Im Land der Amazonen II

(Folge zwei der Übersetzung von Ingeborg Baldauf mit einer Einleitung von Olim devona)

In einer ersten Folge der Distopie des Krimtatarischen Intellektuellen Gaspirali Gasprinskj wurden wir eingeführt in die Rahmenhandlung der gesamten Geschichte, die Gefangennahme einer ausschließlich männlichen Expedition in die Hände von weiblichen Kriegern, die diese in ihr Land, in das Land der Amazonen verbringen. Die Augen, durch die wir nun dieses Land betrachten sind die Augen des Taschkenter Intellektuellen Mulla Efendi, der in Briefform über seine Abenteuer in Afrika berichtet. Dieser Bericht offenbart uns eine ungewöhnliche Vernetzung der Welt. Wir schreiben Ende des 19. Jahrhunderts und hier sind die Krim, Europa, Afrika und Zentralasien in einem Dialog, den man sich seit den Zeiten der Blockantagonismen und der jetztigen Festung Europa kaum mehr vorstellen kann. Schon im ersten Teil der Geschichte wurde schnell klar, wie erstaunlich gleichzeitig die Dinge auch im 19. Jahrhundert in der Welt abliefen. Es klingt vielleicht verwunderlich, aber auch damals gab es Medien, die auf wundersame Weise die Welt miteinander verbanden. Der Zirkus Suhr spielte die Pantomime der Amazonen von Dahomey ebenfalls am Ende des 19. Jahrhunderts in Taschkent, so wie er die Kunde vom Afrikafeldzug Napoleon des IV. nach Zentralasien brachte.

Wir irren, wenn wir denken, dass das informiert sein voneinander eine Sache der neuerlichen weltweiten Vernetzung heutzutage ist. Mit dem Handel über die Seidenstraße, besser gesagt, mit der Vernetzung der Handelsstrukturen seit dem Börsengang der Börse in Antwerpen (1531) ist Europa mit Asien im Stundentakt verbunden gewesen. Die Armenischen und Jüdischen Kaufleute in Vorder- und Hinterasien waren schon viel früher miteinander verbunden. Wurde eine Ladung Tee auf dem Weg durch die Taklamakan zerstört, hatte das in wenigen Tagen Einfluss auf die Teepreise in Damaskus. Sank in Indonesien ein Schiff, wusste man es in Istanbul schon ein, zwei Tage später.

Ebenfalls war erstaunlich im ersten Teil der Geschichte zu erfahren, wie erstaunlich ähnlich die Lage der Frau in Zentralasien zu der Lage der Frau in Frankreich war. Wie das ganze distopisch umformt werden kann, davon handelt die nun vorliegende 2. Folge.

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Dass wir im Sandsturm in der Wüste vom Weg abgekommen und in Gefangenschaft
geraten und zum Schloss der Königin verbracht worden waren, war bereits in meinen vorigen Briefen gestanden. Als unsere Kamele den umfriedeten Platz betreten und angehalten hatten, begannen die Palastbediensteten unsere Habseligkeiten abzunehmen und nach drinnen zu tragen. Wir stiegen ebenfalls ab und entboten den schwarzgesichtigen Frauen und Mädchen unseren Gruß, aber sie schienen unsere Höflichkeit nicht zu ästimieren. Ihrer Sitte gemäß hatten wir uns vor den Frauen zu schämen und uns unangenehm zu fühlen und unsere Gesichter zu verhüllen! Mein Gefährte Monsieur Martin kochte innerlich und streckte absichtlich nach europäischer Manier den Mädchen die Hand hin. Die Ärmsten erschraken und stoben nach allen Seiten auseinander, denn wenn die Königin das sah, würde sie sie womöglich streng bestrafen. Der Karawanenführer Abdullah kam herbeigelaufen: “Brüder, steht ruhig, so etwas ist hier fehl am Platze! In diesem Land müssen die Männer so verschämt und zurückhaltend sein wie in eurem Land die Frauen. Was ihr da tut, gilt hier als große Ungehörigkeit; wenn die Königin das sieht, kann es womöglich für euch nicht gut sein!” sagte er. Martin konnte es nicht länger ertragen und schrie: “Was soll das? Wir sind doch keine Frauen, dass wir uns einen Schleier vors Gesicht und einen Mantel über den Kopf ziehen müssten!” “Zorn und Gebrüll nützen gar nichts”, sagte Abdullah, “was euch getroffen hat, müsst ihr eben ertragen… Gleich werden sie euch vor die Königin führen. Ihr werdet euch, sowie ihr eingetreten seid, bis zum Boden verneigen und danach zu Boden blicken und die Augen nicht heben und hübsch züchtig und artig stehen bleiben wie die Frauen in eurem Land. Vergesst nicht, dass ihr der Königin gehört: an ihr liegt es, ob sie euch liebt oder schlachtet…”

Kaum hatte ich meinen französischen Gefährten diese Worte übersetzt, kam ein junges
Mädchen, mit einem Schwert gegürtet, aus dem Palast gelaufen und lud uns nach drinnen. Das Mädchen musste der Leibgarde oder der Elitetruppe der Königin angehören.

Wir traten in einen düsteren Raum. Sofort reichte man jedem von uns eine Schale Milch
und ein paar Datteln. Wir setzten uns auf den Boden und nahmen diesen Festschmaus entgegen. Danach führte uns wiederum dieses schwertumgürtete Mädchen in ein anderes Zimmer im oberen Stockwerk. Dort war es ziemlich hell, die Fenster hatten Vorhänge, Teppiche und Möbel waren recht schön. An einer Seite des Zimmers war aus Matratzen und Kissen ein erhöhter Platz zurechtgemacht; wir schlossen, das müsste der Thron sein, auf dem die Königin saß. Wir stellten uns diesem Thron gegenüber auf. Drei oder fünf Minuten darauf hörte man aus dem anderen Raum Schritte, und die Königin trat in unser Zimmer. Wir rührten die Verbeugung aus. Sie setzte sich auf ihren Thron, von dem ich gesprochen habe. Die Königin war eine Frau in den Dreißigern, nachtschwarz wie Kohle, aber ziemlich hübsch. Sie trug ein langes Seidengewand und wirkte majestätisch mit dem Schwert am Gürtel; in der Hand hielt sie einen vergoldeten Speer.

So wenig attraktiv dieses schwarzgesichtige, kräuselhaarige, dicklippige Volk in unseren
Augen auch sein mag, war die Königin im Vergleich zu den anderen doch recht hübsch und von entsprechendem Körperbau. Was sollte uns aber ihre Schönheit und sonst noch was interessieren – unsere Gedanken beschäftigten sich damit, welche Behandlung sie uns erweisen würde. Mit gesenkten Häuptern standen wir da und hingen düsteren Gedanken nach. Was würde sie mit uns machen? Was würde sie befehlen? Sollte sie grausam sein, war es von Übel, sollte sie uns aber lieben, so mochte es ein doppeltes Übel, ein zweifacher Tot sein, überlegten wir, und so fanden unsere Gedanken keinen gangbaren Weg.

***
[Vielleicht fehlt hier eine Fortsetzung. I.B.]
***

Nachdem wir bei der Königin vorgesprochen hatten, wiesen sie uns im Obergeschoss des Palastes ein großes Zimmer zu. Daran, dass sie uns nicht nach unten ließen, erzeigte sich die große Aufmerksamkeit der Königin. Sowie wir in unserem Zimmer allein blieben, begannen wir uns um unsere Habseligkeiten zu sorgen. Es war klar, dass unsere Lage so gut wie tödlich war, wenn wir nicht über die Drogen und Medikamente, die Geräte und Waffen verfügten und diese schwarzen Teufel sie in Beschlag nahmen! Solange wir die Siebensachen und Waffen nicht hatten, war Flucht oder Befreiung aus der Gefangenschaft unmöglich! Warum auch immer beschlossen wir, uns die Sachen wieder zu verschaffen; wir entschieden uns, es zuerst mit List, dann aber auch mit Gewalt zu versuchen. Daraufhin begaben wir uns eine Stunde später zu Ihrer schwarzen Majestät und dankten ihr dafür, dass sie uns in ihrem Land Aufenthalt gewährte. Ich brachte zum Ausdruck, wie dankbar wir waren, in die Gefangenschaft einer derartigen Königin geraten zu sein und dass wir mit Freuden unser Leben und unser Hab und Gut drangeben würden. Danach erklärte ich, dass unter unseren Habseligkeiten Mittelchen für ewige Jugend, Schönheit, Glück und noch andere Wunderdinge wären und dass nur wir über deren Geheimnisse und Anwendungen Bescheid wüssten, und bat, man möge uns die Sachen herausgeben.

Die Königin erwog, dass es nichts schaden konnte, wenn wir und unsere Habseligkeiten
gemeinsam eingesperrt und in sicherer Hand waren, ja dass daraus vielleicht sogar größerer Nutzen zu ziehen sein mochte, und ließ uns unser Gepäck mit den Worten “Die Sachen gehören euch, aber zeigt mir, was ihr habt!” übergeben. Ich stieg ins untere Geschoss hinab und legte ein Schloss vor die Tür. Wir hatten selbst ein Vorhängeschloss dabei; hier kannte man nicht einmal irgendwelche Schließvorrichtungen außer hölzernen Sperrbäumen.

Nachdem er uns der Königin vorgestellt hatte, war der Karawanenführer Abdullah
verschwunden. Später fanden wir heraus, dass er von der Königin für jeden von uns ein Pfund Goldstaub bekommen hatte und abgezogen war. Nun war es ganz klar, dass der Verwünschte uns verraten hatte. Man kann nicht in den Menschen hineinschauen, heißt es; das ist ein wahres Wort. In Algier hatten uns die Religionsgelehrten diesen Mann als Wegeführer gezeigt. Hätten sie Bescheid gewusst, hätten sie ihn uns gewiss nicht empfohlen. Er gab sich gut und fromm – aber jetzt war heraus, dass sein Herz ein Teufelsbasar sein musste. Sei’s drum. Von jetzt an hing unsere Lage von unserem eigenen Verstand und von unserem eigenen Einsatz ab. Ob wir in diesem finsteren Land gefangen bleiben würden oder ob sich ein Ausweg finden und wir das Gebiet des Mahdi erreichen würden – möge dem werden, wie da werde.

Am Abend begaben wir uns alle zur Königin und schenkten ihr Kleinigkeiten wie Klappmesser, eine Schere, Parfümöle und Duftwässerchen. Da sie dergleichen noch nicht
gesehen hatte, gingen ihr die Augen weit auf, sie freute sich wie ein Kind und war glücklich.
“Geht jetzt schlafen und ruht euch aus”, sagte sie und entließ uns in unser Zimmer. Es war erst die Zeit des Abendgebetsrufs, aber da in diesem Land Dinge wie Leuchten und Lampen noch nicht erfunden waren, gingen die Leute mit der Sonne schlafen und standen mit der Sonne wieder auf. Da in dieser Gegend Tag und Nacht jahraus, jahrein zwölf Stunden lang sind, hatten sie es auch nicht dringend nötig, Lichter anzuzünden. Als es später Abend wurde, versperrten sie Türen und Durchgänge mit hölzernen Sperrbäumen und Riegeln und gingen sogleich schlafen. Nur rund um den Königinnenpalast schoben ein paar Wächterinnen mit Speeren in der Hand Wache. Auch wir gingen ins Bett und legten uns nieder, aber kein Schlaf kam uns in die Augen. Ein, zwei Stunden lagen auch wir wortlos ohne zu reden, damit die Palastleute und die Wächterin im anderen Zimmer einschliefen, aber als wir spürten, dass die Wächterin eingeschlafen war, begannen wir uns flüsternd zu beraten. Wir verständigten uns darauf, dass wir angesichts unserer Lage zu allererst das Wohlwollen der Königin und der hohen Palastbeamtinnen erwerben und uns durch verschiedene Künste und Mittelchen ihre Zuneigung verschaffen mussten. Dann mussten wir alles über das Land der Frauen herausfinden, und ob es in der Nähe andere Länder gab oder nicht. Über die Möglichkeiten einer Flucht und Rettung wollten wir erst diskutieren, wenn wir all diese Informationen zusammengetragen hatten. Dann gingen wir schlafen. Ich hatte schon in meinen früheren Briefen geschrieben, dass in diesem seltsamen Land die Männer genau in der Lage sind wie unsere Frauen in dem Sinne, dass man die Kinder nach der Geburt dem Mann zur Aufzucht überlässt. Da jede Frau zwei, drei Sklaven-Gatten hat, ist einer damit beschäftigt, sich um die Kinder zu kümmern, einer kocht und melkt die Kühe, der dritte spinnt, webt und näht die Kleider. Wenn der Säugling hungrig ist, gibt man ihn seiner Mutter, lässt ihn trinken, und dann nimmt ihn wieder der Mann an sich, geht und kümmert sich um ihn. Die Frauen wiederum sind an der Stelle unserer jungen Männer: Sie vertreiben sich die Zeit mit Beschäftigungen wie Pfeilschiessen und Ringen und lassen, anstatt wie bei uns die jungen Mädchen, Jünglinge tanzen und singen und ergötzen sich daran. Alle öffentlichen Angelegenheiten und die Regierung liegen in den Händen der Frauen und Mädchen. Ihre Männer sind verschleiert und arbeiten wie unsere Frauen im Inneren des Hauses. Den alten Männern trägt man niedrige und schwere Arbeiten auf; junge Männer werden sehr mild und zärtlich gehalten. Als wir erzählten, dass in unseren islamischen Ländern und in den Ländern Europas die Frauen immer im Haus bleiben und keine schweren Arbeiten vollbringen, während die Männer Soldaten werden und in den Krieg ziehen und hohe Positionen innehaben und an der Regierung sind, riefen sie “Ja, gibt es denn so was?!” und lachten und wollten es nicht glauben. Sie hielten uns entgegen: “Wenn in euren Ländern die Männer mit entschleierten Gesichtern umherlaufen oder Pfeile schießen und das Schwert ziehen und in den Krieg gehen, dann habt ihr wohl keinerlei Zucht und Ordnung!” Als in Gegenwart der Königin die Rede auf die Gegebenheiten und das Alltagsleben in Europa und Turkestan kam, brachte die “Kultuswesirin”, ein altes und buckliges Weib wie der Teufel, grosse Abscheu vor unseren Sitten zum Ausdruck und schrie: “Eurer Land ist dem Untergang geweiht! Was soll das bedeuten! Seit wann macht man Männer zu Soldaten? Können Männer etwa kämpfen? Wozu taugen sie denn als zum Kinderhüten und Kochen? Werden denn aus ihnen, deren Haar gerade so kurz ist wie ihr Verstand, rechte Befehlshaber und Regenten?! – Die müssen ja üble Sitten und Bräuche haben, besser sollen sie nicht davon erzählen: Das könnten unsere Leute hören und es würde zu Aufruhr in den Gemütern führen. Oh Sünde!” Monsieur Martin konnte die Worte der alten Teufelin nicht mehr ertragen. Er sagte: “Schaut euch das an! Dieses unselige Volk, dem der Verstand nicht dazu gereicht hat, Kerzen und Lampen zu erfinden, hat die Zensur bereits erfunden und lässt sich einfallen, uns einen Maulkorb umzuhängen!”

Update: Die Fortsetzung der Geschichte finden Sie hier.

Eine Bildschirmgesamtausgabe finden Sie hier.

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