Scheitern mit Ansage: Deutsche Afghanistanpolitik 2001-2021

Dieser 8-minütige Kommentar der Monitor-Redaktion ist bis 19. August 2099 – also die nächsten 80 Jahre in der ARD Mediathek verfügbar!

Der Beitrag konstatiert ein 20 Jahre andauerndes Versagen der Deutschen Afghanistanpolitik – inklusive Schönfärben, Ignorieren und Vertuschen. Allerdings hätte dem Beitrag auch ein bisschen Eigen(Medien)kritik gut getan – denn auch in ARD und ZDF und auf den übrigen Mainstream Kanälen wird die Fundamentalkritik an der Deutschen Afghanistanpolitik ja erst jetzt so richtig laut. Denn das Interesse an Afghanistan nahm auch in den deutschsprachigen Medien nach 2001 sukzessive ab. In den letzten Jahren war es praktisch ganz erlahmt. Da hätte man sich auch als nur gelegentlicher Zuschauer wesentlich mehr erhofft.

Hier eine Mängelliste, die der Journalist Peter Scholl-Latour im Jahr 2009 vorgetragen hat. Dass der alte Kautz auf dieser Seite einmal verlinkt wird….

Endlich: Neues DARI-Persisch Lehrbuch im Handel !

Cover Dari-Persisch Lehr- und Übungsbuch – Erschienen im Reichert Verlag im August 2021.

Alles neu in Afghanistan? Eines war, ist und bleibt sicher eine Grundvoraussetzung, um sich mit dem Land und den dort lebenden (oder von dort stammenden) Menschen auseinander zu setzen: Kenntnisse der Landessprachen. Dari ist eine davon.

Jetzt gibt es endlich ein Lehrbuch mit vielen Übungen dazu. Das von Lutz Rzehak und Bidollah Aswar konzipierte und zusammengestellte Lehr- und Übungsbuch mit Lösungen, Audio- und Videomaterial bietet nun endlich die besten Voraussetzungen, sich diese Variante der Persischen Sprache anzueignen – sowohl für Einsteiger, als auch für Interessierte mit Farsi-Vorkenntnissen. Das 2-Bändige Lehrwerk mit 864 Seiten ist im Reichert Verlag erschienen und und bietet eine praktische Einführung in das Dari-Persische.

Beide Autoren (Bidollah Aswar, geboren in Zabol/Afghanistan und Lutz Rzehak, geboren in Reichenbach/Deutschland) arbeiten am Zentralasien-Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin und haben gemeinsam mehrere Forschungsreisen nach Afghanistan unternommen. Continue Reading →

Ein Schrein für romantische Begegnungen mitten in Kabul

Die folgende Reportage von Masuma Erfan erschien am 27. April 2021 auf dem afghanischen Nachrichtenportal subhekabul.com. Sie ist ein Beleg für die beeindruckende Entwicklung, die ein unabhängiger Journalismus in Afghanistan in den vergangenen zwanzig Jahren erfahren hat. Reportagen wie diese zeichnen ein sehr anschauliches Bild vom Alltag im heutigen Afghanistan. (Diese Übersetzung lag bereits im Juli 2021 vor – wie lange “der Alltag im heutigen Afghanistan” noch so aussieht, wie im April von Msuma Erfan geschildert, lässt sich nach den politischen und militärischen Entwicklungen der letzten Tage allerdings nur schwer voraussagen.)

Die Übersetzung aus dem Dari stammt von Bianca Gackstatter

Jeder meiner Tage beginnt mit dem Überqueren der Pul-e Sokhta. Alleine bin ich dabei nicht, denn tausende Menschen passieren täglich diesen Ort. Einige von ihnen sind auf dem Weg zum Unterricht und zur Universität mit Taschen voller Bücher und Stifte. Einige andere hingegen sind mit staubiger und schmutziger Kleidung auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen und eine weitere Gruppe geht mit den Händen in den Hosentaschen und derart hochnäsig, dass sie nicht wahrnehmen, was um sie herum geschieht. Continue Reading →

20 Years After

Laut Washington Post wäre man in Washington nicht überrrascht, wenn Kabul (und damit die Regierung ganz Afghanistans) in den nächsten 30- 90 Tagen von den Taliban eingenommen wird- also exakt 20 Jahre nach 9/11 und dem Rückzug der Taleban aus der Hauptstadt Afghanistans. Auch die Süddeutsche berichtet (hier). Seit dem vergangenen Wochendende haben Kämpfer der Taleban bereits mehrere wichtige Städte und Provinzen des Landes eingenommen: Sarandsch, Schibarghan, Sarepul, Kunduz, Talokan, Faizabad, Farah, Pul-e Khumri.

Was bleibt sind 20 verlorene Jahre für die meisten Menschen in Afghanistan. Und die unerträgliche Arroganz und Indifferenz “des Westens”.

Eine aktuelle Einschätzung der derzeitigen Lage findet sich bei Thomas Ruttig.

Nachtrag, vier Tage später: Die Lage in Afghanistan und in Kabul hat sich seit dem 11. August dramatisch verändert. Hier ist eine aktualisierte Einschätzung von Thomas Ruttig. Und hier ein heute veröffentlichter Hintergrundbericht seiner AAN-Kollegin Martine van Bijlert und einigen Antworten auf die Frage, wie das nun alles so schnell gehen konnte mit dem Machtverfall der Afghanischen Regierung. Diese hat / hatte – wie Bijlert in ihrer klaren und treffenden Analyse schreibt – offensichtlich “little connection to, or interest in, the actual situation on the ground—which, by the way, is not unfamiliar behaviour. It has been modelled to the Afghan government by the international military and donors for years.”

 

Wladimir Medwedew „Im Strom der Steine“

Eine Rezension von Andreas Mandler

Wladimir Medwedew: Im Strom der Steine (Aufbau Verlag 2021)

Nach der Lektüre des Romans wüssten wir gern mehr über Wladimir Medwedew. Zumindest mehr, als der Verlags Klappentext über ihn verrät: „Wladimir Medwedew wurde in Transbaikalien geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Tadschikistan, wo er als Monteur, Helfer einer Geologentruppe, Dorflehrer, Fotojournalist, Patentfachmann in einem Konstruktionsbüro, Sporttrainer und Redakteur in Literaturzeitschriften tätig war. Heute lebt er in Moskau.“ (Aufbau Verlag Berlin). Er erscheint wie Okmir Agachanjanz (der berühmte Sowjetische Geobotaniker „Auf dem Pamir Aufzeichnungen eines Geobotanikers“ Leipzig 1980) oder wie die von Georg Renner  in „Biwak auf dem Dach der Welt“ (Leipzig 1975) beschriebenen Charaktere: Ein dem “wilden Osten” der Sowjetunion verfallener Abenteurer. Aber, und das ist ein sehr interessanter Aspekt dieses Buches, es gibt einen postkolonialen Bruch: Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, der Abenteurer ist nicht unschuldig, sondern wohl oder übel der Vertreter einer fremden Macht. Diese Verschiebung, vom Verbündeten zum Fremden, musste Medwedew selbst erleben und auch davon erzählt sein jüngst erschienener Roman «Заххок» (2017), auf Deutsch „Im Strom der Steine“ (Aufbau Verlag, Berlin 2021).

Wladimir Medwedews Roman wirft die Leserinnen und Leser in eine abgelegene Region, die hierzulande nur wenigen Rucksack- oder Fahrradtouristen bekannt sein dürfte, die den beschwerlichen Weg nach Tadschikistan auf sich genommen haben und von der Hauptstadt Dushanbe weiter in den Pamir – auf das „Dach der Welt“. Der Bezirk Darvoz, wo der Roman vor allem spielt, befindet sich auf halbem Weg dorthin – inmitten einer kargen Gebirgslandschaft im tadschikischen Hinterland. Medwedews Roman stürzt die Leserinnen und Leser ins post-Sowjetische Chaos, in die Tadschikistan bis heute traumatisierende Zeit des Bürgerkriegs von 1992-1997, und erzählt die erschreckend einfache Geschichte vom Zerfall eines scheinbar stabilen Staates und dem damit einhergehenden Abgleiten in Chaos und Gewalt. Medwedew illustriert dieses Szenario aus verschiedenen Perspektiven von einer sonst wenig beachteten lokalen Mikroebene – ethnographisch genau und gerade deshalb bedeutsam.

Der Originaltitel des Romans „Zahhok“ verweist auf eine Figur der iranischen Mythologie und klassischen Persischen Literatur, von der man in Tadschikistan bis heute erzählt. In Firdausis Heldenepos Shahname (dem „Buch der Könige“), wird „Zahhok“, die böse und giftige, dreiköpfige Schlange von Gott geschickt, um die Menschen ins Chaos zu stürzen. „Zahhok“ setzt sich durch und tötet die rechtschaffenen und hart arbeitenden Menschen. Diese werden durch grausame und verräterische Menschen ersetzt. Aber schließlich naht ein bekannter Held und sein Begleiter „Kovar“ aus den Gebirgstälern, um die Schlange zu besiegen. Continue Reading →

Auf den Spuren Baburs

Es lohnt sich eigentlich immer William Dalrymple zu folgen. Egal wohin er schreibend geht. In die City of Djinns (1996), ins Herz Indiens (2002 auf Deutsch), 1857 nach Dehli am Ende der Mughalherrschaft (2006), sogar in den ersten Anglo Afghanischen Krieg (2012) und gerade erst in die Anarchie der East Indian Company (2019) folgt man dem Erzähler gerne. Jetzt hat er sich auf gemacht in das heutige (vor-corona) Usbekistan. Genauer gesagt ins Ferghanatal und zum Mausoleum von Sheikh Mohammad Sadik in Katta Langar nahe Sharisabz. Sein kurzer Reisebericht auf den Spuren des Begründers des Moghulreiches Babur – Anlass der Reise war die englisch-sprachige Neuauflage des Baburnama – ist über einen kleinen Umweg hier zu lesen und – wie immer bei Dalrymple – sehr zu empfehlen.

Ach, und wer ihm dorthin folgt, der sollte unbedingt noch ein Buch dabei haben: Scott C. Levi: The rise and fall of Khoqand 1709-1876 (2017). Dort kann man nachlesen, was in (und mit) der Region passierte, lange nachdem Babur (1483-1530) sich davon machte, in den Süden, über die Berge und Delhi eroberte, aber seine Heimat nicht hinter sich lassen konnte…

Eingebunden in Sowjetische Geschichte: jüdische Gebetsbücher aus Zentralasien

Dieser Beitrag basiert weitgehend auf einem am 8. März 2021 von Chen Malul auf https://blog.nli.org.il/sodot-hidden-siddur/ auf Hebräisch geposteten Beitrag. Wir danken der National Library of Israel und Chen Malul für die Erlaubnis diesen Beitrag für unseren Blog zu nutzen. Übertragen, gekürzt und bearbeitet von Thomas Loy. 

Kürzlich wurden der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem vier Gebetsbücher (Hebräisch Siddur) gespendet. Zeev Levin erwarb sie in den frühen 2000er Jahren während seiner Tätigkeit als Emissär der Jewish Agency (Sochnut) in Uzbekistan. Sie stammen aus dem Privatbesitz von Juden, die sie kurz vor ihrer Emigration aus Zentralasien in den Synagogen deponierten. Und das besondere an ihnen ist nicht unbedingt ihr Inhalt, sondern ihr Einband.
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Malen in Zeiten des Wandels

Als ich das erste Mal mit den Mitarbeitern des Altenburger Naturkundemuseums Mauritianum 2016 an den Terletzker See zur Sammlungsexpedition fuhr, machte die Expeditionsgruppe für einige Tage im Dörfchen Ioagach am besagten See halt. Ich war damals auf der Suche nach einheimischen Altaiern und musste betrübt feststellen, dass die Altaier hier schon lange verdrängt wurden. Stattdessen hatte sich am Terletzker See eine russische Community von Malern und anderen Künstlern angesiedelt, die die Sommermonate dazu nutzen, hier am See mit dem goldenen Fließ ihre künstlerische Inspiration zu suchen. Die meisten kamen nur für kurze Zeit, andere schlugen ihre Zelte hier für immer auf. Ich ging oft in die Gemäldegalerie gegenüber von Iogach nach Artybash, zumal ich hier eine gute Freundin gefunden hatte, die mir wertvolle Hinweise gab, damit ich meine ethnografischen Versuche, die Gegend zu erkunden machen konnte.

Der Terletzker See von seinem Ende her. Hier entspringt die Bij, ein Nebenfluss des Ob. Choros Gurkin (Staatliche Museum Gorno Altaisk)

Als die Reise vom Terletzker See wieder ins Vorland des Altai Richtung Barnaul ging, machte ich noch einen kurzen Abstecher ins Nationale Museum der Republik Altai. Dieses hatte zwar gerade geschlossen, weil es sich auf die lange Nacht der Museen vorbereitete, aber da ich mit ein paar Mitarbeitern des Mauritianums nicht locker ließ, das Museum doch noch zu besuchen, wurden wir ausnahmsweise eingelassen und bekamen eine private Führung einer Mitarbeiterin des Museums. Als wir in die zweite Etage des Hauses kamen, staunte ich nicht schlecht. Diese war dem Altaier Gregori Choros Gurkin gewidmet und stellte fast seine gesamten Ölgemälde aus. Hatte ich nun schon auf den Strassen von Iogach und Artybash keine Altaier getroffen, so waren zumindest im Museum jede Menge Mitarbeiterinnen aus dieser Gruppe der Einheimischen, sie sprachen sogar türkisch untereinander. Wie ich später erfuhr, da waren viele von ihnen schon meine Freunde geworden, stammten viele Mitarbeiter aus dem Karakol Tal. Ich war tief beeindruckt vom Nationalmuseum und begeistert von dem Maler aus der zweiten Etage. Deshalb beschloss ich, bei einer weiteren Feldforschung, die das Mauritianum für das höher gelegene Kuraj ansetzte, ein paar Wochen im Voraus ins Nationalmuseum zu fahren und zum Leben und Werk des Malers Gregori Choros Gurkin zu forschen.

 

Der Maler Gregori Choros Gurkin wurde 1870 in einer Zeit des Wandels geboren. Zwischen ihm und dem alten Altai der Schamanen und der turksprachigen Viehzüchter lagen ein paar Jahrzehnte russischer Dominanz in den Bergen. Er selbst wurde in einer orthodoxen Missionsstation geboren, die später die Hauptstadt der Repubik Altai werden sollte. Sein Großvater war wohl einer der Neubekehrten und passte sich den neuen Begebenheiten durch Umsiedlung in die Missionsstation an. Es waren unruhige Zeiten, die Gewissheiten der Alten Welt waren mit den Schamanen gegangen, die Ungewissheiten der Zukunft waren mit den neuen Siedlern aus Europa gekommen. Neue Krankheiten grassierten in den Bergen, auf die die Einheimischen keine andere Antwort fanden, als den Rückzug aus den Tälern.

Eine Opferstätte im Altai, im Hintergrund ein Balbal, eine Grabplatte für gefallene Helden und die Schädel des Maral Hirschen, dem besondere Kräfte nachgesagt werden. Gregori Choros Gurkin, Staatliche Museum in Gorno Altaisk.

Der Maler Gregori Choros Gurkin machte das Gegenteil, anstatt den Rückzug anzutreten, begab er sich mitten hinein in das sich verändernde Rußland. Er bewarb sich an der Akademie der Künste in Petersburg, wurde jedoch abgelehnt. Von geometrischen Übungen und Körpern hatte er in der Missionsschule noch nichts gehört. Einer der Petersburger Landschaftsmaler wurde jedoch auf den jungen Altaier aufmerksam: Iwan Iwanowitsch Schischkin. Bei ihm wurde Gegori Gurkin 1897 Schüler und dieser drückte ihm auch den Stempel der Landschaftsmalerei auf.

Weg in den Wald, Choros Gurkin 1902 (?)

Doch das intensive Lehrer-Schüler Verhältnis hielt nicht lange. 1898 starb Schischkin an der Seite von Gregori Gurkin in seinem Atelier. Einige Jahre konnte Gregori Gurkin als Gasthörer noch an der Petersburger Akademie weiterlernen, dann machte die Revolution von 1905 Schluß mit der Bildung in den Akademien. Gregori Gurkin verließ Petersburg und kehrte zurück in den Altai.

Zur gleichen Zeit machte gerade eine buddhistisch chiliastische Erweckungsbewegung (Burchanismus) Jagd auf Schamanen, verbrannte ihre Trommeln und setzte viele von ihnen in den Dörfern als Arbeitssklaven ein. Die Welt war im Wandel und Gregori Gurkin wollte ihn mitgestalten. So nahm er sich vor, soviel wie möglich vom Altai zu malen, seine Bewohner zu poträtieren und seine Volkskunde zu studieren. Diese Mischung aus Landschaft, Leuten und Volkskunde zeigte er auch bald in den ersten Ausstellungen der wichtigesten Sibirischen Städte: Omsk, Tomsk oder Irkutsk. Er wurde gefeiert von der Presse, von den Kunstkritikern, von der Wissenschaft. Sibirien hatte seinen ersten sibirischen Künstler. Doch diese Einordnung sollte sich noch als schwierig erweisen. Den sibirischen Intellektuellen war in jener Zeit sehr nach Abgrenzung vom europäischen Russland, die sogenannten Oblastniki waren stark in regionaler Politik vertreten.

Siehe nur, Sieh die neue Zeit. Postkarte mit Themen wie Burchanismus, Pferdeopfer und Einigkeit unter den Altaiern. Choros Gurkin 1919

Die Zeit zwischen russischer Revolution von 1905 und Oktoberrevolution von 1917 waren Gregori Gurkins produktivste Jahre. Seine Schaffenskraft war auf dem Höhepunkt und seine Gemälde, die er — oft sich selbst kopierend — verkauften sich gut. Dann kam Lenin und seine Verheissung einer  selbstbestimmten Zukunft der Völker. Die Intellektuellen im Altai nahmen diese Aufforderung gerne wahr, darunter Gregori Choros Gurkin, der sofort auch ein Programm für einen selbstständigen Altai auflegte. Diese Phase seines politischen Wirkens war kurz und geprägt vom heftigen Hin und Her zwischen weißen, roten und den einzelnen lokalen Milizen. Nachdem er bei praktisch allen politischen Akteuren angeeckt war, gab er seine politischen Ambitionen auf und kehrte dem Altai den Rücken. Er ließ seinen Hof und Besitz zurück und floh für einige Jahre in die Mongolei.

Nach seiner Rückkehr brauchte er Jahre, um sich wieder eine Heimstatt zu schaffen, Jahre, in denen er kaum Zeit fand für seine Malerei. Dem Maler aus der vorrevolutionären Schule Rußlands, mit ausgeprägtem folkloristischem Interesse war die neue Kunst der Arbeiter und Bauern nicht fremd. Er hatte jedoch auch Probleme, die Kunst der neuen Zeit mitzubestimmen. Das Gefühl nicht gebraucht zu werden, setzte sich tief in seinem Herzen fest. Er zog sich in sein neues Zuhause zurück. Es ist besonders tragisch, dass er erst Mitte der dreissiger Jahre wieder ein Gefühl dafür entwickeln konnte, endlich wieder im Altai angekommen zu sein. 1937 wurde dieser Ankunft in der neuen Zeit ein Ende gesetzt. Gregori Choros Gurkin wurde beschuldigt ein japanischer Spion und Verschwörer zu sein, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Seine politische Vision eines unabhängigen Altai innerhalb der Rußländischen Völkerfamilie konnte sich erst 1990 erfüllen. Seitdem wird Gregori Choros Gurkin wieder vermehrt geehrt. Die 60 Jahre des Vergessens aber haben seiner damaligen Bedeutung als sibirischer Maler großen Schaden zugefügt. Heute ist er ausserhalb der Republik und in Spezialistenkreisen der Kunstwissenschaft, der Altai Forschung etc. kaum bekannt. Vielleich kann dieses Buch das ändern.

Grigori Choros Gurkin (1870-1937) – Eine Monographie von Ljubov Bragina und Olaf Günther

Ein Beitrag von Andreas Mandler

Grigori Gurkin: Nomaden im Gebirge. (Staatliches Museum der Region Altai) Public domain, via Wikimedia Commons

Zuletzt erschien in der edition tethys ein Band zum altaischen Maler Grigory Ivanovich (Čoros) Gurkin, dessen Bilder zur subkutanen russischen und sowjetischen Welt gehören. Čoros-Gurkins Bilder hängen in Russlands wichtigen Museen und vor allem im Staatlichen Kunstmuseum der Altai-Region.

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Interview mit Kamoluddin Abdullaev: Die Geschichte der Tadschiken ist ebenso tragisch wie die Geschichten des “Stillen Don”

Autor: Haidar Schodiev, Asia-Plus. 5. März 2020.
Übersetzung und Kommentierung [in eckigen Klammern]: Andreas Mandler und Thomas Loy
Mit freundlicher Genehmigung von Umed Babakhanov

Foto: persönliches Archiv K. Abdullaev

Kamoluddin N. Abdullaev wurde am 21. Februar 1950 geboren. Er ist Historiker und eine bekannte Persönlichkeit Tadschikistans. Aus Anlass seines 70. Geburtstages sprach der Jubilar mit Haidar Shodiev von der Zeitung “Asia-Plus” über wenig erforschte Seiten der Geschichte des tadschikischen Volkes, die Bedeutung von Ausbildung und Professionalität, sowie seine eigenen wissenschaftlichen Aktivitäten.

Kamoluddin Abdullaev erforscht und lehrt seit über 30 Jahren die moderne Geschichte Zentralasiens, vor allem die Geschichte Tadschikistans. Seit 1992 ist er auch als unabhängiger Experte und Berater für internationale NGOs und Forschungsinstitutionen tätig, die sich mit dem Aufbau der Zivilgesellschaft, mit Bildung und mit Konfliktlösung in Zentralasien befassen. Er nahm mehrfach an US-Austauschprogrammen für Geschichte und Sozialwissenschaften teil. Kamoluddin Abdullaev ist Verfasser und Herausgeber von 9 Büchern auf Russisch und Englisch und Autor von über 40 Artikeln.

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