Die Stadt als Garten

(Betrachtungen zu den urbanen Gärten in Samarkand, ein Beitrag von Jennifer Andres)

Der Traum vom Garten – ob nun mit oder ohne Haus – lässt sich innerhalb der gesamten Menschheits- und Gesellschaftsgeschichte verfolgen. Der Garten als heiliger Ort, als Ort des Luxus und Schmuck des Daseins oder als existenzielle Notwendigkeit – über diejenigen Gründe, die diesen Traum beflügeln, gibt es wohl so viele verschiedene Meinungen wie es menschlich verschiedene Gärtner und Nichtgärtner gibt.

“Was hat man ihm nicht alles versprochen: das Land Utopia, den kommunistischen Zukunftsstaat, das neue Jerusalem, selbst ferne Planeten. Aber er wollte immer nur eines: ein Haus mit Garten.” (Chesterton)

Nun, alle auf regionen- und kulturübergreifenden Bestandsaufnahmen basierende Deutungsversuche kommen über das Wesen des Gartens dahingehend überein, dass er mit der Seßhaftwerdung zu einer menschlichen Institution geworden ist und sich seitdem allen Umständen zum Trotz durchzusetzen wusste.

Als Produktionsstätte von landwirtschaftlichen Gütern stößt der Garten auch in wissenschaftlichen Untersuchungen zunehmend auf Interesse. Die Ursache für die verstärkte Aufmerksamkeit ist in erster Linie in der entwicklungspolitischen Diskussion hinsichtlich der Frage um die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln zu suchen. In vielen Regionen der Welt lässt die steigende Verstädterung – sei es durch Migration in die Städte, natürliches Bevölkerungs- wachstum oder Ausweitung der Städte in die Landschaft – den urbanen Garten zu einer existenzsichernden Institution werden. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge waren zu Beginn der Neunziger Jahre weltweit ca. 800 Millionen Personen in urbanes Gärtnern involviert. Sie produzierten dabei Lebensmittel für 700 Millionen Personen, was circa 12% der Weltbevölkerung entspricht.
Zahlen wie diese sprechen eine deutliche Sprache. In der Stadt wird nicht nur konsumiert, sondern auch produziert. Gleichzeitig widersprechen sie vor allem wohl der Vorstellung, dass der urbane Raum lediglich Wohnzwecken diene und wirtschaftliche Aktivitäten innerhalb der Stadtgrenzen auf den sekundären und tertiären Bereich beschränkt sind…

Elizabeth Meyer-Renschhausen bezeichnet das Phänomen als die “Wiederkehr der Gärten”. Abgesehen von einigen Ausnahmen findet es, durch zahlreiche Fallstudien, weltweit Bestätigung. Diese, durch die Brille einer an der Region Mittelasien Interessierten, beobachtete Lücke führte mich im Dezember 2006 nach Samarkand. Mit dem Ziel, die Verbreitung sowie spezifische Ausformung des urbanen Gartenbaus zu untersuchen, widmete ich mich zehn Wochen lang den Gärten und der Kleinstlandwirtschaften dieser Stadt. Oder vielmehr den – angesichts der im Jahreszeitenverlauf typischen, klimatisch rauhen Witterungserscheinungen, mit denen (welch eine Ãœberraschung!) , anstelle der Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die Phase der Vegetationsruhe und Bodenregeneration einhergeht – Gartenbauern und -bäuerinnen der Stadt.
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Und das in jener Stadt, die schon vor einem halben Jahrtausend durch die damals existierenden Gartenbaumodelle geprägt wurde als auch selbst die Gartenbaukunst in der islamischen Welt in den nachfolgenden Jahrhunderten wesentlich mitprägte. Mit der Ernennung zur Hauptstadt durch Timur brachte es Samarkand zu Glanz und Weltruhm. Neben den einzigartigen, zu Zeiten Timurs und seiner Nachfolger errichteten Bauwerken beeindruckte das timuridische Samarkand vor allem durch die zahlreichen Obstplantagen und üppigen Gärten, die sie umgaben. Die Gärten, die nach dem Vorbild der persischen Paradiesgärten einer strengen geometrischen Ordnung unterlagen, erlangten unter den so verheißungsvoll klingenden Namen wie Bagh-i Dilguscha (der herzerfreuende Garten), Bagh-i Dulday (der Vollkommene Garten) oder Bagh-i Bihisht (Garten des Paradieses) Berühmtheit. Obwohl keiner dieser Gärten heute mehr existent ist, sind ihre hinterlassenen Spuren dagegen noch allseits präsent….

Zum Beispiel im großen, von der Außenwelt nicht wahrnehmbaren Innenhofgarten von Kutbiya Rafiewa. Hier, inmitten der verwinkelten und dicht bebauten timuridischen Altstadt, bekam die überlieferte Geschichte, dass das “Paradies auf Erden” ein Garten hinter Mauern sei, ein lebendiges Gesicht.

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Vom Großvater Kutbiyas in erster Linie als ein Nutzgarten angelegt, wird sein heutiger Charakter in den Augen des in ihm verweilenden Betrachters vor allem durch die Vielzahl an Bäumen und dekorativen Gewächsen geprägt. Eine künstlich geschaffenes Refugium, das, so sagt Kutbiya stolz und zeigt dabei auf den 50 Jahre alten weißen Maulbeerbaum, Schutz vor der sommerlichen Hitze spendet, Ruhe und Erbauung bietet und dessen kühlen Wasserläufe den Geist erquicken sowie für das Gedeihen der Vegetation Sorge tragen.

Unweit dieser kleinen Oase, direkt hinter dem Mausoleum Ak Saray, ist der Garten von Gabhar und ihrem Mann gelegen. Im Gegensatz zu dem gepflegten Garten von Kutbiya, strahlte dieser eine Unordnung aus, die mich anfänglich erst einmal zurückschrecken liess. Gründe dafür waren ein Hund, der seine Wächterfunktion sehr ernst nahm sowie allseits von Improvisationskraft und Mobilität gekennzeichnete Gartenelemente (so bspw. ein Stück Stoff als provisorischer Eingang) —garten2.jpg überall Hinterlassenschaften, die sowohl aufgrund ihrer ursprünglichen Funktion als auch ihres Materials nicht unbedingt in einen Garten gehören. Nachdem mir Gabhar, eine leidenschaftliche Gärtnerin mit hohem Kenntnisstand über botanische Zusammenhänge, die Geschichte ihres Gartens schilderte, wurde mir klar, dass auch dieses Fleckchen Erde mehr aus dem Bedürfnis nach Ruhe und praktischem Tun heraus, als zu einem Beitrag der Nahrungsmittelversorgung bewirtschaftet wird. Für Gabhar und ihrem Mann bedeutet Garten Vielfalt und damit Leben. Trotz ihrer bescheidenen Lebensweise scheinen sie mit ihrem Garten in einer Art von Ãœberfluss zu leben. Das alles überragende Kennzeichen ist ein 500 Jahre alter Maulbeerbaum. Er bildet durch seine Mächtigkeit das Zentrum des Gartens. Umgeben wird er von nicht weniger als 60 Obstbäumen unterschiedlichster Art. Die Anordnung dieser Gehölze erfolgt weniger dekorativen als strategischen Motiven. Nachdem das Nachbarhaus, einem der Masterpläne zur Stadtentwicklung zur Folge, vor etwa 10 Jahren weichen musste, fürchtet auch Gabhar eine Enteignung und schrittweisen Abriss. Die ihr wichtigsten, Ewigkeit und Zukunft symbolisierenden Bäume pflanzte sie daher in die Nähe ihres Wohnhauses um. Gabhar und ihr Mann wollen jedoch nicht nur ihren Garten bewahren, sondern auch einen neuen erschaffen. Auf dem Gelände des ehemaligen Nachbarhauses pflanzten sie schnellwachsende Pappeln, sowie Kiefern und Apfelbäume.

Einen weiteren Garten mit Protestcharakter entdeckte ich am Rande der historischen Altstadt. Abseits des dichtbebauten Labyrinths enger Gäßchen, unweit des Ufers des Baches Chesna erinnert man sich beim Anblick des 4,5 Hektar großen, mit zahlreichen Baumbeflanzungen bestückten Gartens von Latifa-apa schnell der Worte des Spaniers Clavijo.garten3.jpgAls Gesandter an Timurs Hof bemerkte er in seiner Beschreibung von Samarkand “eine solche Ãœberfülle an Gärten und Rebland, dass der Besucher, der hier ankommt, nichts sieht als eine Unmenge von Grün und mittendrin die Stadt”. Der Lärm aber, der von der sich in unmittelbarer Nähe befindenden und vom Verkehr geplagten Umarovstraße herüberdringt, ja sich förmlich im Ohr festzusetzen scheint, lässt diese exotisch-romantischen Vorstellung vom hortus conclusus schnell überwinden. Die trotz ihres hohen Alters mir sehr rüstig gegenübertretende Latifa-apa erzählte, dass sie den Garten nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1987 fast vollständig umgestaltete. Die Weinreben, die bis zu diesem Zeitpunkt dem Garten seinen gestaltenden Charakter verliehen, wurden zugunsten zahlreicher früchtetragender Apfel-, Aprikosen-, Kirsch-, Maulbeer-, Feigen- und Khakibäume entfernt. Auf die Frage nach dem warum, fragte sie mich forsch, ganz wie im Stile einer ehemaligen Russischlehrerin zurück, was sie denn mit so vielen Weintrauben machen sollte, wenn sie selbst gar keinen Wein trinke. Den Anbau von Obst und Gemüse dagegen, verstehe sie vor allem als einen Beitrag zu ausgewogener Ernährung sowie zur Verringerung der Abhängigkeit von städtischen Zuwendungen. Schmunzelnd erwähnt sie fast beiläufig, dass sie die, ihr Grundstück vor zwei Jahren bedrohende Zwangsenteignung mit einer Flut an Protestbriefen erfolgreich begegnen konnte…

Neben diesen drei Gärten in der timuridischen Altstadt von Samarkand, besuchte ich Gärten in vier weiteren Stadtteilen, die sich hinsichtlich ihrer bevölkerungsstrukturellen und städtebaulichen Voraussetzungen deutlich voneinander unterschieden. Kennzeichnend dabei war, dass es in Abhängigkeit von der Lage eine ganze Reihe unterschiedlicher Gartenformen gab. Gemein ist allen, dass die Produktion von landwirtschaftlichen Gütern in den städtischen Gärten dabei zwar oft im Mittelpunkt stand, aber selten ausschliesslich. Vielmehr entspricht der Garten in seinem Wesen einem Ort, in dem immer mehrere Räume mit unterschiedlichen Bedeutungen zusammengelagert sind. Die Pflanzenproduktion befindet sich dabei im dichten Netz der sozialen Verbindungen, räumlichen Eingebundenheit in der Stadt und kulturellen Ausformungen. Der Garten ist Ausdruck für symbolische, spirituelle oder religiöse Inhalte, oder um es abschliessend mit den Worten Foucaults zu sagen: Die vielleicht älteste Heterotopie mit widersprüchlichen Platzierungen ist der Garten.

Jennifer Andres ist passionierte Gärtnerin — nebenbei Studentin der Zentralasienstudien und Agrarwissenschaften an der HU Berlin. Die aufgezeichneten Beobachtungen machte sie während eines, im Rahmen des GoEast-Programmes des DAAD durchgeführten Forschungsaufenthalt in Samarkand. Im Ergebnis soll eine Darstellung über die städtische Gartenversorgung und Gartenpraxis vorgelegt werden, die es ermöglicht, sich umfassend mit dem gegenwärtigen Stellenwert der urbanen Landwirtschaft zu befassen und mögliche Zukunftsperspektiven zu diskutieren. Gegenwärtig ist sie vor allem mit Instandhaltungsarbeiten in ihrem eigenen Garten sowie mit der Konservierung der Erträge aus dem vergangenen Gartenbaujahr beschäftigt.

5 Thoughts on “Die Stadt als Garten

  1. Marco on August 20, 2010 at 12:54 said:

    Liebe Jennifer,

    vielen Dank für Deinen interessanten Bericht! Da ich zumindest einen der erwähnten Gärten über die Jahre nun bereits zweimal gesehen habe, aber auch andere auf meinen Reisen durch Zentral Asien kennen gelernt habe, werde ich auf meiner nächsten Tour wieder mit anderen Augen durch diese wunderschönen Idylle schlendern und unter den Schatten der Bäume verweilen, bis sich die Mittagshitze wieder gelegt hat.
    Ich hoffe doch die Gartenbesitzer können sich auch in Zukunft den immer wieder erstarkenden Begehrlichkeiten der “Stadtväter” erwehren.

    Viele Grüße!

  2. Samarqandlik on April 11, 2008 at 13:32 said:

    Assalomu alaykum!

    Narz shumo? – Jaja, immer dieser Samarqander Straszendialekt … Schade, dasz es Dich jetzt doch (noch?) nicht wieder nach Zentralasien verschlagen hat, einem weiteren Tee zum Neuigkeitenaustausch stehe ich durchaus sehr positiv gegenueber!

    Bis hoffentlich bald mal wieder!

  3. Pingback: Readers Edition » Die Stadt als Garten

  4. Samarqandlik on November 25, 2007 at 21:44 said:

    Liebe Jennifer!

    Erfrischend einen so schönen Bericht über das immer wieder erstaunliche Samarqand zu lesen! Herzlichen Dank!

    Nach langen Monaten mittelasiatisch gereifter Früchte und Obst aus den Gärten Samarqands mag eine spanische Tomate ja vielleicht rote Farbe tragen, Geschmack allerdings nicht.

    Ich freu mich auf einen Tee mit auszutauschenden Erinnerungen zum Einjährigen!

  5. Liebe Jennifer,
    in Samarkand bin ich auf zwei schöne Redewendungen der Hortikultivierer gestoßen:

    “Jeder gute Mensch hinterlässt einen Garten- ein schlechter nur einen Fleck!”

    “Es ist eine gute Tat, einen schönen Baum zu pflanzen. Einen Obstbaum zu pflanzen zählt jedoch wie 10 gute Taten. Pflanzt man aber einen Maulbeerbaum, so entspricht das 100 guten Taten!”

    Vielleicht nehmen sich das ja einige Stadt- und Straßenbauingenieure zu Herzen!

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