Ein Blick auf die Kunst der Kalligraphie

Ein Beitrag von Dr. Haschmat Hossaini (Übersetzung: Uwe Feilbach)

 

Toghraa auf ein Reiskorn

Toghrā auf ein Reiskorn

Schrift und die Kalligraphie zählen zu den wertvollsten und komplexesten kulturellen Errungenschaften. Daher ist das Verfassen und Hervorbringen eines schriftlichen Werkes keine einfache Sache und kann es auch gar nicht sein. Wenn wir einen Blick auf die Entwicklung der menschlichen Zivilisation werfen, dann erkennen wir, dass die Erfindung der Schrift durch unsere Vorfahren etwas ist, das all unsere Aufmerksamkeit verdient.

Von dem Zeitpunkt an, als die Anfänge der für den schriftlichen Ausdruck geeigneten Zeichen in Erscheinung traten, sind unzählige, untereinander sehr verschiedene Schriftsysteme in den unterschiedlichsten Formen entstanden.

Besonderheiten in Sprache und Kultur sind der Grund dafür, dass heute auf der Erde für die Aufzeichnung und Übermittlung der Gedanken der Menschen so viele unterschiedliche Schriften verwendet werden. Die Schrift übt immer einen maßgeblichen und prägenden Einfluss auf die Entwicklung und Reifung des Denkens, der Kultur, der Wissenschaft und Bildung der Menschen aus. Besonders deutlich wird dies in islamisch geprägten Gesellschaften.

Gemäß ihren Überlieferungen und religiösen Anschauungen dürfen Muslime für die Ausschmückung ihrer Gotteshäuser, heiligen Stätten und Paläste keine Statuen, Denkmäler und Bildwerke mit der Darstellung von Menschen verwenden. Aus diesem Grunde wurden zum Zweck der glanzvollen und prächtigen Ausschmückung dieser Bauwerke die Kunst der Kalligraphie sowie Darstellungen unbelebter Dinge verwendet, und auf diese Weise sind zusammen mit den verschiedensten Schriftarten auch andere Kunstformen entstanden.

Als den Beginn dieser Form der Ausschmückung kann man die Mitte des achten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung bezeichnen, also die Zeit der Machtübernahme der Dynastie der Abbasidenkalifen (132–650 h.q. // 750 – 1258 n. Chr.). H.q. steht für Mondjahr der Hedschra.

Die Abbasiden, (Bani `Abbās), waren eine islamische Dynastie, welche von `Abdollāh Safāh, einem der Enkel des `Abbās ben `Abdol Motalleb gegründet wurde. Es gelang dieser Dynastie unter Führung `Abdor-Rahmān ben Moslem orāssāni (Abu Moslem orāssāni) im Jahr 129 h.q. gegen die Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit der Omayyadenkalifen, (Regierungszeit: 40 – 132 h.q. // 660 – 750), einen Aufstand zu unternehmen. Marwān II., bekannt als Marwān-e Hemār, der Letzte dieser Dynastie, wurde durch diesen erfolgreichen Aufstand gestürzt.

Von alters her war das Land Chorasan (orāssān) eine Wiege der Pflege und Kultivierung der verschiedensten Kunstgattungen. Steininschriften in verschiedenen Regionen künden von der alten Tradition der Schrift und der Kalligraphie in diesem Land. Zeichnungen in einigen Höhlen nahe der Stadt Bāmyān und besonders die Darstellungen von Musikanten an den Deckengewölben von „eng Bot“ (der weißen männlichen Buddha-Statue) und „Sor Bot“ (der roten weiblichen Buddha-Statue), welche im Jahr 2001 von engstirnigen, niederträchtigen Schurken, den Taleban zerstört wurden, waren Zeugen des Vorhandenseins einer Kunst der Malerei sowie der Existenz einer Musikkultur in unserem Lande.

Neben dem Erblühen und der Pflege aller anderen Künste, hatte orāssān in Bezug auf das Wachstum und die Entwicklung der edlen Kunst der Kalligraphie sowie auf die Hervorbringung fähiger und kunstfertiger Meister einen beachtlichen und sichtbaren Anteil und kann auf eine mehr als tausendjährige Tradition auf diesem Gebiet zurückblicken.

Mit der Entstehung des Neupersischen und der darauf folgenden Annahme des Islam, hatte die Kunst der Schriftgestaltung und Kalligraphie, die in diesem Gebiet entstanden ist, neben allen andren künstlerischen und kulturellen Errungenschaften alle Stadien der künstlerischen Vervollkommnung und Entwicklung durchlaufen und ihren Höhepunkt erreicht. Dank der Förderung und Unterstützung durch Yahyā ben Ḫāled Barmak (gest. 190 h.q. // 850 n. Chr.) einem bedeutenden Mitglied der Dynastie der Barmakiden und Liebhaber der Kalligraphie, der am Hofe der `Abāssiden einen Ministerposten innehatte, wurde Abol-`Abbās ben Abol-Ḫāled Al-Ahwal (gest. 212 h.q.) zum bedeutendsten Kalligraphen seines Zeitalters. Als Kalligraph am Hofe Ma´muns (Kalif von 198 – 218 // 813 – 833) stieg er auf bis zum Rang eines Ministers. Er war es, der die Regeln für das Schreiben der arabischen Schrift festgelegt hat. Die von ihm entwickelte Riyāsi-Schrift“, die von Schriftexperten und Kunstkennern als Grundlage der Schriftstile „Sols“, „Moahaqqaq“, und „Reqā`“ angesehen wird, kann unter dem Begriff „Zor-riyāsatayn“ zusammengefasst werden, welches der Beiname des „Fazl ben Sahl Sarasi“ (154/771 bis 202 / 818) war, welcher das Amt des chorasanischen Ministers am Hofe des Abassidenkalifen Ma´mun innehatte.

Dieser Schriftstil wurde von ihm erfunden und fand in dieser Epoche seine Verbreitung. Auch wurde während seiner Amtszeit sehr viel Mühe auf die Normierung und künstlerische Vollendung der Schriften verwandt. Der hochgeehrte Al- Mo´tamed al-Allāh Ahmad ben Al Motawakel (Kalif von 256-279 // 870-893 n. Chr.) war der 15. `Abassiden-Kalif. Er hat gegen Ende des 9. Jh, n. Chr. dem byzantinischen Kaiser einen Brief in schöner Schrift gesandt. Bei der Betrachtung dieses Briefes soll der Kaiser gesagt haben:

„Ich beneide die Araber um nichts, außer um diese wunderbare Schrift“. (Habibi, `Abdolhay: Die Geschichte der Schrift und der alten Schriftwerke Afghanistans, Kabul 1350.)

Zu Beginn des 8. nachchristlichen Jahrhunderts, nach den Eroberungszügen der Muslime im Jahre 711 n. Chr., verbreiteten sich, zusammen mit der islamischen Kultur, auch der Glanz und die Pracht der kufischen Schmuckschrift bis nach Spanien. Sie wurde angewandt für die Herstellung von Inschriften auf islamischen Bauwerken, an den Wänden von Palästen, Moscheen und heiligen Stätten. Es gibt Beispiele dafür, dass solche arabischen Inschriften sogar bis ins heutige Italien, Frankreich und England gelangt sind.

Bis zur Epoche der Ġaznawiden (367-583 // 977-1187) wurden sowohl die einfache Kufi-Schrift, als auch die kufische Schmuckschrift, außer zur Ausschmückung von Palästen und Sakralbauten für die Anfertigung von Abschriften des Heiligen Koran angewandt. Da Ghazni im 11. und 12. Jahrhundert ein politisches und kulturelles Zentrum der Region war, zählte diese Stadt auch zu den bedeutendsten Stätten in der Pflege der Schriftkunst und wies eine sehr hohe Zahl an Kalligraphen auf. Zwei Minarette in Ghazni, zahlreiche Steininschriften in Bost, und die Inschriften, die unter den Trümmern ġaznawidischer Bauwerke in Laschkari Bāzār (heute: zwischen Bost und der Stadt Laschkargah am Helmand-Fluß) gefunden wurden sowie die Schrifttafeln, welche sich im Nationalmuseum von Herāt befinden, legen bis heute Zeugnis dafür ab, dass die Ġaznawiden in der Kunst des Vergoldens und der Kalligraphie der Kufi-Schrift ein fortgeschrittenes Niveau erreicht hatten.

Erwähnenswert ist, dass dank der Ausgrabungen von Archäologen in den Ruinen des Palastes des Abu S´ad Mas`du ben Ebrāhim (Regierungszeit von 494-508 // 1099-1114) Inschriften entdeckt wurden, auf welchen persische Verse in schöner Kufi-Schrift eingemeißelt waren. Abu S´ad war der zehnte Ġaznawidensultan, dessen Regierungszeit eine Zeit der Ruhe und des Friedens gewesen war.

Während der Selğuqenzeit (429-548 // 1038-1153) entwickelten sich auch Handwerk und Künste sehr stark. Besonders die islamische Architektur und die Herstellung von Kacheln und die Töpferei machten in der Epoche der Selğuqen große Fortschritte und brachten bedeutende Meisterwerke hervor. Was die Ausschmückung der Kufi-Schrift anbetrifft, so wurde in dieser Zeit in stärkerem Maße als in anderen Zeitabschnitten, Mühe hierauf verwandt und wurde diese Schmuckschrift für die Verzierung von Bauwerken verwendet.

Erhaltene historische Baudenkmäler in Afghanistan, sofern sie von den Überfällen, dem Plünderungen und Schmuggeln durch die Feinde der Kultur gerettet wurden und bis heute erhalten geblieben sind, wie zum Beispiel das Minarett von Ğām (heute: in der Provinz Ġor), das Grabmal des Emām Yahyā im Norden Afghanistans, die Steininschriften und Schrifttafeln, die große Moschee in Herāt, welche von Abol- Fath Mohammad Sultān Ġeyās od Din-e Ġori, (536-599 h.q, Regierungszeit 558-571) erbaut wurde. Alle diese Werke legen Zeugnis ab von der künstlerischen Feinheit und Eleganz der Kufi-Schrift in der Zeit der Ġaznawiden und Ġoriden in unserem Lande.

Sultān Ġeyāsuddin-e Ġori, welcher ein hervorragender Beschützer und Förderer der Künstler und Literaten und dessen Hof ein Treffpunkt namhafter Gelehrter gewesen war, hat während seiner Regierungszeit in orāssān zahlreiche Moscheen, Madrassas und Karawasaraien erbauen lassen. Für das Schreiben von Büchern wurde die Kufi-Schrift allmählich durch die „Nasḫ – Schrift ersetzt.

Im 11. und 12. nachchristlichen Jahrhundert, also zur Zeit der Ġaznawiden (962 bis 1148 n. Chr.), der Selğuqen (1138 bis 1153 n. Chr.), der Ġoriden (1148 bis 1214 n. Chr.) und der Choresmshahs (Ḫwārazmšāh-iy-ān 1214 bis 1219 n. Chr.) wurden die Schriftarten „Kufi“, „Nasḫ“, „Sols“, „Reqā`“ und „Mohaqqaq“, und die von ihnen abgeleiteten Varianten in Ḫorāssān für die Anfertigung von Handschriften benutzt. Diese fünf Schriftarten mit ihren Abwandlungen entwickelten sich in Ḫorāssān zu hoher künstlerischer Reife.

Wie aus der dokumentarischen Erfassung der erhalten gebliebenen Werke dieser Schriftformen hervorgeht, kann man das 12. nachchristliche Jahrhundert als die künstlerische Blüte- und Glanzzeit der arabischen Schrift in orāssān ansehen. Diese feine und erlesene Kunst wurde von den ġaznawidischen und ġoridischen Sultanen bis nach Indiens verbreitet.

Könige und Herrscher aller Zeiten haben zum Zweck der Hervorhebung ihrer Machtposition und um in der Gesellschaft mehr Popularität zu erlangen, Denkmäler in Gestalt von Bauwerken, wie Moscheen, Palästen und Minaretten errichten lassen und zwecks Ausschmückung der Tore, Mauern und Kuppeln dieser Bauwerke waren sie immer auf der Suche nach kunstfertigen Malern und Kalligraphen.

Diese Künstler waren es, die mit ihren Wunderhänden kostbare und herausragende Kunstwerke schaffen und der Nachwelt hinterlassen haben. Leider sind Angriffe auf Kunstwerke und die Vernichtung achtenswerter Werke der Kultur vergangener Zeiten in unserem Lande nichts Neues und auch nicht das Werk Fremder.

Der Eroberungszug des Dschingis Khan (Temočin Čingiz Ḫān) (557-624 // 1162-1227: Regierungszeit 602-624 // 1206-1227) und die Dschingiziden mit ihren Angriffen im Jahre 616/1219 auf das Reich der oārasm-Šāhs von orāssān haben gezeigt, wie viele Bauwerke und Bibliotheken in Bal, Herāt, Sistān, Samarqand, Nišāpur und andere blühende Landstriche zum Raub der Flammen und dem Erdboden gleichgemacht wurden. Gelehrte, Wissenschaftler und hochbegabte Künstler sind zusammen mit Abertausenden anderer Menschen durch die Eroberer ums Leben gekommen, und diejenigen, die dem Schwert der Henker entkommen konnten, mussten ihre Heimstätten zurücklassen und Zuflucht in anderen Ländern suchen.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, also zu der Zeit, als das Imperium Timurs weite Gebiete Transoxaniens, orāssāns und Irāns umfasste, war das künstlerische und kulturelle Erbe der Dynastien der Ġaznawiden, Selğuqen und Ġoriden noch vollständig erhalten.

Anfang des 15. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung hat Šāhroḫ Mirzā (799-850 // 1377-1446), der vierte Sohn des Emir Timur von Gorgān (geb. 736/1335; Thronbesteigung 771/1369; gest. 807/1404) den Sultansthron bestiegen und Herāt zum Zentrum seines Reiches gemacht. Zuerst bemühte er sich, die Zerstörungen, die sein Vater verursacht hatte. Wieder gutzumachen und trug er Sorge für den Wiederaufbau und die Besiedelung der Städte. Er betraute Gelehrte, Literaten und Künstler mit Aufgaben der Reichsverwaltung und bemühte sich um die Pflege des kulturellen und künstlerischen Erbes von Herāt und Samarkand. Während seiner Regierungszeit erreichten die Künste des Schreibens von Büchern, des Kopierens von Handschriften und der Buchbinderei ihr höchstes Niveau. Die Kunst der Herstellung von Kacheln mit schönen Mustern machte beträchtliche Fortschritte und die Miniaturmalerei erlebte einen Aufschwung. Auch zahlreiche prächtige Bauwerke, verziert mit verschiedenen Arten von Schmuckschriften wurden in dieser Zeit errichtet. Sultān Hossain Bāyqarā, welcher ein Liebhaber der Dichtung und der Kunst sowie ein Verehrer der Künstler und Dichter war, hat zahlreiche Moscheen, Versammlungshäuser für Sufis, Bibliotheken und islamische Hochschulen erbauen lassen. Das Niveau der Künste hat in damals Herāt einen solchen Stand erreicht, dass Historiker diese Epoche als „Renaissance des Orients“ bezeichnet haben.

Diese glanzvolle Epoche Herāts dauerte an bis zum Ende der Regierungszeit von Timur Gorgāns Enkel, Abo-l Ġāzi Hossain Bāyqarā. Dieser, die Künste fördernde Herrscher lebte am Ende des 15. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung (842-911 // 1438-1506; Regierungszeit 872-911 // 1468-1506). Forscher, wie z. B. der Russe Alexander Boldyrëv haben die Überzeugung geäußert, dass

„Das Herāt des 9. Jahrhunderts der Hedschra steht den italienischen Städten der Renaissancezeit in nichts nach“. (Dānešnāma-ye Adab-e Fārsi dar Afġānestān“ Teheran 1378, Bd 3, s. 339.)

In dieser Zeitepoche erfolgte die endgültige Formvollendung der Kunststile von Herāt auf den Gebieten der Kalligraphie, der Malerei, der Ausschmückung und Vergoldung sowie der Gestaltung von Büchern und Qit´as (Ein Qit´a ist ein kunstvoll gestaltetes kalligraphisches Blatt, welches ein Zitat, ein kurzes Gedicht oder einen anderen kurzen Text enthält und wie ein Bild gerahmt und als Wandschmuck verwendet werden kann).

Es heißt, dass in der Abāssidenzeit die Ausschmückung der einfachen „Kufi-Schrift“ ihren Anfang genommen hat. Aber damit allein gaben sich die Künstler nicht zufrieden, sondern sie gingen auch daran, die „Nasḫ-Schrift“ zu verbessern und künstlerisch auszugestalten.

Diese Neugestaltung und Ausschmückung der beiden Schriftarten „Kufi“ und „Nasḫ“ führte zur Entstehung einer neuen Schriftform, welche den Namen „Sols“ erhielt. Aus dieser Schriftart gingen im Lauf der Zeit noch weiter Varianten hervor, die unter den Namen „Mohaqqaq“, „Rayhān“ und „Reqā`“ bekannt sind. Da diese Schriftstile in vielfältigen künstlerischen und dekorativen Varianten Verbreitung fanden und ihre Anwendung in Büros und Regierungsbehörden mit vielen Schwierigkeiten verbunden war, haben sich die Anwender dieser Kunst darum bemüht, aus den Schriften „Nasḫ“, „Sols“ und den davon abgeleiteten Varianten eine neue, vereinfachte Schriftform zu entwickeln. Das Resultat dieser Bestrebungen war die Entwicklung der Schriftart „Tauqi`“, die auch „Manāšir“ genannt wurde. Da diese Schrift frei war von künstlerischen Finessen, war sie im Vergleich zu allen anderen Schriftformen leichter zu erlernen und schneller zu schreiben und somit für den täglichen Gebrauch besser geeignet.

Auf Bauwerken und Denkmälern aus der Timuridenzeit sieht man bis heute die „Kufi-Schrift“ in all ihren verschiedenen Schmuckformen. Als die wichtigsten Schriftarten dieser Epoche wurden jedoch die „sechs Schriften“ angesehen, die in dem nachstehenden Gedicht genannt werden:

Meine Geliebte schreibt eine schöne Schrift

sie schreibt äußerst gut und bezaubernd

Manāšir und Mohaqqaq, Nasḫ und Rayhān

Reqā` und Sols, alle diese sechs schreibt sie.

Begabte Kalligraphen und Künstler in jedem Zeitalter haben sich damit befasst, diese Schriftarten miteinander zu kombinieren, und so haben sie in der Schriftkunst Methoden entwickelt, die zu beschreiben in der hier gebotenen Kürze nicht möglich ist. Trotz der zahlreichen Veränderungen und Entwicklungstrends, die die arabische Schrift bis dahin durchlaufen hatte, fügten die Schreibrohre der Künstler orāssāns im 13. Jahrhundert den obengenannten sechs Schriftarten eine neue Schrift hinzu, die T´aliq genannt wurde.

Diese neue Schrift fand bis zum 14. Jahrhundert allgemeine Verbreitung im Schriftverkehr und entwickelte sich auch in Richtung auf eine Schmuck- und Kunstschrift. Die Künstler haben diese Schriftform durch eine Kombination der Schriftarten „Nasḫ“, „Reqā`“ und „Tauqi´“ geschaffen und sie für amtliche und private Korrespondenz benutzt. Aus diesem Grunde wurde diese Schrift auch „Tarassol“ („Die Kunst des Briefeschreibens“) genannt. Bedeutende Werke der Timuridenzeit wurden in dieser Schrift verfasst.

`Abdor-Rahmān Ğāmi (817-898 // 1415-1494) hat in einem Gedicht die in seiner Zeit verbreiteten Schriftarten wie folgt beschrieben:

Die Schreiber kennen sieben verschiedene Schriftarten

Sols, Rayhān, Mohaqqaq, Nasḫ, Tauqi´ und Reqā`

Danach kam T`aliq, jene Schrift, die die Nichtaraber

aus der Ableitung der Tauqi´-Schrift heraus erfunden haben.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts n. Chr. haben innovative und unvergessene Kalligraphen aus orāssān einen weiteren neueen Schrifttyp entwickelt. Durch die Kombination der Schriftarten „Nasḫ“ und „T`aliq“ haben sie eine schöne Schrift geschaffen, die sie „Nast`aliq“ genannt und in der sie ihre Werke verfasst haben.

Durch Mir `Ali Tabrizi (etwa 790-850 h.q. // 1388-1446), der zu den Berühmtheiten unter den Kalligraphen und Literaten aus der Zeit des Emirs Timur Gorgāni und seines Sohnes Šāhroḫ zählte, wurden dann die Regeln für diese Schrift festgelegt. Sultān `Ali Mašhadi (841-926 h.q. // 1437-1520), der am Hofe Sultān Hossain Mirzā Bāyqarā als Schreiber tätig und einer der namhaften Schreiber des „Nast`aliq“ war, hat dies in einem Gedicht festgehalten:

Die Aufhebung des „T`aliq“, auch wenn sie versteckt ist

Und wenn auch die Nast`aliq-Schrift dünn oder fett ist,

Ihr Begründer ist Ḫwāğa Mir `Ali,

Aus reiflicher Überlegung hat er die Regeln gesetzt

Aus der Nasḫ-Schrift und aus T`aliq.

Die „Nast`aliq-Schrift“, die auch „Schrift von orāssān“ genannt wird, war zur Zeit der Timuriden weit verbreitet und kam auch für die Dekoration von ehrwürdigen Sakralbauten sowie von Palästen und Gedenkstätten zum Einsatz, die von Emiren und anderen hochgestellten Persönlichkeiten zur Zurschaustellung ihres Ruhms errichtet wurden.

Auch für das Schreiben von Büchern, Traktaten und herrschaftlichen Erlassen fand diese Schrift Verwendung und erreichte in dieser Epoche ihren künstlerischen Höhepunkt. Von den berühmten Persönlichkeiten unter den Nast`aliq -Kalligraphen der Timuridenzeit werden die Namen Sultān A´li-e Mašhadi, Mir `Ali Herawi (Herāt), Mohammad-e Auba‘hi (Distrikt in Herat), Sultān Mohammad-e andān und Sultān Mohammad-e Nur für immer in Erinnerung bleiben.

Nastaliq-Schrift (3)

Nach dem 16. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung hat sich die „Nast`alīq-Schrift“, wie sie von diesen Künstlern entwickelt wurde, von der Stadt Herāt, welche so viele Künstler und Gelehrte hervorgebracht hat, bis nach Indien, Transoxanien und sogar bis in die Herrschaftsgebiete der Osmanen ausgebreitet. In allen diesen Gebieten haben die Kalligraphen des Nast`alīq neue Stilrichtungen hervorgebracht. Im Ergebnis dieser Bemühungen der Künstler des „Nast`alīq“ haben sich schließlich zwei Stilrichtungen und Schulen in dieser Schriftart durchgesetzt. Eine davon ist die östliche Stilrichtung bzw. Schule des Gebietes von „Ḫorāssān“, die andere die westliche Schule, welcher die Kalligraphen Indiens (des indischen Raumes) gefolgt sind.

Die „Nast`alīq-Schrift“ ist in Bezug auf das Schreiben der Kombination Lam-Alef und die Zusammenstellung der Buchstaben schwieriger als alle anderen islamischen Schriften.

In der Regierungszeit des Emir Timur Gorgāni und während des gesamten 15. Jahrhunderts nach Chr. waren neben der „Kufi-Schrift“, das „Sols“ und seine Varianten, das „T`alīq“ und das „Nast`alīq“ überall im Reich der Timuriden verbreitet.

Dessen ungeachtet haben zur selben Zeit Kalligraphen durch die Kombination zweier Schriften, nämlich des „Ta´liq“ und des „Nast`aliq“, zum Zweck des schnelleren Schreibens, eine neue Schrift entwickelt, die sie „Šekasta“ order „Šekast“ („die Gebrochene“) genannt haben, und auf diese Weise den islamischen Schriftarten eine neunte hinzugefügt. Die „Šekasta-Schrift“ wurde durch „Darwīš `Abdol Mağīd Tāloqānī“ (gest.1185 h.q. //1771) nach Kalligraphie-Regeln verbessert und normiert.

Dieser Künstler hat uns ein Kalligraphie-Blatt mit einem Vierzeiler von „Hagat-e Sirazi“ (1115-1185 h.q. // 1701-1771) hinterlassen:

Ein Beispiel für die Kalligraphie von ihren Anfängen her,

Der Schlüssel für die Schatzkammer der Kunst der Schreibfeder,

Seit Gott die Tafel und das Schreibrohr erschuf,

Schrieb niemand das Šekasta so perfekt wie Du.

Schekast

Der hier zitierte Vierzeiler wurde von `Azīz-udDīn Wakīlī Fofalzā‘ī (1297-1387 h.q. // 1818-1908) in seinem Buch: „Geschichte der Schrift und der alten Schriften in Afghanistan“, abgedruckt und später fälschlicherweise „Ostād Ḫalīlullāh Ḫalīlī“ zugeschrieben. (vgl. Habibi, ´Abdolahī: Tārī-e khatt wa neweštahā-ye kohan dar Afghanistan, Kabul 1350 h. š.; S. 239). Die Šekasta-Schrift wurde für Inschriften und Bücher nur sehr selten benutzt, dagegen fand sie für behördliche und private Briefe und Schriftstücke sehr häufig Verwendung. Unter den namhaften Kalligraphen dieser Schriftart muss man neben „Darwīš ´Abdol Mağīd Tāloqānī“, Mirzā Fasīhī-ye Herawī, Mohammad Šafī´ Hossaini (auch bekannt unter dem Namen Šafī´ā-ye Herawī) und Mortazā Qolī Šamlu-ye Herawī nennen.

Die Kunst der Kalligraphie hat seit sie existiert vor allem an zwei Orten ihre Blüte und den Höhepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung erreicht: In Herāt während Timuridenzeit (807-911 //1405-1507) und seit dem 19. Jahrhundert auch in Kabul.

Mirzā Ġiyās-od Din, auch bekannt als Bāysonqor Mirzā (802-837 // 1400-1433), Sohn des ŠāhroMirzā (779-850 // 1377-1447, Thronbesteigung 807/1405), Sohn des Emir Timur Gurgān (736-807 // 1336-1405, Thronbest. 771//1369), der selbst ein guter Kalligraph auf dem Gebiet der „Sols-Schrift“ gewesen war, gründete in Herat eine Kunstschule und versammelte dort eine große Zahl von Künstlern um sich. Darunter auch Spezialisten auf dem Gebiet der Buchgestaltung, der Buchmalerei und -Vergoldung. Zu seiner Zeit waren in Herat etwa vierzig der hervorragendsten Kalligraphen der verschiedenen Schriftarten mit dem Schreiben und der Anfertigung von Qit´as beschäftigt.

Auch Prinz Mirzā Soltān Ebrāhim (796-838 // 1394-1435), ein anderer Sohn des ŠāhroMirzā, der zu den Gouverneuren von „Ḫorāssān“ gehörte, war Kalligraph und sehr kunstfertig im Schreiben der „Mohaqqaq-Schrift“. Er war auch sehr produktiv in der Kunst der Miniaturmalerei.

Nach der Gründung des Staates des Abdālī (1160 // 1747), während der Zeit der Herrschaft des Timur Schah Dorrānī (1166-1207 // 1747-1793, Thronbest. 1187 // 1772), kam in der Stadt Herāt ein Kind zur Welt, das später als Erwachsener, in der Zeit der Enkel des Timur Schah, im Schreiben des „Nast´alīq“ ein vollkommener Meister wurde. Dieser große Mann war Mīr ´Abdur-Rahmān Hossaini Herawi. Seine ersten Schüler in der „Nast´aliq-Schrift“ waren Sadūzā´ī -Prinzen. Von seinen Schülern in Herāt sind Mohammad Hossain „Salğuki“, Mirzā Nağaf, Bahrām ānsāri und Mirzā Ḫan Mostufi in guter Erinnerung. Mir ´Abdur-Rahmān Hossaini hat im Jahre (1268) in Herāt die Augen für immer geschlossen.

Obwohl es auch in anderen Städten Afghanistans Kalligraphen gegeben hat, die mit der Schaffung von Kunstwerken beschäftigt waren, so entwickelte sich im 19. Jahrhunder Kabul zum neuen Zentrum der Kalligraphie.

Zur Zeit des Amirs Šīr ´Alī Ḫān (1237-1296 // 1821-1879, Regierungszeit 1279-1296 // 1863-1879) erschien im Jahr 1873 die erste Zeitung Afghanistans unter dem Titel „Šams on-Nahār“. Diese Zeitung war wegweisend für die Einführung des Druckwesens in Afghanistan.

Aber erst nach der Erklärung der Unabhängigkeit im frühen 20. Jahrhundert wurden in Kabul Stein- und Typendruckereien in großer Zahl gegründet. Die Regierung unternahm Schritte, um die Meister der Schriftkunst und Miniaturenmalerei für den Einsatz der modernen Drucktechnik zu befähigen. Diese Künstler haben nacheinander bedeutende Werke geschaffen und den Schätzen unserer Kultur hinzugefügt.

Aus dieser Epoche stammen herausragende Anfertigungen von „Qit´a“ und „Moraq`a“ (Kalligraphie-Alben) und die Kunst der Buchgestaltung und der Umrahmung machten beachtliche Fortschritte.

Unter den Berühmtheiten auf dem Gebiet der Kalligraphie in Afghanistan im 20. Jahrhundert sind folgende Persönlichkeiten zu nennen:

`Abdol Ġafūr Nasḫi, Ġolām Mohammad Tarzī, Monšī Haidar `Alī, Mirzā Ğ`afar Qandahāri, Sayed `Atta Mohammad Šāh Hossaini, und seine zwei Söhne, Sayed Mohammad Faruq und Sayed Mohammad ´Osmān, Šayḫ Mohammad Rezā, Mirzā Mohammad Y´aqub Kāboli, Hassan Halmi Afandi, Sufi `Abdol Qāder Kākari, Mollā Fayz Mohammd Kāteb, Mir Ahmad Gerānšenau, Fayz Mohammd Zakaryā (Fayzi-e Kāboli), Sayed Mohammad Qāsem Hossaini und sein Bruder, Sayed Mohammad TāherHossaini, Mohammad Eshāq Zarin Qalam, Mohammad ´Ali ´Attār Herawi, Sayed Mohammad Išhān Hossaini und seine zwei Söhne Sayed Mohammd S`aid Hossaini und Sayed Mohammad Sediq Hossaini, Sayed Mohammad Da´ud Hossaini und sein Sohn Sayed Hemāyatullāh Hossaini sowie der letzte Kalligraph dieser Generation, `Aziz- od Din Popalzā´i.

Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen!

 

Siaah-Maschq in Nastaliq-Schrift

Siyāh-Mašq in Nast’aliq

Nast'aliq

Zwei mal Nast’aliq

Nast'aliq

 

 

 

 

 

 

Für die Recherchen wurden die folgenden Quellen benutzt:

  1. Habibi, ´Abdol Hayy: Tārikh-e khatt wa naweschta hā-ye kohan-e Afghānistān (Geschichte der alten Schrift und und der Handschriften Afghanistans). Anjoman-e tārikh wa adab-e Afghānistān. Kabul 1350 S.H.
  2. Pupalzā´i, Aziz-od-Din Wakili: Honar-e khatt dar Afghānistān dar do qarn-e ākher (Die Geschichte der Schrift in Afghanistan während der letzten beiden Jahrhunderte). Anjoman-e tārikh-e Afghānistān. Kabul 1352 S. H.
  3. Nakhostin seminār-e honar-e khatt-e Afghānistān dar do qarn-e ākher (Erstes Seminar zur Schriftkunst Afghanistans während der letzten zwei Jahrhunderte). Komita-ye Daulati-ye Kultur (Staatliches Komitee für Kultur). Kabul 1364 H.S.
  4. Māyel Herawi, Najib: Kitābārā´i dar tamadon-e Eslāmi (Die Buchgestaltung in der islamischen Zivilisation).  Maschhad 1372 S.H.
  5. Loghatnāma-ye „Dehkhodā“. Teheran 1337 S.H.

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