Out now! Karl Wutt: At the Second Glance

Karl Wutt: At the Second Glance. Afghanistan. Auf den zweiten Blick.

Karl Wutt: At the Second Glance – Afghanistan – Auf den zweiten Blick. edition tethys 2017

Dieses Buch enthält verstreute, an der Akademie der bildenden Künste in Wien verfasste Aufsätze von Karl Wutt. Es geht auf zwei Bücher in deutscher Sprache – Pashai (Graz 1981) und Afghanistan von innen und aussen (Wien, New York 2010) zurück. Diese zweisprachige (Deutsch und Englisch) und gekürzte Version von Afghanistan von innen … (2010) mit vielen Abbildungen ist ab jetzt erhältlich. //

This book contains essays, which Karl Wutt has written at the Academy of fine Arts in Vienna. It originates from two books in german language on the architecture of the eastern Pashai: Pashai (Graz 1981) and Afghanistan von innen und aussen (Vienna, New York 2010). This abridged version of Afghanistan von innen … (2010), translated into English, is available now. //

Zur Leseprobe

Afghanistan, zu dritt_______2005
Vor langer Zeit fuhr ich von Land zu Land nach Osten, immer holpriger bis Afghanistan. Dort saß man in bemalten Bussen auf Steinsalz. Afghanistan war wie ein Baum, der einen nicht ohne weiteres an seine feineren Zweige ließ. Man musste, was man wollte, doppelt und dreifach tun. Das damalige Reisen hatte einen festen Anfang – Wien – und ungewisse Enden mit schönen Namen, die im Vorhinein nirgends geschrieben standen. Als der Bürgerkrieg nach 24 Jahren vorerst zu Ende war, kam ich zurück und versuchte dreimal mein Glück, auf jährlichen Exkursionen,
die wenig voneinander abwichen und stets von Dschalalabad ausgingen – immer noch: ein Hauch von Indien, eine Stadt mit Turbanen der Sikhs im Straßenbild und einem versteckten Hindu-Tempel. Dort wohnen noch ein paar Hindus. Ram Sin, ein Obsthändler, blieb da, wo er war. Er kann keine Sprache als Persisch. Er kennt kein anderes Land.

Fährt man in Afghanistan mit dem Taxi aufs Land, ist man am besten zu dritt: im Trio ‚Passenger / Driver / Cleaner’ (Päsändschäär, Dräwaar, Kilinaar). Beim dritten Mal bin ich wieder mit N einem ‚Driver’ zusammen, den ich vom ersten Mal kenne, während er beim zweiten Mal, als es hieß, er sei in der Schule, in Tadschikistan war. N hat noch keinen richtigen Bart zur Probe aufs Exempel der Nightletters, nächtlicher Flugblätter. „Afghans warned not to listen music and shave“. Wir fahren, halb und halbbärtig, mit einer ewigen Begleitmusik, die höchstens verstummt, wenn wir wo festsitzen. Dann ist S der ‚Cleaner’ an der Reihe, muss er Steine schlichten und einen Ausweg bauen, bis das Einweisen und Daumenhalten beginnt. Die Limousine im Geröll, das ist so verrückt wie ein Geländewagen ohne Kratzer, ‚im Stau’ in Wien. – Wenn es zu Fuß weitergeht, bleibt N zurück. Jetzt passt N aufs Taxi auf, und S auf mich.

Die Pfade der Hindukusch-Täler nördlich von Dschalalabad bilden Einschnitte zwischen Terrassenfeldern, sodass man niemand aus dem Weg gehen kann. Und so geht es über Stock und Stein und mitunter, aus Gründen der Höflichkeit, langwierig dahin. Sind es Frauen, heißt es nicht schauen. Sie sind mit Rückenkörben, schwer beladen unterwegs, arbeiten sich auf den Feldern ab, unter sich und allein. Entgegen einer pauschalen Vorstellung sind sie hier ohne Schleier. Wie sollten sie auch, bei so einem Leben. – Doch diesmal ist es spät im Jahr. Die Maisernte ist eingebracht. Die Felder sind leer. Da geht es gegen Abend zu, kehren Knaben mit geschulterten Zugspaten aus Holz von den Feldern zurück. Tauchen Kerle ohne Zugspaten auf, die uns den Weg abschneiden. Und S schlichtet. Diesmal Worte und nicht Steine. Weiß wo der Hase läuft und läuft mit mir wie der Hase. Aheste! Langsam und leise. Der ‚Driver’ nennt S einen Hasenfuß, als er’s erfährt, und was soll’s. Wir sind im Darra-i Nur, dem steinigen ‚Tal des Lichtes’. Nachts, in meinem Zimmer, lese ich in Virginia Woolfs Orlando: „Nichts, die Aussicht betrachtend, konnte weniger Ähnlichkeit haben mit Tumbridge Wells. Zu meiner Rechten und Linken erhoben sich in kahler und steiniger Schroffheit die unwirtlichen asiatischen Berge, an denen vielleicht die kahle Burg des einen oder anderen Räuberhäuptlings klebte: aber Pfarrhaus war keines da“. Es beruhigt mich, dass ich mit Woolf allein im Zimmer bin, und ausgerechnet hier – wohne mit einer Maus, die, als ich darauf wette und schnell ein Licht mache, meiner Ledertasche entschlüpft. Das ‚Tal des Lichtes’ mündet ins Kunar-Tal, wo wir Felsbilder mit Inschriften entdecken. Eine Gegend flimmernder Gräser. Mit Schilfhütten und Vieh auf schimmernden Rändern am glitzernden Fluss. – Vor einem Jahr zogen dort Fährleute ihr Floß – aus aufgeblasenen Ziegenbälgen – mühsam ein Stück flussaufwärts, um es dann schräg, flussabwärts, ans andere Ufer zu staken. Dort steht jetzt eine bunte Moschee. Über Wasser und Marschland schwebt filigran eine Brücke.

K. Wutt: Junge in Oigal, 1976

Wir fahren, auf den Spuren des Entdeckers Charles Masson, nach der Provinz Laghman und das Alisching-Tal hinauf, bis ein Türmchen mit Zinnen auftaucht, eine Spielzeug-Ritterburg. Das ist der Sitz der Behörde, des Uluswali. Ein Kramladen mit Kernseife – und ‚Khol’ für Lidschatten (ein Make up der Männer). Dann: ein bemaltes ‚Lastauto eines Mörders’, behördlich beschlagnahmt, wie es heißt. Die Soldaten der Ritterburg empfangen uns betreten und weisen uns ab. Also kehren wir um, bis sich der Weg im Sog der Provinzhauptstadt – ein Basar mit Alleen – in eine Rumpelstraße voller Pferdekarren, Radfahrer, Kinder, Schafe, Kamele und Autos, verwandelt. Ihr Name, Mehtarlam, kommt vom Grab eines Heiligen her und steht groß auf der Landkarte geschrieben. Und das Heiligengrab? – Um dorthin zu
gelangen, muss S, der ‚Straßenbauer’, wieder einmal Steine schlichten, bis wir auf einer Anhöhe halten und das Heiligtum plötzlich, tief unter uns, sehen. Als erstes sticht mir ein Blau ins Auge, ein See. Ein Wunder, das eine Täuschung bewirkt: Das Luftbild einer Oase. Es ist aber bloß eine ummauerte Waldung mit einer Tränke, in einem leeren Land.

K. Wutt: Felder im Tal des Lichts, 1976

Orte haben ihre speziellen Relikte und Abfälle, z. B. Tonscherben, Pfeilspitzen, Plastikbecher, Kaugummi, Hundedreck. Auf unserer Anhöhe findet sich eine Patronenhülse im schwarzen Gestein, sowie: ein paar Stofflappen, Beigaben von Gräbern, die in Sichtweite des Heiligtums aufkommen. Die Patronenhülse hebe ich auf zum ‚Aufheben’ – als Souvenir. Ich tat mit ihr etwas Ähnliches wie die Gläubigen, wenn sie mit ihren Stofflappen oder sonstwie eine magische Berührung mit bestimmten Orten, jenen Märtyrergräbern, suchen: als wären Souvenirs eine Art Grabbeigaben für die Lebenden, und Grabbeigaben die Souvenirs der Toten. Andenken ans Leben. Erinnerung an die Zeit. Ich habe, sehnsüchtig nach gewissen Orten, eine Sammlung von Proben, ihnen entnommen, zu Hause in Schachteln begraben.
Das Heiligtum liegt, wie ein schlichtes Moghul-Schloss, am hinteren Rand eines Garten-Friedhofs, dicht bestanden mit Obst- und Eukalyptus-Bäumen….

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