Fitrats kleine Kapitalismusschule

1991 ist der Kommunismus mit dem Ostblock untergegangen. 2008 starb der Kapitalismus. Als ich ein junger Student der Wirtschaftswissenschaften war, gab es einen großen Streit zwischen den Sozialisten, die an eine zentrale Planwirtschaft glaubten und den Hayekianern, oder Liberalisten, die auf das Wunder des Marktes setzten. Die Befürworter der Marktwirtschaft argumentierten, dass der Kapitalismus ein evolutionärer Kampf sei, in dem die Stärksten siegen und die Schwächeren, die weniger produktiv und profitabel sind untergehen … die Rettungspakete die für die Banken nach 2008 geschnürt wurden, waren so etwas wie umgekehrter Darwinismus. Je erfolgloser die Banker und je größer die Verluste ihrer Bank waren, desto größer war auch die Unterstützung von Seiten der Steuerzahler, und desto erfolgreicher wurde dem Rest der Gesellschaft das Geld aus der Tasche gezogen.
(Yanis Varoufakis, 2014, Der Kapitalismus (4/6) 47:00-48:20, arte)

110es Geburtsjubiläum Abdurauf Fitrats 1996

Briefmarke zum 110. Geburtsjahr ‘Abdurauf Fitrats im Jahr 1996

Gut 100 Jahre früher machte sich in Buchara ein junger Intellektueller ebenfalls Gedanken über den Kapitalismus, der, in Gestalt des zarischen Russlands dabei war, die Gesellschaft seiner Heimat zu zerstören. Im Jahr 1913 veröffentlichte  ‘Abdurauf Fitrat zwei theoretische Essays in der Zeitschrift Āʿīna. Diese wurde in den Jahren 1913 bis 1915 von Mahmud Xo’ja Behbudi in Samarkand herausgegeben. In “Der Profit” und in “Das Leben und das Ziel des Lebens” beschäftigt sich Fitrat mit den Grundlagen und Besonderheiten der menschlichen Gesellschaft. Den Lesern und Hörern präsentiert Fitrat in den beiden Essays eine auf europäischen Theorien beruhende Entwicklungstheorie, die sich von den traditionell in diesem Raum herrschenden Vorstellungen von Welt deutlich unterschied. Die einer Gesellschaft zu Grunde liegenden Mechanismen stellte er dabei als allgemein gültig, wissenschaftlich erklärbar und rational nachvollziehbar vor. An der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Herangehensweise gab es für Fitrat keinen Zweifel. Durch Überzeugungsarbeit sollte der für nötig erachtete strukturelle Wandel der islamischen Gesellschaft in Buchara und Russisch Turkestan initiiert und die Menschen dieser Region auf die veränderten Rahmenbedingungen der neuen Epoche vorbereitet werden.
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Ein unangenehmer Vorteil

Ein Beitrag von Lutz Rzehak

Das Gauhar-Shad-Mausoleum - Foto Lutz Rzehak (2005)

Das Gauhar-Shad-Mausoleum in Herat – Foto Lutz Rzehak (2005)

Reste blauer Fliesen an einer Kuppel aus gebrannten Ziegeln lassen den Glanz vergangener Zeiten erkennen. Immerhin: Das Gebäude steht noch. Die vier riesigen Minarette, die sich in unmittelbarer Nähe gekrümmt, aber hartnäckig gegen den Himmel strecken, als wolle jedes von ihnen dem schiefen Turm von Pisa seinen Ruf streitig machen, sind dagegen das einzige, was von der Moschee übrig geblieben ist, deren Ecken diese Minarette einmal säumten. Die Kuppel mit den Resten blauer Kacheln bedeckt das Grabmal jener Frau, die diese Minarette und die nicht mehr vorhandene Moschee vor mehr als einem halben Jahrtausend in Herat errichten ließ. Königin Gouhar Schad war eine Schwiegertochter Timurs des Lahmen und doch Großen. Aber nicht für weitläufige Feldzüge und kurzlebige Eroberungen, sondern für ihre außergewöhnliche Bautätigkeit wird diese Frau, deren Name “frohe Perle” bedeutet, als Bauherrin der architektonischen Perle Herat in froher Erinnerung behalten.

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Das Grab von Payrav Sulaymoni

Ein Beitrag von Massud Hosseinipour

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Shah-i Zinda – Panorama Hosseinipour

Der berühmte tadschikische Literat Payrav (Otadschon) Sulaymoni starb am 09. Juni 1933 in Samarkand an Typhus und hinterließ zwei Töchter. Seine Grabstätte liegt auf dem Gelände von Schah-i Zinda, einer der bekanntesten und größten Grabanlagen Zentralasiens. Macht man sich auf die Suche nach Sulaymonis Grab, wird man es jedoch auf dem etliche Hektar großen Friedhof kaum finden. Hinweisschilder gibt es keine und seit einigen Jahren trennt auch noch eine Autostraße (die Toshkent yo’li) den nördlichen Teil des Friedhofes von einem früher einmal zur Nekropole gehörenden Gräberfeld ab. Eines der Gräber dort ist das von Sulaymoni. Es lag also bereits 1933 an der Peripherie des damals nicht voll belegten Friedhofes.

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Das Grab Payrav Sulaymonis (Samarkand) – Foto Hosseinipour

Der Grabsuchende muss heute, vom Kolchoz-Bazar kommend, an der Hazrat-i Chezr Moschee vorbei den Weg linkerhand von der Toshkent yo’li zum Hamdaddin Basir Mausoleum nehmen. Nach etwa 200 Metern liegt das Grab des Dichters am Wegrand, im Schatten einiger Maulbeerbäume und überwuchert von Stauden und Sträuchern. Continue Reading →

Der Bücherretter

Dieser Beitrag lehnt sich an eine Publikation in der 1. Ausgabe der Zeitung Omuzgor-i javon vom 1. September 2014 – anlässlich des Tags des Buches, der in Tadschikistan immer am 4. September begangen wird. Der einseitige Artikel auf Seite 13 besteht aus einer kurzen biographischen Notiz und einem Gespräch, das M. Chodschaeva mit Zafar-i Dūst führte. Text und Übersetzung, Thomas Loy

Der Antiquar in seinem Laden im Kreise seiner Kunden

Der Antiquar in seinem Laden im Kreise seiner Kunden

Sucht man Zafar-i Dūst in Duschanbe, so findet man ihn von Montag bis Freitag von etwa 10 bis 14 Uhr in seinem “Bücherladen” unter freiem Himmel auf dem Gelände der Pädagogischen Universität. Der Laden besteht aus drei im halbrund unter Platanen angeordneten Bänken vor dem Gebäude der Abteilung für Fremdsprachen. Jeden Vormittag legt Zafar auf zwei dieser Bänke seine Bücher aus. Eine hält er frei – für sich und seine Kunden. Aber nur wenige setzen sich zu ihm. Die meisten seiner studentischen Kunden halten lieber Abstand zu dem hageren alten Herren. “Die besten Freunde des Menschen, nach Gott, dem Propheten und seinen Nachkommen, sind die Bücher” sagt er freundlich verschmitzt. Klar, dass die Studierenden von heute, die er mit Büchern aus zweiter und dritter Hand versorgt, den Alten eher kauzig finden, wie aus einer anderen Welt. Diejenigen, die sich doch zu Zafar setzen sind meist Dozenten oder Rentner, die mit ihm über Literatur reden wollen, über die Vergangenheit oder das Leben im Allgemeinen. Einige von ihnen kommen regelmäßig in den Laden – auf eine Tasse mit Zafar und seinen Büchern.

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Ishkashimi

Ein Beitrag von Nazar Nazarov

Ishkashim ist eine hochgelegene und schwer zugängliche Region im Hindukusch und Pamir. Ein Regierungsbezirk gleichen Namens gibt es sowohl auf der afghanischen wie auch auf der tadschikischen Seite des Pandsch.

Ishkashim

Straße bei Ishkashim, Tadschikistan – Foto: Karvovskaya

Seit dem Britisch-Russischen Grenzabkommen von 1895 bildet der Fluss Pandsch die Grenze zwischen dem Russischen und Britischen Einflussbereich und zerteilt damit die entlang dieses Flusses lebenden Sprachgemeinschaften (u.a. Shughni, Wachi, Ishkashimi). Auch heute bildet der Pandsch die Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan (nach dem Zufluss des Vachsch im Flachland Südtadschikistans heißt der Pandsch dann Amudarja). Zu Zeiten der Sowjetunion war diese Grenze Sperrgebiet und praktisch nicht zu überwinden. Es waren zwei scharf voneinander getrennte Welten, deren Entwicklung bis zu Beginn des 21. Jhd gänzlich unterschiedlich verlief. Continue Reading →

Die mit den Flüssen tanzen, bede und boira im Ganges Delta

Ein Forschungsbericht von Olaf Günther, Mauritianum Altenburg

Bangladesh ist mit 161 Millionen Einwohnern eines der dichtbesiedeltsten Länder der Welt und Teil eines Wassersystems, das gemeinhin als Ganges Delta bekannt ist. Jedoch fließt hier nicht nur der Ganges in die Bucht von Bengalen, sondern zwei weitere, im Himalaya entspringende Flüsse, der Brahmaputra und der Meghna. Sie alle treffen an der Schnittstelle des indischen Subkontinents und des asiatischen Kontinents zusammen und bilden hier ein riesiges Delta. Über die Jahrtausende haben sie mit ihren Löß-, Sand- und Schlammmassen ein ins Meer vorgeschobenes Land erschaffen. Bei Ebbe fließt in vielen Kanälen des Deltas das Flusswasser meerwärts, bei Flut fließt das Seewasser landeinwärts. In der Regenzeit überschwemmen die Himalayaflüsse die Dörfer mit Wasser, in der Trockenzeit dominiert an vielen Orten das Meerwasser, was zu salzigem Trinkwasser führt.

Schaufelraddampfer aus Zeiten des British Empire, noch heute viel genutzt

Schaufelraddampfer aus Zeiten des British Empire, noch heute viel genutzt

Die Masse an Menschen, die ein Land bewohnen, das weniger als halb so groß ist wie Deutschland, sind ein deutliches Zeichen für die Fruchtbarkeit des Bodens dieses Deltas. Die Ernte wird jedoch auf einer sehr dynamischen und risikoreichen Grundlage erwirtschaftet, denn häufig werden aus Flusswassern reißende Ströme, die Inseln in der Größe einer Kleinstadt fortspülen können. In der Zeit der Cyclone wird aus dem Indischen Ozean ein durch reißende Stürme gepeitschtes Meer, das tief bis ins Landesinnere vordringt und Menschen, Felder, Wirtschaften und Behausungen wegschwemmt.

In der longue duree, also einem Zeitraum von 2.000-3.000 Jahren gesehen, ist der richtige Umgang mit dem Wasser, wesentlich für das Überleben der Deltabewohner. Auch in der lokalen Folklore kann man sehen, wie zentral das Wasser der Himalayaabflüsse für die Menschen im Delta ist. In den baor Liedern, den Bootsliedern der Fischer und Flussfahrer, in den Mythen und religiösen Geschichten, in der Personifizierung von Flüssen und Nebenarmen, die sich lieben, sich miteinander vereinen oder wieder entzweien ist das Wasser Motiv, Akteur oder Grundlage der Erzählung.

Über den langen Zeitraum von 2-3.000 Jahren können mit dem Wasser viele Wanderungsbewegungen von Menschen und Kulturen nachverfolgt werden. Im Delta verschwimmen die Grenzen. So führte z.B. die langsame Verlagerung des Flussbettes des Ganges in Richtung Osten auch zur Verlagerung des zentralen Siedlungsraumes von Westbengalen nach Ostbengalen. In die gleiche Richtung wanderten dann auch die mit den jeweiligen Menschen verbundenen Religionen, der Hinduismus oder später der Islam. Diese Bewegungen führten zu Vermischungen der beiden großen Religionen, hinzu kamen kleinere lokale Kulte. Viele der Heiligen werden heute als Helden in den beiden großen Religionen des Deltas verehrt und viele religiöse Mythen sind Teil der hinduistischen wie auch der islamischen Folklore.

Da alle Flüsse des Deltas vorher indisches Territorium durchqueren, hält neuerdings ein bestimmtes Thema die Menschen des Deltas fest im Griff. Es ist der Staudammbau auf der indischen Seite, der nicht nur der Energiegewinnung dient, sondern auch noch eine Reihe von Neuland- und Wüstenbegrünungsprojekte ermöglichen soll. Projektiert wurde der Staudamm schon in den 1950er Jahren. Ein Ziel war die Flutprävention im Delta. Die Folgen des Projektes sind jedoch negativ für die Deltabewohner. Einerseits halten die Dämme die Lössbestandteile des Wassers in den Stauseen fest. Dies führt zur Versandung der fruchtbaren Deltafelder. Andererseits kommt es durch das Abführen des Flußwassers für die Neulandgewinnung in Indien (Bihar) zu einem Wassermangel im Delta, der wiederum zum Verlanden der Kanäle führt, den bisher wichtigsten Verkehrswegen dort.

Diese veränderten Bedingungen im Delta fand ich vor, als ich mich auf die Suche nach den bede machte, einer indigenen Bootszigeunergruppe, die sich traditionell der ambulanten Heilung, Reparatur von Haushaltsgegenständen und dem Auffinden verlorener Wertsachen in Teichen widmet. Doch waren die bede nur ein Teil der mobilen Gruppen im Delta. Hier leben ebenso mobile Fischerfamilien (boira), deren Lebensmittelpunkt das Boot ist, Honigsammler, die Sammelexpedtionen in die Mangrovenwälder unternehmen, Sammler von Schilf (bowali) und anderem Flechtmaterial, die den Grundstoff der Matten aus den Deltawäldern in die Werkstätten der Schilfmattenflechter bringen, oder mobile Schweinezüchter (kowra), die in zyklischen Abständen die Deltadörfer besuchen und Schweine verkaufen. Diese alle haben ihre Mobilitätsmuster und verändern diese nach den aktuellen Begebenheiten. Mit zwei dieser Gruppen, den bede und boira, hatte ich engeren Kontakt, machte mit ihnen Interviews zu ihrer aktuellen Lebenssituation und konnte mit der Methode der oral history lebensgeschichtliche Gespräche führen.

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Kabul einmal anders

Vor kurzem veröffentlichte Friederike Böge in der faz einen sehr schönen Beitrag über Kabul. Und auch wenn die Autorin, die längere Zeit selbst in der Stadt lebte, einiges ausblendet und hin und wieder mit ihren Einschätzungen daneben liegt (“Bildnisse sind unter den Sunniten verpönt”?), zeichnet sie in ihrem Beitrag doch ein Portrait der afghanischen Hauptstadt, wie man es in deutschen Medien nur selten findet. Böge führt uns nach Westkabul und blickt aus der Dasht-e Barchi auf die fragmentierte Stadt. Eine weitere Geschichte aus der Dasht-i Barchi, das selten gemeint ist, wenn in den Nachrichten von “Kabul” die Rede ist, findet man hier bei uns.

und hier noch drei Bilder aus Dasht-e Barchi – bei Sonne, bei Regen und bei Schnee:
Dasht-i Barchi SonneDasht-e Barchi Regen Dasht-e Barchi bei Schnee

Öffentlicher Raum in drei Postsowjetischen Städten

Was haben Tiblissi, Baku und Xodjand gemeinsam? Die drei Städte haben eine sowjetische Tradition und eine postsowjetische Geschichte. Ungeachtet dessen, dass sie sich nun in drei unterschiedlichen Nationalstaaten befinden, lassen sie sich doch gemeinsam beforschen. Das finden jedenfalls
Lela Rekhviashvili (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig), Melanie Krebs (HU Berlin) und Wladimir Sgibnev (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig). Am kommenden Montag sind sie in Leipzig zu hören. Näheres findet sich hier.

Montag, 20. Oktober 2014, 13:30Uhr

Carola Neugebauer (RWTH Aachen, Germany)
Introduction

Lela Rekhviashvili (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig, Germany)
Silence and invisibility: tactics of the weak or the strategy of the powerful? Case of petty traders in Tbilisi

Melanie Krebs (HU Berlin, Germany)
The right to live in the city – Urban behavior and control in Baku

Wladimir Sgibnev (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig, Germany)
Rhythms of being together. Public space in urban Tajikistan through the lens of rhythmanalysis

Return the Face to its Owner

Emilia Roza Sulek
Humboldt University in Berlin

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A photo-story
(Return the face to its owner)

During my fieldwork in Tibet, I carried with me photographs taken by travellers and anthropologists who went there before, and hoped that someone recognizes the people in those photographs. And yet, I was surprised when it happened.

Sitting in a small village somewhere in the mountains, eating candies and fried bread, I conducted an interview with an elderly nomad. The man – advanced age, with a brown face and a grizzly-like posture – sat on the other side of the stove, answering my questions. His wife, perched on a small stool like a little bird, got up every now and then to pour more tea. Carrying a huge kettle, she threw a few words into our conversation. The leading voice belonged to the man, but she made sure that what he said agreed with what she remembered.

Interview with Rock' photos (Photo E.R. Sulek)

Interview with Rock’ photos (Photo E.R. Sulek)

The man talked about the past, which land belonged to which tribe, and how Ma Bufang, the governor of Qinghai, wrote this on paper, sealed it, and handed it to the leader of the tribe to which my hosts belonged. His signature and stamp testified that this piece of land belonged to these people and to no one else. That was during the time of the Republic of China. Now it is the People’s Republic and many things have changed.

Talking about the past (Phoo E.R. Sulek)

Talking about the past (Photo E.R. Sulek)

That tribe leader who got Ma Bufang’s sayig or land decree could not be among the living anymore, but he could have some living relatives. “Yes, his son is here”, my host said. “How do I find him?”, I jumped with excitement. “He’s around, sometimes here, sometimes there…”, the answer did not sound promising, but was typical of a society where people move a lot, coming and disappearing again.

At that moment, the door to the mud house opened. A man in a yellow hat and thick glasses on his nose entered the room limping slightly. “Well, here he is!”, my hosts exclaimed. Astonished with this deus ex machina way in which the old leader’s son appeared in the door, I only managed to ask, “How did you know you should come right now?!” The man, already in his late eighties, answered, “I always know where nice ladies are”.

I moved closer and, sitting almost at his feet, absorbed his words with almost all senses: the history of old tribal leaders, of his father who got the land from Ma Bufang and of what happened later.

“Can you show him the photos?”, my host asked. Everyone knew that I had with me a folder full of photographs, those which both I and other people took, sometimes decades ago. Among the latter, there were photographs by Joseph Rock from the National Geographic Magazine. The old leader’s son studied them carefully. Suddenly, his face brightened. “I knew this man”, he said. There was a photo of a man with a cocked hat and eyes looking straight into the camera. “Gomba, nicknamed Dadda, chief of the Jazza clan”, the caption said. “Not Jazza. Lowa”, the old leader’s son corrected. “His name was Lowa Ngawang”.

A story followed. The old leader’s son was jailed in 1958, when Tibetans clashed with the Chinese Communist troops. He was lucky and was released quickly, but many of his relatives never left prison alive. There, in prison, he met the man from the photograph: Ngawang, chief of the Lowa tribe who neighboured Jazza. Lowa Ngawang was there together with one of his sons, a Buddhist lama. They were jailed by his other son who supported the new power. “He tortured them a lot, even your worst enemy wouldn’t have done so”, the man said. Lowa Ngawang was 73. He died one month later. What happened to his monk-son is unclear.

For Lowa Ngawang alias Dadda the history ended in 1958. But what happened to his younger son, who secured for himself a place in the ranks of the new Communist functionaries in his region? He was removed from his post during the Cultural Revolution, when many followers of the new government lost their jobs, and sometimes their lives during outbreaks of violent struggle sessions. That was his fate. The story could be a basis of another Shakespeare-like tragedy: of family betrayal and craving for power. The wheel of history turned, destroying both the father, the leader from the old times, as well as his son, a communist, who had gained power, but all together it was only a short-term guarantee of survival.

*

People from the past, photographed by travellers or anthropologists, are not anonymous representatives of their folk. Their faces, stored in archives and reproduced in books, detached from their owners, gain a life of their own, becoming “vignettes” of their time or region they come from. How many such images do we have, not knowing whose faces these really are? Intricate paths of life, history and coincidence made these people step into a photographer’s lens and start another, photo-life. But they once had names and biographies which later on were lost in transmission.

Lowa Ngawang alias Dadda played an important role in Rock’s narrative being his guide to Golok, but we know little about him. During that interview, he stopped being just a figure in a travelogue and regained part of his biography. However, he was an important person in his community. Would it also be possible to find something about those people who were less important, who were not guides but nameless escorts, not leaders but nomads whose paths accidentally crossed with those of the photographer and whose names the photographer never knew?

Scores of unknown people from the past, both women and men, populate our books. Maybe it is still possible to return some of these faces to their owners.

 

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Joseph Rock’s photograph courtesy of Harvard-Yenching Library.

The author thanks Norma Schulz for her help in editing this post.

manifest

tethys ist das Urmeer, das Meer der Geschichten, das aus Millionen von Erfahrungen menschlicher Kultur entstanden ist und nicht vergeht, so lange die Menschen aus diesem Reservoir schöpfen und ihr Leben damit gestalten. Sie sind Teil der Geschichten, weil sie diese in sich tragen, erneut anpassen, umändern und im Strom der Zeit ihre Geschichten dazugeben. Keine Theorie konnte sie je fassen, kein Gedanke sie allumfassend ordnen. Die Geschichten sperren sich dagegen, sie sind pralles Leben, dem Zugriff der Philosophie entzogen und doch sie ständig ernährend. So als sei eine mühsam in der Studierstube erdachte Ordnung nur ein Abfallprodukt eines Nährstoffes, der Jahrtausende überleben kann, ohne seine Kraft zu verlieren.

Es geht aber eine Gefahr von den Studierstuben aus, die sich gegen die stellen, die sich aus dem Meer von Geschichten ernähren. Sie wollen das Meer trocken legen, ihm seine diversen Kulturen entziehen, in dem sie sie negieren. Kultur ist für sie ein neues Wort für Ungleichheit und ungleich ist ihnen ein Dorn im Herzen. Sie wollen alle gleich haben, sie wollen sie alle gleich ihrem Ebenbild. Es ist die neue Kolonisierung, die neue Barbarei, die von der industriellen Welt ausgeht. Mit ihr spielen sich auch die Wissenschaften als Hüter der Normen und Ethik auf, einer Ethik, die ihrem Geist entsprungen, als Waffe eingesetzt wird. Stiftung Wissenschaft und Politik, Kulturaufmaß bei der Bundeswehr, vermeintliche Spezialisten in Presse und Rundfunk, Bundespräsidenten und Bürgerrechtler, sie schreien “Krieg!”, sie schreien “Nieder!” und richten ihre Waffen auf diejenigen, die aus menschlichen Erfahrungen handeln und nicht aus einem Programm der Übermacht heraus. Sie beschleunigen damit jedoch vor allem ihren eigenen Niedergang.

Sie wetzen die Waffen, nennen es nun Globalisierung, Demokratisierung, zwingen alle zu einer Sprache. Der Blick auf die Diversität menschlicher Gemeinschaften ist für sie der blanke Horror: Exotismus. Diversität ist für sie Mangel an Gleichheit, Unterschiede ergeben sich nur aus einem Mangel an Freiheit. Die Freiheit, die sie meinen, ist aber die Freiheit, ihr Denkmodell zu wählen, koloniales Gedankengut in neuem Gewand.

Wir, die Siedler am Rande von tethys  halten die Farbenprächtigkeit der Diversität gegen all ihre graue Theorie, unsere Waffe sind die Geschichten, aus dem Urmeer tethys. Mit ihnen beleben wir die Welt, ohne die eiserne Elle des europäischen Meters, ohne die Wertung eines moralinsauren Weltverbesserers. Ruchlose Taten und ihre Folgen sehen wir überall auf der Welt: in Afghanistan, im Kosovo, im Irak, in Syrien… Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie sie aufmessen, Flure bereinigen und ursprüngliche Diversität durch ihre Monokultur ausrotten… tethys, das Urmeer der Geschichten gilt es zu retten und mit ihm einen radikalen Narrativismus zu etablieren. Denn nur dieser schafft es, Komplexes, Verworrenes, Vielschichtiges zu transportieren. Die Lehren von tethys sind sanft, auf Erfahrungen gebaut, und doch so kraftvoll das ein radikaler Narrativismus es schaffen kann, gegen das Vordringen der Monokultur in Wissenschaft, Gesellschaft, Presse und Politik etwas entgegenzusetzen. Verweigert Euch den Theoretikern und erzählt Geschichten, bringt die Welt durch die Weisheit der Geschichten ins schwingen!

Unheilvolle Zeiten stehen uns sonst bevor!

Nachtrag
Oder so:
Das hier ist der erste Band der Istanbul-Enzyklopaedie … Dass Istanbul ein unendliches Meer von Details ist, habe ich begriffen als ich die Artikel in dieser Enzyklopaedie las. Und ich habe erkannt, dass ich mich von diesem Meer ernähren muss. Istanbul mit seinen Moscheen, Hochschulen, Schulen, Bibliotheken, Zentren der Sufi-Bruderschaften, Mausoleen, der Ayazma Moschee, den Quellen, Brunnen, Palästen, Sommerhäusern, Residenzen, Villen, Herbergen, Badehäusern, Theatern, Kaffeehäusern, Weinlokalen… (Orhan Pamuk auf arte)

Auf Zentralasien gemünzt, ist dies die Kurzform unserer Anliegen (siehe erster Absatz manifest).