrats kleine Kapitalismusschule 2

From-the-Ruins
Abdurrauf Fitrat gehört zu den eher weniger bekannten asiatischen Kritikern des westlichen Imperialismus, die, inspiriert vom Sieg der Japaner über das zarische Russland 1905, zur Feder griffen, um ihre Gesellschaften aufzurütteln und aufzubegehren gegen die europäische Übermacht. „The early men of modern Asia“ schreibt Pankaj Mishra in seinem faszinierenden Buch From the Ruins of Empire über genau diese Aufklärer “travelled and wrote prolifically, restlessly assessing their own and other societies, pondering the corruption of power, the decay of community, the loss of political legitimacy and the temptations of the West.” Sie alle stehen am Beginn des Erwachens der asiatischen Welt. Von Ägypten über den Iran und Indien bis China und Japan reagierten junge Intellektuelle des frühen 20. Jahrhunderts mit einem ähnlich angelegten Programm. Continue Reading →

Fitrats kleine Kapitalismusschule

1991 ist der Kommunismus mit dem Ostblock untergegangen. 2008 starb der Kapitalismus. Als ich ein junger Student der Wirtschaftswissenschaften war, gab es einen großen Streit zwischen den Sozialisten, die an eine zentrale Planwirtschaft glaubten und den Hayekianern, oder Liberalisten, die auf das Wunder des Marktes setzten. Die Befürworter der Marktwirtschaft argumentierten, dass der Kapitalismus ein evolutionärer Kampf sei, in dem die Stärksten siegen und die Schwächeren, die weniger produktiv und profitabel sind untergehen … die Rettungspakete die für die Banken nach 2008 geschnürt wurden, waren so etwas wie umgekehrter Darwinismus. Je erfolgloser die Banker und je größer die Verluste ihrer Bank waren, desto größer war auch die Unterstützung von Seiten der Steuerzahler, und desto erfolgreicher wurde dem Rest der Gesellschaft das Geld aus der Tasche gezogen.
(Yanis Varoufakis, 2014, Der Kapitalismus (4/6) 47:00-48:20, arte)

110es Geburtsjubiläum Abdurauf Fitrats 1996

Briefmarke zum 110. Geburtsjahr ‘Abdurauf Fitrats im Jahr 1996

Gut 100 Jahre früher machte sich in Buchara ein junger Intellektueller ebenfalls Gedanken über den Kapitalismus, der, in Gestalt des zarischen Russlands dabei war, die Gesellschaft seiner Heimat zu zerstören. Im Jahr 1913 veröffentlichte  ‘Abdurauf Fitrat zwei theoretische Essays in der Zeitschrift Āʿīna. Diese wurde in den Jahren 1913 bis 1915 von Mahmud Xo’ja Behbudi in Samarkand herausgegeben. In “Der Profit” und in “Das Leben und das Ziel des Lebens” beschäftigt sich Fitrat mit den Grundlagen und Besonderheiten der menschlichen Gesellschaft. Den Lesern und Hörern präsentiert Fitrat in den beiden Essays eine auf europäischen Theorien beruhende Entwicklungstheorie, die sich von den traditionell in diesem Raum herrschenden Vorstellungen von Welt deutlich unterschied. Die einer Gesellschaft zu Grunde liegenden Mechanismen stellte er dabei als allgemein gültig, wissenschaftlich erklärbar und rational nachvollziehbar vor. An der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Herangehensweise gab es für Fitrat keinen Zweifel. Durch Überzeugungsarbeit sollte der für nötig erachtete strukturelle Wandel der islamischen Gesellschaft in Buchara und Russisch Turkestan initiiert und die Menschen dieser Region auf die veränderten Rahmenbedingungen der neuen Epoche vorbereitet werden.
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Ein unangenehmer Vorteil

Ein Beitrag von Lutz Rzehak

Das Gauhar-Shad-Mausoleum - Foto Lutz Rzehak (2005)

Das Gauhar-Shad-Mausoleum in Herat – Foto Lutz Rzehak (2005)

Reste blauer Fliesen an einer Kuppel aus gebrannten Ziegeln lassen den Glanz vergangener Zeiten erkennen. Immerhin: Das Gebäude steht noch. Die vier riesigen Minarette, die sich in unmittelbarer Nähe gekrümmt, aber hartnäckig gegen den Himmel strecken, als wolle jedes von ihnen dem schiefen Turm von Pisa seinen Ruf streitig machen, sind dagegen das einzige, was von der Moschee übrig geblieben ist, deren Ecken diese Minarette einmal säumten. Die Kuppel mit den Resten blauer Kacheln bedeckt das Grabmal jener Frau, die diese Minarette und die nicht mehr vorhandene Moschee vor mehr als einem halben Jahrtausend in Herat errichten ließ. Königin Gouhar Schad war eine Schwiegertochter Timurs des Lahmen und doch Großen. Aber nicht für weitläufige Feldzüge und kurzlebige Eroberungen, sondern für ihre außergewöhnliche Bautätigkeit wird diese Frau, deren Name “frohe Perle” bedeutet, als Bauherrin der architektonischen Perle Herat in froher Erinnerung behalten.

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Das Grab von Payrav Sulaymoni

Ein Beitrag von Massud Hosseinipour

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Shah-i Zinda – Panorama Hosseinipour

Der berühmte tadschikische Literat Payrav (Otadschon) Sulaymoni starb am 09. Juni 1933 in Samarkand an Typhus und hinterließ zwei Töchter. Seine Grabstätte liegt auf dem Gelände von Schah-i Zinda, einer der bekanntesten und größten Grabanlagen Zentralasiens. Macht man sich auf die Suche nach Sulaymonis Grab, wird man es jedoch auf dem etliche Hektar großen Friedhof kaum finden. Hinweisschilder gibt es keine und seit einigen Jahren trennt auch noch eine Autostraße (die Toshkent yo’li) den nördlichen Teil des Friedhofes von einem früher einmal zur Nekropole gehörenden Gräberfeld ab. Eines der Gräber dort ist das von Sulaymoni. Es lag also bereits 1933 an der Peripherie des damals nicht voll belegten Friedhofes.

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Das Grab Payrav Sulaymonis (Samarkand) – Foto Hosseinipour

Der Grabsuchende muss heute, vom Kolchoz-Bazar kommend, an der Hazrat-i Chezr Moschee vorbei den Weg linkerhand von der Toshkent yo’li zum Hamdaddin Basir Mausoleum nehmen. Nach etwa 200 Metern liegt das Grab des Dichters am Wegrand, im Schatten einiger Maulbeerbäume und überwuchert von Stauden und Sträuchern. Continue Reading →