Jakob Hermann


(Beitrag von Michael Angermann, Duschanbe, Tadschikistan, im Sommer 2007.)

Ein Sandsturm fegt bei knapp 40 Grad über die weite Ebene des Wachschtals im Süden Tadschikistans. Melonen, die zum Verkauf stehen, dekorieren die Straßenränder, während die jungen Verkäufer in den Bewässerungskanälen nebenan Abkühlung suchen. Die wellengeprägte Fahrt trägt uns in den Landkreis Kumsangir. Noch ein paar Windungen über kahle Hügel, dann kommt der Pjandsch, der größte Quellfluss des Amu-Darja, in Sicht und am anderen Ufer breitet sich Afghanistan aus.

Kunduz liegt keine 70 Kilometer auf feinster Asphaltpiste mehr von dort entfernt. Eine amerikanische Brücke wird gerade gebaut, aber derzeit kämpft sich noch eine altersmüde sowjetische Fähre über den Fluss, die hin und wieder aus den Führungsseilen springt.

Ankunft in Nizhni Pyandzh – Unterer Pjandsch, ein 30-Seelen Dorf am Rande der Zivilisation könnte man meinen, aber gleichzeitig der wichtigste Grenzübergang zwischen Tadschikistan und Afghanistan. Es ist Mittag geworden und es wird Zeit sich unter einen Maulbeerbaum zu legen, eine Melone zu verspeisen und auszuspannen. Einige ortsansässige Tadschiken, Taxifahrer aus Duschanbe und afghanische LKW-Fahrer liegen bereits, spielen ein paar Runden Nardy (Backgammon), nehmen einen Tee zu sich und warten auf irgendetwas, dass der nicht Eingeweihte nur schwer ergründen kann. Ein Gespräch entzündet sich mit der Männergruppe und es dauert nur wenige Momente bis der Besitzer des Backgammonspiels ein älterer sonnengebräunter Herr mit starker Brille herangerufen wird und neben mir auf der Decke Platz nimmt.

“Bis’du och Dütscher?” schallt es mit kräftigem Ton in die Mittagslethargie an der afghanischen Grenze. Es ist der 68-jährige Jakob Adolfowitsch Hermann, der sich an meiner Seite niedergelassen hat.
Er lebt schon seit 41 Jahren hier, erzählt er in beeindruckendem Deutsch und fügt hinzu, dass er auch hier schon geboren wurde, nur eben im Landkreiszentrum. Seine Eltern sind bereits 1936 mit vielen Deutschen von der Wolga hierher umgesiedelt wurden. Als sie ankamen, gab es in dieser Gegend so gut wie gar nichts. Die Rote Armee hatte hier in den 1920er Jahren die antisowjetische Widerstandsbewegung niedergeschlagen und übrig geblieben war Brachland. Der Kreis Kumsangir und die benachbarten Kreise Kolchosabad und Wachsch wurden hauptsächlich in den 1940 Jahren mit Wolgadeutschen besiedelt, die ähnlich wie in Kasachstan oder in Sibirien von Null anfingen, das Land urbar zu machen und ein neues Leben begannen. Ende der 1940er Jahre kamen noch Umsiedler aus Berggebieten der Tadschikischen SSR hinzu, um die Baumwollwirtschaft in den wenigen für den Landbau geeigneten Gebieten Tadschikistans voranzutreiben. In den 1970 und 1980er Jahren, erzählt Ded (Opa), wie er von den Nachbarn genannt wird, machten die Deutschen 48 Prozent derBewohner im Landkreis aus. Ob er mit nach Duschanbe kommen will, ruft ein Taxifahrer aus seinem Auto Jakob zu. Wenn er nur noch jünger wäre, würde er sofort einsteigen, um mal etwas zu erleben. Immerhin bringt er es auf sechs Kinder aus zwei Ehen. Sein Nachbar auf der Decke stichelt noch etwas und bemerkt, ob denn sein usbekischer Sohn nicht zählen würde. Jakob erwidert verschmitzt, die junge Usbekin sei ihm nachgelaufen, er hätte ja damals auch einfach gut ausgesehen. Nach seiner ersten gescheiterten Ehe ist er nach Nizhnij Pjandsch gekommen, weil er eine Arbeit als Fahrer für das Handelskontor gefunden hatte. Wie es der Zufall wollte, lernte er dabei sein zweite Frau Lilija, eine Russin, kennen – die Chefin des Handelskontors. Später arbeitete er als stellvertretender Direktor des Öllagers und im Bauamt.
Heute ist er der einzige verbliebene Deutsche im Dorf und im Kreiszentrum gibt es auch nur noch ein paar wenige Alte, die bald wegsterben würden. Mit dem Beginn des Bürgerkrieges in Tadschikistan Anfang der 1990er Jahre sind alle Deutschen mit Bussen nach Duschanbe geflohen, auch seine Verwandten. Von da ging es weiter nach Deutschland. Er greift nach einer kleinen Deutschlandkarte, die ihm sein Bruder Alexander, der jetzt in Krummennaab / Oberpfalz lebt, geschickt hat, auf der alle Verwandten deutschlandweit akribisch eingezeichnet sind.
Ihn hat das Schicksal hier behalten, denn die Strasse zum Landkreiszentrum war zu dieser Zeit bereits stark umkämpft, ein Entkommen unmöglich. Sein tadschikischer Deckennachbar fügt hinzu, dass er selbst mit seiner Familie über den Fluss nach Afghanistangeflohen ist. Drei Jahre haben sie dort gelebt, bis sie wieder zurückgekommen sind. Andere sind zurück in die Berge geflohen. Jakob selbst will nicht mehr zurück ins Kreiszentrum. Dort würden jetzt die zugezogenen Gewinner des Bürgerkrieges regieren und in den Häusern der Deutschen leben, die geflohen sind. Die will er nicht sehen, nach alledem was passiert ist. Mit ‚unseren’ Tadschiken, mit denen er schon seit seiner Kindheit Tür an Tür lebt, hat er dagegen schon immer friedlich gelebt.

[mygal=hermann]

:::Klicken macht groß:::

Inzwischen hat er mich vorbei am Zollamt zu seinem für die Gegenduntypischen holzvertäfelten Haus geführt. Wir sitzen unter den reifenden Weintraubenstauden mit Blick auf den blühenden Garten. Er vermietet die Hälfte seines Hauses an den Zoll, die sich darin eine Kantine eingerichtet haben. Dafür bekommen seine Frau und er 200 Somoni (43 Euro) im Monat. Das reicht für Lebensmittel. Von den 60 Somoni (14 Euro) Rente, die sie beide usammen erhalten, könnten sie nur schwerlich überleben. Im Jahr 2003 hat er für drei Monate seine Verwandten in Deutschland besucht, doch leben möchte er dort nicht – “Die Dütschen da hab’n and’re Köppe.” Seine eigenen Kinder sind inzwischen auch alle ausgewandert, entweder nach Russland, Weißrussland oder in die Ukraine. Natürlich überlegt er mit seiner Frau, selbst dorthin auszuwandern. Da wäre man auch näher an Deutschland und könnte sich von Zeit zu sehen. Das ist derzeit allerdings noch Zukunftsmusik. An diesem 07.07.07 wird Jakob Hermann jedoch wie an jedem Abend vor dem Einschlafen mit sich selbst auf Deutsch sprechen, gegen das Vergessen der Muttersprache – nur einen Steinwurf von Afghanistan entfernt.

(Michael Angermann lebt und arbeitet in Duschanbe, Tadschikistan, sein Job endet mit dem November 2007)

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