Die schwierige Wasserkraftgeburt von Roghun

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Anfang Januar diesen Jahres wurde im Norden Tadschikistans die kleine Roghun geboren. Nichts außergewöhnliches möchte man meinen, würde das kleine Mädchen nicht nach einem Wasserkraftwerk benannt sein, das es erst noch zu bauen gilt.

Pläne für den Bau des Wasserkraftwerks Roghun mit der höchsten Staumauer der Welt (335 m) gibt es schon seit 1974. Der Bau der Staumauer begann 1987, doch mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde er vorerst auf Eis gelegt. 1993 spülte ein Hochwasser zudem noch große Teile der bisher errichteten Staumauer und Anlagen weg. 2004 gab es einen Versuch mit dem russischen Partner Rusal den Bau fertig zu stellen, aber drei Jahre später scheiterte die Zusammenarbeit, weil bei grundlegenden Fragen wie Dammhöhe und -typ keine Übereinkunft erreicht wurde. Das Nachbarland Usbekistan kritisiert heftig jegliche Baupläne, sieht es doch den Wasserstrom des Wachsch und in der Folge des Amu-Darja stark beeinträchtigt. Das Wasser, das im Frühling während der Schneeschmelze in den Talsperren gesammelt wird, fehlt den Bauern am Unterlauf des Amudarja bei der Aussaat, zumal es nach Schätzungen 7-12 Jahre dauern wird, bis die Talsperre gefüllt sein wird. Usbekistan, das im wesentlichen Einbußen für seine staatliche Baumwollwirtschaft befürchtet, drängt auf eine internationale Untersuchung, um die Auswirkungen des Baus auf den Wasserstrom des Amu-Darja zu ergründen.

Tadschikistan verfügt zwar mit dem Nurek-Kraftwerk über eines der leistungsstärksten
Wasserkraftwerke der Welt, kann sich und seine Bevölkerung aber aufgrund fehlender alternativer Energieträger und maroder Strominfrastruktur kaum selbst mit Strom versorgen. Stromabschaltungen führten insbesondere im Winter 2008 zu katastrophalen Zuständen. Da in den sowjetischen Plattenbauten als Folge des zerstörerischen Bürgerkriegs kaum funktionierende Heizsysteme existieren, ist die Bevölkerung auf elektrische Heizstrahler angewiesen. Dies führt dann regelmäßig zu Überlastung und Zusammenbruch des Stromnetzes. Der Löwenanteil des in Nurek erzeugten Stroms ist jedoch für die “devisenbringende” Alumiumproduktion reserviert, und so ist in den meisten Landesteilen die Versorgung der Bevölkerung mit Strom das ganze Jahr über nur stundenweise gewährleistet. Zudem gibt es auch noch Absichten, Strom ins benachbarte Afghanistan zu exportieren, um den Staatshaushalt aufzubessern. Denn Staatsfinanzen, um den Bau eines neuen Kraftwerks allein zu bewerkstelligen, hat das Land keine. Finanzierungsversprechen für dieses und andere international umstrittene Staudammprojekte wurden wiederholt nicht eingehalten, und so gab es seit einiger Zeit mehrere kreative Anläufe tadschikischer Politiker, die Finanzierung des Projektes auf nationaler Ebene zu bewerkstelligen:

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Schließlich erblickte am 6. Januar 2010 Roghun das Licht der Welt und die nationale Mammutaufgabe wurde endgültig angegangen. Just an diesem Tag nämlich begann der offizielle Verkauf von Roghun-Aktien an die tadschikische Bevölkerung, um das gleichnamige Wasserkraftwerk am Oberlauf des Wachsch ohne internationale Gelder zu realisieren. Für dessen Fertigstellung werden laut Schätzungen 1,4-3 Milliarden US-Dollar benötigt, das entspricht 25-60 Prozent des tadschikischen Bruttoinlandsproduktes (2008: 5,13 Milliarden US-Dollar, Weltbank). Von nun an kann und soll jeder Bürger Tadschikistans und jeder Freund der tadschikischen Nation Roghun-Aktien zeichnen. Präsident Rahmon formulierte es in seiner Ansprache zum Volk am 5. Januar 2010 folgendermaßen:

“Daher bin ich fest davon überzeugt, dass jeder Bürger Tadschikistans, ob alt oder jung, mit leidenschaftlicher und aufrichtiger Liebe und Treue zur Heimat und zum Land seiner Vorfahren, die Interessen des Staates und der Nation verteidigend, den Bau des Wasserkraftwerkes Roghun moralisch und materiell unterstützt. Mit Roghun bauen wir eine bessere Zukunft für unser geliebtes Tadschikistan und ein glückliches Leben für unsere Kinder und Enkelkinder! Roghun ist für uns eine unerschöpfliche Quelle des Lichts, das Tadschikistan im Zentrum des alten Orients in einen immer leuchtenden Stern verwandeln wird.”

[inspic=643,,,0] Täglich verkünden die nationalen Presseorgane neue Erfolgsmeldungen aus der Aktienwelt:

“Hauptelektrizitätsingenieur der Region Kuljab verkauft ein Auto, um Aktien für das Wasserkraftwerk Roghun zu erwerben”, “Bauarbeiter aus Tadschikistan, die den internationalen Flughafen von Sotschi bauen, sammelten Geld, um Roghun-Aktien zu kaufen”, “Die Verwaltung der Region Kuljab hat eine Agitpropgruppe gegründet, um die Wichtigkeit des Baus des Wasserkraftwerkes Roghun klarzustellen”, “Die Entwicklungsbank Tadschikistans bringt den Verkauf von Roghun-Aktien mit einem Außendiensteinsatz bei Markthändlern in Gang”, “M. Ubaidulloew [Bürgermeister von Duschanbe] ist sich sicher, dass bis Ende März jede Familie von Duschanbe Roghun-Aktien für mindestens 5000 Somoni [ca. 1150 US-Dollar] kaufen wird”.

Letzteres scheint eher eine Drohung zu sein. Und auch aus der Ansprache des Präsidenten und den Pressemeldungen geht hervor, dass jeder Bürger den Bau materiell unterstützen muss, doch bei durchschnittlich 50 US-Dollar Monatseinkommen (Weltbank 2008) und einem relativ hohen Preisniveau können die notwendigen Summen wohl kaum aus freien Stücken aufgebracht werden. Zumal ein Großteil der Bevölkerung bezweifelt, dass jemals eine Dividende ausgezahlt wird. Die Aktionäre des Wasserkraftwerkes Sangtuda-1 warten seit dem Aktienverkauf 1996 auf ihre erste Dividende.

Die Realität des Aktienverkaufs nimmt bisweilen groteske Züge an. Eine Lehrerin, die 100 US-Dollar im Monat verdient, muss für 250 US-Dollar Aktien kaufen. Dieses Geld, das sie nicht hat, leiht sie sich bei Verwandten und von der Bank und zahlt fortan Zinsen. Das Monatsgehalt eines Arztes wird nicht ausgezahlt, sondern sofort in den Roghun-Fond überwiesen. Im Krankenhaus müssen Patienten ihre Aktien vorzeigen, um behandelt zu werden. Verkehrspolizisten geben den Führerschein nach einer Kontrolle erst nach Aktien-Vorlage zurück. Zur bevorstehenden Parlaments- und Kommunalwahl Ende Februar 2010 ziehen viele junge Leute auf lokaler Ebene ihre Kandidatur zurück, da sie nicht über die nötigen Mittel verfügen, um nach der Wahl die erforderlichen Aktien zu erwerben. Die Presse vermeldet, dass innerhalb des ersten Verkaufsmonats bereits Aktien im Wert von 162 Millionen US-Dollar veräußert wurden. Insgesamt sollen Aktien im Gesamtwert von 1,37 Milliarden US-Dollar ausgegeben werden, das entspricht etwa einem Viertel des tadschikischen Bruttoinlandsprodukts.

Wieder einmal ist es die Bevölkerung Tadschikistans, die die Last zu tragen hat. Ihre
Hoffnungen auf eine, sei es auch nur leichte Verbesserung der enorm schwierigen Lebensumstände schwinden immer mehr. Die Unzufriedenheit im Land steigt. Niemand in Tadschikistan erwartet die “Verwandlung in einen leuchtenden Stern”. Den meisten würde schon genügen, wenn nur etwas mehr Strom aus den Steckdosen kommt.

Der/Die Autorin ist der Redaktion bekannt.

3 Thoughts on “Die schwierige Wasserkraftgeburt von Roghun

  1. Pingback: Readers Edition » Leuchtende Zukunft - Eine Bilderserie aus Tadschikistan

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  3. Fira on May 11, 2010 at 03:01 said:

    bin schokiert…:(

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