Eingebunden in Sowjetische Geschichte: jüdische Gebetsbücher aus Zentralasien

Dieser Beitrag basiert weitgehend auf einem am 8. März 2021 von Chen Malul auf https://blog.nli.org.il/sodot-hidden-siddur/ auf Hebräisch geposteten Beitrag. Wir danken der National Library of Israel und Chen Malul für die Erlaubnis diesen Beitrag für unseren Blog zu nutzen. Übertragen, gekürzt und bearbeitet von Thomas Loy. 

Kürzlich wurden der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem vier Gebetsbücher (Hebräisch Siddur) gespendet. Zeev Levin erwarb sie in den frühen 2000er Jahren während seiner Tätigkeit als Emissär der Jewish Agency (Sochnut) in Uzbekistan. Sie stammen aus dem Privatbesitz von Juden, die sie kurz vor ihrer Emigration aus Zentralasien in den Synagogen deponierten. Und das besondere an ihnen ist nicht unbedingt ihr Inhalt, sondern ihr Einband.

In den 1930er Jahren wurde der Privatbesitz von religiösen Schriften in der Sowjetunion verboten. Zwar wurde nach dem Tod Stalins dieser Bann aufgehoben, doch die Sowjetische Religionspolitik war wechselhaft und so stellte es aus Sicht sowjetischer Staatsbürger durchaus Risiko dar, religiöse (oder auch nur religiös anmutende) Literatur im Bücherregal im Wohnzimmer zu haben. Wollte man diese Bücher aus dem Familienbesitz behalten und sie nicht, wie vom Staat vorgesehen an die Behörden abzuliefern oder sie den wenigen noch geöffneten Synagogen zu übergeben, dann musste man sich etwas einfallen lassen. Die nun der Nationalbibliothek übergebenen Bücher sind auf den ersten Blick Sowjetische Alltagsware: Ein Russischsprachiges „Lehrbuch für Pharmakologie“ oder ein usbekischsprachiges Schulbuch „Geschichte der UdSSR“ für die Jahrgangsstufe 10. Erst wenn man diese Bücher aufklappt offenbaren sie ihren tatsächlichen Inhalt.

Lehrbuch für Pharmakologie mit einem Band des 5 Bändigen Buches „Gesetz für Israel“

 

 

 

 

 

 

 

Drei der vier gespendeten Bücher sind derart getarnte „Trojanische“ Bücher. Nur das vierte nicht. Dass dieses Buch, das „Siddur Hashalom,“  seinen Originaleinband behalten durfte, hat seinen Grund ebenfalls in der wechselhaften Geschichte der Sowjetunion: Das „Siddur Hashalom“ war das einzige offizielle in der Sowjetunion veröffentlichte jüdische Gebetsbuch.

Die in Zentralasien bis dahin verwendeten gedruckten jüdischen Gebetsbücher stammen seit jeher aus Europa oder aus Jerusalem und wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert von dort nach Zentralasien importiert. Wie überall sonst in der der Sowjetunion benutzten die Gläubigen meist Gebetsbücher aus vorsowjetischer Zeit, oder solche, die Touristen oder Besucher aus dem Ausland heimlich von dort mitbrachten. Die vorrevolutionären enthielt noch ein Gebet für den Zar und seine Familie.

Das Gebetsbuch „Orach Chayim“ im Schulbuch „Geschichte der UdSSR für die 10. Jahrgangsstufe“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1952, auf dem Höhepunkt der anti-jüdischen Verfolgungen und Diskriminierungen kurz vor Stalins Tod, luden die staatlichen Behörden Vertreter aller Glaubensgemeinschaften aus der gesamten Sowjetunion zu einer Tagung, um ihre Zustimmung und positive Haltung dem Staat gegenüber öffentlich zu demonstrieren. Die Juden der Sowjetunion waren durch den Rabbiner der Moskauer Synagoge Solomon Schliefer (1889-1957) auf dieser Tagung vertreten. Im Anschluss an die Konferenz sah Rabbi Solomon Schliefer die Chance und verfolgte seither das Ziel ein zeitgemäßes und jüdisches Gebetsbuch in der Sowjetunion zu publizieren.

Unter Nikita Khrushchevs in der sogenannten Tauwetterperiode der Sowjetischen Herrschaft wurde 1956, wohl im Hinblick auf die weltpolitische Großwetterlage und in der Absicht die Toleranz und „Religionsfreiheit“ in der Sowjetunion unter Beweis zu stellen, die erste Veröffentlichung eines jüdischen Gebetsbuchs offiziell genehmigt. Ein Jahr später, am 6. Januar 1957, öffnete die erste offizielle Jeschiwa, Kol Yaakov, in der Großen Synagoge in Moskau. Doch der religiöse “Tau” war schnell vorüber und am Ende der 1950er Jahre ging das Regime wieder dazu über religiöse Aktivisten zu verfolgen und Synagogen im ganzen Land zu schließen.

Das „Siddur Ha-Shalom“ wurde in zehntausend Exemplaren gedruckt, und ein Viertel davon wurde unter den Juden der Sowjetunion verteilt. Der Rest der Gebetsbücher dienten als Staatsgeschenke für jüdische Diplomaten, Delegationen von Rabbinern aus dem Westen oder fanden ihren Weg zu verdienten Parteimitgliedern. Rabbi Schliefer starb kurz nach der Veröffentlichung seines Siddur.

Chen Malul

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