Arkadi Il’yasov (1939-2018)

Arkadi Il’yasov 2005 vor seinem Haus in Samarkand.

Eine Erinnerung von Thomas Loy

Als ich Arkadi (Abrascha) Levayevitsch Il’yasov das erste Mal traf, saß er in seiner Küche und wartete auf mich. Es war im April 2005 in Samarkand. Ein gemeinsamer Freund hatte mir Arkadi als Gesprächspartner empfohlen und ihn am Abend zuvor angerufen und gefragt, ob er bereit sei, mir etwas über die Geschichte der Bucharischen Juden zu erzählen. Er war einverstanden.

Die Familiengeschichte, die mir Arkadi dann erzählte, begann in Herat in den 1850er Jahren und endete eineinhalb Stunden und eineinhalb Jahrhunderte später in Israel. Arkadi verstand sich, wie er gleich zu Beginn dieses Gesprächs mit Stolz herausstellte, nicht als “Bucharischer” Jude, sondern als “Eroni”, als “Iranischer” Jude. In seinen Erinnerungen präsentierte er sich als ein Nachkomme derjenigen Juden Mashhads, die nach ihrer kollektiven Zwangsbekehrung zum Islam im Jahr 1839 zu großen Teilen nach Herat übersiedelten, da sie dort ihren jüdischen Glauben weiter offen ausüben konnten. Später zogen einige von ihnen weiter in die boomenden Städte Russisch Turkestans und ließen sich hier nieder. Arkadi Il’yasovs Lebensgeschichte beginnt mit der Kindheitsgeschichte seines Urgroßvaters und seiner Ur-Großmutter in Herat. Hano, die Ur-Großmutter, geboren in Herat 1876, ist neben Arkadis Mutter Rohel (geboren 1913 in Kerki) die zentrale Figur in Arkadis Erinnerungen. Herat, Marv, Kerki und schließlich Samarkand sind die Stationen dieser Familiengeschichte.  Continue Reading →

Kabul Remembered

Am 10.09.2017 verstarb in Kabul Nancy Hatch Dupree. In Erinnerung an die Grande Dame der Afghanistanforschung und Gründerin des Afghanistan Center at Kabul University präsentieren wir einen ihrer letzten Texte: Kabul remembered erschien im April diesen Jahres in der 80. und letzten Ausgabe des Newsletters Afghanistan Info – der von 1980 bis 2017 in der Schweiz herausgegeben wurde. Die Erlaubnis hierfür erhielten wir von Nancy Hatch Dupree im Juni diesen Jahres, als sie sich gerade von einer gebrochenen Hüfte erholte.

Nancy Hatch Dupree (1927-2017) http://acku.edu.af

by Nancy Hatch Dupree.

Kabul 1962!  Did it really exist as it does in memory?  Shahr-i-Nao was a charming place to live, with single-storied mud-brick homes set in luxurious gardens shadowed by huge old trees and lined with flower beds full of roses that seemed to bloom contentedly from spring until winter.  Three-meter-high walls protected one from the eyes of passers-by so afternoon teas and evening dinners in the garden were treasured hours of relaxation with friends and family.  No more. As the population grew from 750,000 in the 1970s to 3,698 million today, the city had no option but to grow upwards. The gracious homes gave way to towering apartment blocks with hardly an inch to spare for lawns.

Kabul was not built for such numbers. In the 60s and 70s I drove my Land Rover to work in central Kabul with no qualms, often with my handsome tazi dog loping beside side the car for exercise. The crisp mountain air was energizing. No more.  Owning a car is no longer a luxury.  Rush hour traffic jams are so forbidding I dare not venture out behind the wheel any more, and, fleets of belching buses and badly serviced cars pollute the atmosphere. Continue Reading →

Erinnerungen an Manfred Lorenz

Eine Rede gehalten von Sigrid Kleinmichel im Jahr 2009 anlässlich des 80. Geburtstags von Manfred, der mit einer kleinen Feier am Zentralasien-Seminar der Humboldt Universität zu seinen Ehren begangen und begossen wurde.

Manfred Lorenz in der Baumwolle. Tadschikistan 1957

2009 sprach ich davon, dass Manfred Lorenz im Internet nicht zu finden sei. Seine Bücher aber konnte man im Katalog der Staatsbibliothek finden. Bei meiner Suche nach Manfred Lorenz im Internet war mir allerdings ein Unternehmer desselben Namens begegnet, der eine Edelsteinschleiferei besaß oder leitete. Wegen der Rolle des Edelsteins, des Edelsteins der Worte in der persischen Poesie schien mir das recht gut zu Manfred Lorenz zu passen. Vielleicht war er in den Augen von irgendjemandem sogar selbst dieser Herr der Edelsteinschleiferei.

Dann hatte ich geschrieben: Meine Erinnerung. Humboldt Universität. Vorderasiatisches Institut. Man geht zum Eingang des Hauptgebäudes. Auf dem Hof steht, nein, sitzt grimmig in der linken Ecke Mommsen, Theodor. Warum so grimmig? Das habe ich gerade in einem Buch von Stefan Rebenich (2007) erfahren. Mommsen musste an der Universität unterrichten, und das machte ihm überhaupt keinen Spaß. Viel lieber erweiterte er in mühevoller Arbeit sein “Corpus der Lateinischen Inschriften”. Hinsichtlich der DDR irrt sich der Verfasser der Mommsen-Biographie ein wenig. Er schreibt: “Nach Mommsen fragte niemand. Von dem Müllhaufen hinter der Humboldt-Universität wurde das Denkmal erst nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten geholt.” Die kleine Korrektur lautet: Es war kein Müllhaufen, sondern der Anfahrtsweg für die in der Mensa benötigten Produkte und der Ausgang der Küchengerüche auf der linken Seite des Hauptgebäudes in der Universitätsstraße. Ich habe manches Mal beim Vorbeigehen gedacht: Wenn er auch so grimmig schaut, hätte man ihn doch nicht gleich in die Küchendämpfe setzen müssen. Ich weiß nicht genau, wann das geschehen ist. Aber 1961, als ich mein Studium abgeschlossen hatte und ihn zum ersten Mal sah, stand das Denkmal noch auf dem Hof am Haupteingang. Continue Reading →

Manfred Lorenz (1929-2017) über Rahim Burhanow: Eine Erinnerung

Manfred Lorenz in seinem Berliner Wohnzimmer mit dem derzeitigen Botschafter der Republik Tadschikistan. Im Hintergrund ein Teppich mit dem Portrait des tadschikischen Nationaldichters Sadriddin Ajni. (Foto: Botschaft der Republik Tadschikistan)

Am 25. Mai 2017 verstarb in Berlin unser Lehrer und Freund Prof. Manfred Lorenz. Er wurde 87 Jahre alt. Mit einem Beitrag, den er am 01.10.2014 am Zentralasien-Seminar der Humboldt Universität zu Berlin als Vortrag im Rahmen der Konferenz Wege in die Moderne. Tadschikische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert gehalten hat, verneigen und verabschieden wir uns von Manfred, – X-do uro rahmat kunad! – der bis zuletzt seiner Profession und Leidenschaft, der Iranistik, aktiv und mit Freude und Begeisterung nachging

Schwerpunkt seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit bildeten die iranischen Sprachen, neben dem klassischen Persisch auch Tadschikisch, Ossetisch und Paschto. Einen kurzen biographischen Werdegang von Manfred Lorenz kann man hier im Nachruf eines seiner Schüler nachlesen. Manfred Lorenz prägte eine ganze Generation von Iranisten und “Afghanisten” – ein gleichnamiger Studiengang wurde unter seiner Leitung 1980 an der Humboldt Universität zu Berlin etabliert. Neben einer Vielzahl an sprachwissenschaftlichen und kulturhistorischen Arbeiten sind die von ihm verfassten Lehrbücher für Persisch (mit B. Alavi, Leipzig 1967; 8. Auflage 1999 München) und Paschto (Leipzig 1979; Neuauflage 2010) sowie seine Mitarbeit am Standardwörterbuch Persisch-Deutsch (Junker/Alavi Leipzig 1965;  die 9., unveränderte Auflage, früher Langenscheidt, ist nunmehr im Harrassowitz Verlag lieferbar) als herausragende wissenschaftliche Leistungen Manfred Lorenzs zu würdigen. Auch als Übersetzer und Herausgeber von Märchen und Kurzgeschichten machte er sich einen Namen.

Das Studienjahr 1957/58 führte Manfred Lorenz als Aspirant erstmals nach Tadschikistan – in ein Land das er seither immer wieder besuchte und das er in der Berliner Wissenschaftslandschaft verankerte. 2011 wurde ihm vom Präsidenten Tadschikistans für seine herausragenden Leistungen und sein Lebenswerk die Auszeichnung “Orden der Freundschaft” verliehen. Bis zuletzt stand Manfred Lorenz in engem persönlichem Kontakt mit Freunden und Kollegen in Tadschikistan. Von seiner Liebe zu den Menschen dieses Landes zeugen auch seine Erinnerungen “Baumwolle und Literatur“, die er im vergangenen Jahr veröffentlichte. Auch der nun folgende Beitrag “Rahim Burhanow, Sohn des Dichters Munzim” findet sich in leicht überarbeiteter Form in diesem Büchlein. Continue Reading →

Out now! Karl Wutt: At the Second Glance

Karl Wutt: At the Second Glance. Afghanistan. Auf den zweiten Blick.

Karl Wutt: At the Second Glance – Afghanistan – Auf den zweiten Blick. edition tethys 2017

Dieses Buch enthält verstreute, an der Akademie der bildenden Künste in Wien verfasste Aufsätze von Karl Wutt. Es geht auf zwei Bücher in deutscher Sprache – Pashai (Graz 1981) und Afghanistan von innen und aussen (Wien, New York 2010) zurück. Diese zweisprachige (Deutsch und Englisch) und gekürzte Version von Afghanistan von innen … (2010) mit vielen Abbildungen ist ab jetzt erhältlich. //

This book contains essays, which Karl Wutt has written at the Academy of fine Arts in Vienna. It originates from two books in german language on the architecture of the eastern Pashai: Pashai (Graz 1981) and Afghanistan von innen und aussen (Vienna, New York 2010). This abridged version of Afghanistan von innen … (2010), translated into English, is available now. //

Zur Leseprobe

 

 

 

 

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Mittelasiatische Schafe und russische Eisenbahnen: Raumgreifende eurasische Lammfell- und Fleischmärkte im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Wolfgang Holzwarth, Orientalisches Institut der Universität Halle

 

Illustrated London News

Illustrated London News

Das Titelblatt der Illustrated London News vom 10. September 1910 zeigt den Innenhof einer Karawanserai in Buchara. Einige Männer in Turbanen und Baumwollmänteln präsentieren einem tatarischen Aufkäufer schwarze Lammfelle der Schafrasse, die man damals in England unter dem Namen „Astrakhan“ – in Deutschland eher als „Persianer“ oder „Karakul“ – kannte. Die Illustrierte berichtete:

From Bukhara some million and a half astrakhan skins are sent each year to Europe and to America, and during the buying season such scenes as this, which shows a buyer engaged by Messrs. Révillon Frères purchasing skins, are common in the market-place. The lambs whose skins are known as astrakhan are specially bred for the purpose and some flocks contain as many as 5000 heads. The skins are roughly dressed before being exported. Experiments have been made in the breeding of lambs for astrakhan in various parts of Asia and Europe, but it is claimed that Bukhara alone provides the best lambs for the purpose.”

Die Geschichte hinter dieser Zeitungsmeldung ist eine der facettenreichen kolonialen Durchdringung der Lebenswelten mittelasiatischer Nomaden, die ein Forschungsprojekt am Orientalischen Institut der Universität Halle untersuchte.

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‚Die Wand‘ – Europapremiere in Berlin

Ein Beitrag von Caroline Bunge
mit Fotos von Thomas Etzold

DieWand _ Foto: Thomas Etzold

‘DieWand’, Foto: Thomas Etzold

Anlässlich der Europapremiere von ‚Die Wand‘ von und mit Tahera Hashemi, die unter der Regiemitarbeit von Nela Bartsch am 28.02.2016 im Rahmen von ‚War Zones: Berlin-Kabul‘, einer Produktion von suite42 im BallhausOst, Berlin-Prenzlauer Berg stattfand, traf ich vor wenigen Tagen die junge afghanische Regisseurin und Schauspielerin Tahera Hashemi zu einem Interview. Continue Reading →

Die Taliban hören und lesen

Rechtzeitig zum Jahresende 2015 gibt es auf Alex Strick van Linschotens persönlicher Website eine annotierte Leseliste mit 67 Publikationen zu den (afghanischen) Taliban – er schreibt gerade an seiner Dissertation zur Entwicklung der Taliban vor 2001 und hat zusammen mit Felix Kühn den Verlag firstdraft-publishing gegründet.

Von hier habe ich auch den link zu Graeme Smiths Seite “Talking to the Taliban” auf der 42 Taliban-Kämpfer aus der Provinz Kandahar (dem Haupteinsatzgebiet der Kanadischen-ISAF-Truppen) auf zwanzig standardisierte Fragen bezüglich ihrer Person, Motivation und Überzeugungen antworten. Graeme Smith versucht auf dieser Seite seinen Landsleuten die Komplexität der Verhältnisse im paschtunischen Süden Afghanistans zu erklären. [Nachtrag vom 09.01.2016 – zum Jahresanfang hat Thomas Ruttig einen Text über “Organisationsstrukturen und Ideologie der Taleban (Teil 1)” auf seiner Seite online gestellt. Teil 2 und 3 des 2011 erschienenen Artikels sind hier (Teil 2) und hier (Teil 3) .]

Über die aktuelle Lage in Helmand (der westlichen Nachbarprovinz von Kandahar) berichtet ebenfalls Thomas Ruttig (hier) / (hier) und (hier)- eine längere Perspektive auf die Geschichte und Konflikte der Provinz Helmand nehmen zwei Publikationen ein, die auch in der eingangs erwähnten Bücherliste zu finden sind (und auch meiner Meinung nach zum Interessantesten gehören, was in letzter Zeit zum Krieg in Afghanistan geschrieben wurde): Mike Martin “An intimate war” aus der englischen “counterinsurgency”-Perspektive und Carter Malkasian “War comes to Garmser” aus der amerikanischen.

…und hier noch das Audio eines Interviews mit Thomas Ruttig (vom 11.01.2016) zur aktuellen Lage in Afghanistan.

Mit Kamelen durch die Wüste…

Was sich auf den ersten Blick wie ein typisches Thema aus dem Raum Zentral- oder Vorderasiens anhört, weist in Wirklichkeit auf Australien hin. Wer wusste denn bisher schon, dass die Erschließung Australiens durch die Britten vor allem mit Kamelführern aus Afghanistan und dem Norden Indiens von statten ging? Sicher, den australischen Lesern unseres Blogs wird es geläufig sein, dass viele Friedhöfe in Australien auch eine Muslimische Abteilung haben mit nach islamischen Ritualbräuchen beerdigten Menschen. Allen anderen aber wird diese Seite hier empfohlen. Sie führt ein in die Thematik der Landerschließung Australiens durch die Kamelführer, in die Beziehungen dieser zu den australischen Ureinwohnern und vieles andere mehr.

Viel Lesespass wünscht die Tethys Redaktion

Die Bundeswehr in Afghanistan – eine (traurige) Bilanz

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlichte kürzlich die Broschüre „Am Hindukusch – und weiter? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz: Erfahrungen, Bilanzen, Ausblicke“ – Inhalt und Vorwort zum herunterladen hier.

Damit liegt erstmals ein Sammelband vor, in dem politische und militärische Verantwortungsträger ihre Erfahrungen der letzten 14 Jahre in und mit Afghanistan auf knapp 400 Seiten präsentieren.
Einer davon ist Winfried Nachtwei, nach Selbsteinschätzung politisch “mitverantwortlich … für die unter Rot-Grün gemachten strategischen Fehler der ersten Jahre”. Der ehemalige MdB (für die Grünen) war schon wiederholt mit (selbst)kritischen Stellungnahmen und Berichten von der schwierigen Lage in Afghanistan aufgefallen. Winfried Nachtwei ist damit eine positive Ausnahmeerscheinung in unserer politischen Schönrednerlandschaft – in der er (wie viele andere kritischen Stimmen auch) meist kein Gehör fand. Continue Reading →