Karl Wutt’s Kalasha revisted

Feldforschungstagebuch einer Reise zu den Kalasha im Mai 2022

von Olaf Günther mit Fotos von Jale Günther

1. „Eine jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“

So oder so ähnlich soll ein chinesisches Sprichwort lauten. In unserem Fall jedoch machten nicht wir diesen ersten Schritt, sondern Karl Wutt. Wir das sind Jale, Claudius und Olaf Günther, eine Fotografin, ein Maler und ein Ethnologe.

Seinen ersten Schritt beschreibt Karl Wutt in seinem Text zu den Kalasha eindrücklich. Karl Wutt schlitterte über die Geröllfelder der Berge in das Leben der Kalasha auf dem eigenen Hosenboden hinein. Das war im Sommer 1973 quasi der erste Schritt einer Reise, die für ihn erst im Jahr 1997 enden sollte, für uns jedoch im Mai 2022 begann.

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Sinowjew 1979 – ein Kommentar zu Putins Russland 2022

Im Jahr 1976 veröffentlichte Alexander Sinowjew seinen Roman “Gähnende Höhen” und lieferte damit eine literarisch-wissenschaftliche Beschreibung und Analyse der sowjetischen Gesellschaft. Ein Jahr später erschien die französische Übersetzung und ein weiteres Jahr später reiste Sinowjew aus der Sowjetunion aus und war gezwungen, die Staatsbürgerschaft aufzugeben. Er ließ sich in München nieder und veröffentlichte fortan mehrere Romane, Essays und Interviews, in denen er den Kommunismus als Realität beschrieb.

Am 18. Mai 1980 erschien der Artikel “Das Spiel mit der Geschichte” in der Le Monde. Warum das heute, im Jahr 2022, nach dem von Putin initiierten Angriff auf die Ukraine von Interesse ist? Lesen Sie selbst: Continue Reading →

Die neumethodischen Schulen in Turkestan

Also lautet ein Beschluß: Daß der Mensch was lernen muß. Nicht allein das Abc bringt den Menschen in die Höh, Nicht allein im Schreiben, Lesen… diese berühmten Verse Wilhelm Buschs sind aktuell wie eh und je und doch verkennen sie eines: wie sehr sich Lehrer, Eltern, kurz die Gesellschaft darüber streiten kann, wie man nun mit den Kleinsten der Gesellschaft und ihrer Alphabetisierung umgehen solle: Schreiben durch Lesen? Lesen durch Schreiben? Soll man Buchstaben tanzen? Soll man sie wiederholen mit Gesang? Soll man sie einzeln kennenlernen oder in Buchstabenkombinationen? Ist sch ein Laut oder sind des drei Buchstaben? Die Bibel bzw. das Neue Testament hält es mit dem Wort als Anfang, der Koran sieht die Schrift als Heilig und unveränderbar an. Schon allein diese Aufzählung von pädagogischen, weltanschaulichen und religiösen Problemen zeigt, wie schwer aller Anfang sein kann. Continue Reading →

Waldemar Gretsinger: “The fields were like gold those days”

By Irna Hofman

Waldemar Gretsinger and his wife Valentina at the research station in southern Tajikistan. Photographer unknown, photo copied with permission from the archive in the local research station, 2021.

When I first arrived and wandered through a locality in one of the southernmost districts of Tajikistan back in 2012, some people had little doubt: I was Katia’s daughter. Katia was a German woman who lived in their locality in the Soviet years. She was not the only one. After all, “many of us had a German girlfriend in those years,” a friend told me once, with a smile on his face. There was a big German community in the locality in the late Soviet period. Continue Reading →

Scheitern mit Ansage: Deutsche Afghanistanpolitik 2001-2021

Dieser 8-minütige Kommentar der Monitor-Redaktion ist bis 19. August 2099 – also die nächsten 80 Jahre in der ARD Mediathek verfügbar!

Der Beitrag konstatiert ein 20 Jahre andauerndes Versagen der Deutschen Afghanistanpolitik – inklusive Schönfärben, Ignorieren und Vertuschen. Allerdings hätte dem Beitrag auch ein bisschen Eigen(Medien)kritik gut getan – denn auch in ARD und ZDF und auf den übrigen Mainstream Kanälen wird die Fundamentalkritik an der Deutschen Afghanistanpolitik ja erst jetzt so richtig laut. Denn das Interesse an Afghanistan nahm auch in den deutschsprachigen Medien nach 2001 sukzessive ab. In den letzten Jahren war es praktisch ganz erlahmt. Da hätte man sich auch als nur gelegentlicher Zuschauer wesentlich mehr erhofft.

Hier eine Mängelliste, die der Journalist Peter Scholl-Latour im Jahr 2009 vorgetragen hat. Dass der alte Kautz auf dieser Seite einmal verlinkt wird….

Endlich: Neues DARI-Persisch Lehrbuch im Handel !

Cover Dari-Persisch Lehr- und Übungsbuch – Erschienen im Reichert Verlag im August 2021.

Alles neu in Afghanistan? Eines war, ist und bleibt sicher eine Grundvoraussetzung, um sich mit dem Land und den dort lebenden (oder von dort stammenden) Menschen auseinander zu setzen: Kenntnisse der Landessprachen. Dari ist eine davon.

Jetzt gibt es endlich ein Lehrbuch mit vielen Übungen dazu. Das von Lutz Rzehak und Bidollah Aswar konzipierte und zusammengestellte Lehr- und Übungsbuch mit Lösungen, Audio- und Videomaterial bietet nun endlich die besten Voraussetzungen, sich diese Variante der Persischen Sprache anzueignen – sowohl für Einsteiger, als auch für Interessierte mit Farsi-Vorkenntnissen. Das 2-Bändige Lehrwerk mit 864 Seiten ist im Reichert Verlag erschienen und bietet eine praktische Einführung in das Dari-Persische.

Beide Autoren (Bidollah Aswar, geboren in Zabol/Afghanistan und Lutz Rzehak, geboren in Reichenbach/Deutschland) arbeiten am Zentralasien-Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin und haben gemeinsam mehrere Forschungsreisen nach Afghanistan unternommen. Continue Reading →

Ein Schrein für romantische Begegnungen mitten in Kabul

Die folgende Reportage von Masuma Erfan erschien am 27. April 2021 auf dem afghanischen Nachrichtenportal subhekabul.com. Sie ist ein Beleg für die beeindruckende Entwicklung, die ein unabhängiger Journalismus in Afghanistan in den vergangenen zwanzig Jahren erfahren hat. Reportagen wie diese zeichnen ein sehr anschauliches Bild vom Alltag im heutigen Afghanistan. (Diese Übersetzung lag bereits im Juli 2021 vor – wie lange “der Alltag im heutigen Afghanistan” noch so aussieht, wie im April von Msuma Erfan geschildert, lässt sich nach den politischen und militärischen Entwicklungen der letzten Tage allerdings nur schwer voraussagen.)

Die Übersetzung aus dem Dari stammt von Bianca Gackstatter

Jeder meiner Tage beginnt mit dem Überqueren der Pul-e Sokhta. Alleine bin ich dabei nicht, denn tausende Menschen passieren täglich diesen Ort. Einige von ihnen sind auf dem Weg zum Unterricht und zur Universität mit Taschen voller Bücher und Stifte. Einige andere hingegen sind mit staubiger und schmutziger Kleidung auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen und eine weitere Gruppe geht mit den Händen in den Hosentaschen und derart hochnäsig, dass sie nicht wahrnehmen, was um sie herum geschieht. Continue Reading →

20 Years After

Laut Washington Post wäre man in Washington nicht überrrascht, wenn Kabul (und damit die Regierung ganz Afghanistans) in den nächsten 30- 90 Tagen von den Taliban eingenommen wird- also exakt 20 Jahre nach 9/11 und dem Rückzug der Taleban aus der Hauptstadt Afghanistans. Auch die Süddeutsche berichtet (hier). Seit dem vergangenen Wochendende haben Kämpfer der Taleban bereits mehrere wichtige Städte und Provinzen des Landes eingenommen: Sarandsch, Schibarghan, Sarepul, Kunduz, Talokan, Faizabad, Farah, Pul-e Khumri.

Was bleibt sind 20 verlorene Jahre für die meisten Menschen in Afghanistan. Und die unerträgliche Arroganz und Indifferenz “des Westens”.

Eine aktuelle Einschätzung der derzeitigen Lage findet sich bei Thomas Ruttig.

Nachtrag, vier Tage später: Die Lage in Afghanistan und in Kabul hat sich seit dem 11. August dramatisch verändert. Hier ist eine aktualisierte Einschätzung von Thomas Ruttig. Und hier ein heute veröffentlichter Hintergrundbericht seiner AAN-Kollegin Martine van Bijlert und einigen Antworten auf die Frage, wie das nun alles so schnell gehen konnte mit dem Machtverfall der Afghanischen Regierung. Diese hat / hatte – wie Bijlert in ihrer klaren und treffenden Analyse schreibt – offensichtlich “little connection to, or interest in, the actual situation on the ground—which, by the way, is not unfamiliar behaviour. It has been modelled to the Afghan government by the international military and donors for years.”

 

Wladimir Medwedew „Im Strom der Steine“

Eine Rezension von Andreas Mandler

Wladimir Medwedew: Im Strom der Steine (Aufbau Verlag 2021)

Nach der Lektüre des Romans wüssten wir gern mehr über Wladimir Medwedew. Zumindest mehr, als der Verlags Klappentext über ihn verrät: „Wladimir Medwedew wurde in Transbaikalien geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Tadschikistan, wo er als Monteur, Helfer einer Geologentruppe, Dorflehrer, Fotojournalist, Patentfachmann in einem Konstruktionsbüro, Sporttrainer und Redakteur in Literaturzeitschriften tätig war. Heute lebt er in Moskau.“ (Aufbau Verlag Berlin). Er erscheint wie Okmir Agachanjanz (der berühmte Sowjetische Geobotaniker „Auf dem Pamir Aufzeichnungen eines Geobotanikers“ Leipzig 1980) oder wie die von Georg Renner  in „Biwak auf dem Dach der Welt“ (Leipzig 1975) beschriebenen Charaktere: Ein dem “wilden Osten” der Sowjetunion verfallener Abenteurer. Aber, und das ist ein sehr interessanter Aspekt dieses Buches, es gibt einen postkolonialen Bruch: Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, der Abenteurer ist nicht unschuldig, sondern wohl oder übel der Vertreter einer fremden Macht. Diese Verschiebung, vom Verbündeten zum Fremden, musste Medwedew selbst erleben und auch davon erzählt sein jüngst erschienener Roman «Заххок» (2017), auf Deutsch „Im Strom der Steine“ (Aufbau Verlag, Berlin 2021).

Wladimir Medwedews Roman wirft die Leserinnen und Leser in eine abgelegene Region, die hierzulande nur wenigen Rucksack- oder Fahrradtouristen bekannt sein dürfte, die den beschwerlichen Weg nach Tadschikistan auf sich genommen haben und von der Hauptstadt Dushanbe weiter in den Pamir – auf das „Dach der Welt“. Der Bezirk Darvoz, wo der Roman vor allem spielt, befindet sich auf halbem Weg dorthin – inmitten einer kargen Gebirgslandschaft im tadschikischen Hinterland. Medwedews Roman stürzt die Leserinnen und Leser ins post-Sowjetische Chaos, in die Tadschikistan bis heute traumatisierende Zeit des Bürgerkriegs von 1992-1997, und erzählt die erschreckend einfache Geschichte vom Zerfall eines scheinbar stabilen Staates und dem damit einhergehenden Abgleiten in Chaos und Gewalt. Medwedew illustriert dieses Szenario aus verschiedenen Perspektiven von einer sonst wenig beachteten lokalen Mikroebene – ethnographisch genau und gerade deshalb bedeutsam.

Der Originaltitel des Romans „Zahhok“ verweist auf eine Figur der iranischen Mythologie und klassischen Persischen Literatur, von der man in Tadschikistan bis heute erzählt. In Firdausis Heldenepos Shahname (dem „Buch der Könige“), wird „Zahhok“, die böse und giftige, dreiköpfige Schlange von Gott geschickt, um die Menschen ins Chaos zu stürzen. „Zahhok“ setzt sich durch und tötet die rechtschaffenen und hart arbeitenden Menschen. Diese werden durch grausame und verräterische Menschen ersetzt. Aber schließlich naht ein bekannter Held und sein Begleiter „Kovar“ aus den Gebirgstälern, um die Schlange zu besiegen. Continue Reading →

Auf den Spuren Baburs

Es lohnt sich eigentlich immer William Dalrymple zu folgen. Egal wohin er schreibend geht. In die City of Djinns (1996), ins Herz Indiens (2002 auf Deutsch), 1857 nach Dehli am Ende der Mughalherrschaft (2006), sogar in den ersten Anglo Afghanischen Krieg (2012) und gerade erst in die Anarchie der East Indian Company (2019) folgt man dem Erzähler gerne. Jetzt hat er sich auf gemacht in das heutige (vor-corona) Usbekistan. Genauer gesagt ins Ferghanatal und zum Mausoleum von Sheikh Mohammad Sadik in Katta Langar nahe Sharisabz. Sein kurzer Reisebericht auf den Spuren des Begründers des Moghulreiches Babur – Anlass der Reise war die englisch-sprachige Neuauflage des Baburnama – ist über einen kleinen Umweg hier zu lesen und – wie immer bei Dalrymple – sehr zu empfehlen.

Ach, und wer ihm dorthin folgt, der sollte unbedingt noch ein Buch dabei haben: Scott C. Levi: The rise and fall of Khoqand 1709-1876 (2017). Dort kann man nachlesen, was in (und mit) der Region passierte, lange nachdem Babur (1483-1530) sich davon machte, in den Süden, über die Berge und Delhi eroberte, aber seine Heimat nicht hinter sich lassen konnte…