Ishkashimi

Ein Beitrag von Nazar Nazarov

Ishkashim ist eine hochgelegene und schwer zugängliche Region im Hindukusch und Pamir. Ein Regierungsbezirk gleichen Namens gibt es sowohl auf der afghanischen wie auch auf der tadschikischen Seite des Pandsch.

Ishkashim

Straße bei Ishkashim, Tadschikistan – Foto: Karvovskaya

Seit dem Britisch-Russischen Grenzabkommen von 1895 bildet der Fluss Pandsch die Grenze zwischen dem Russischen und Britischen Einflussbereich und zerteilt damit die entlang dieses Flusses lebenden Sprachgemeinschaften (u.a. Shughni, Wachi, Ishkashimi). Auch heute bildet der Pandsch die Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan (nach dem Zufluss des Vachsch im Flachland Südtadschikistans heißt der Pandsch dann Amudarja). Zu Zeiten der Sowjetunion war diese Grenze Sperrgebiet und praktisch nicht zu überwinden. Es waren zwei scharf voneinander getrennte Welten, deren Entwicklung bis zu Beginn des 21. Jhd gänzlich unterschiedlich verlief.

Doch die Kinder auf beiden Seiten des Grenzflusses blieben neugierig. Ohne, dass ihre Eltern es mitbekamen, liefen sie ans Ufer des Pandsch und versuchten in ihrer Muttersprache mit denen auf der anderen Seite Kontakt aufzunehmen. Von drüben aus erkundigte man sich über die Verwandten auf der sowjetischen Seite und ließ Grüße ausrichten. Doch die Rufe waren über den rauschenden Fluss nur schwer zu verstehen. Die Elterngeneration und vor allem diejenigen, die die Repressionen der 1930er Jahre noch erinnerten, hatten Angst vor Kontakten “nach drüben” und stritten ab – oft bis zu ihrem Lebensende – Verwandte in Afghanistan zu haben.

Besonders schwer war die Schließung der Grenze in den 1930er Jahren für die Frauen, die auf der jeweils anderen Seite verheiratet waren und dadurch den Kontakt zu ihren Herkunftsfamilien komplett verloren. Sie träumten ihr Leben lang davon, ihre Familienangehörigen wieder zu sehen. Die meisten jedoch erlebten die Öffnung der Grenze nicht. Früher wurden Ehen von Ishakashimisprechern nördlich des Flusses nur untereinander, d.h. auch mit Frauen aus dem afghanischen Teil Ishkashims geschlossen. Dies führte unter anderem zur Bewahrung der Ishkashimi-Sprache. Erst nach der Grenzschließung wurden auch Frauen aus Wachan und Goron geheiratet. Diese sprachen anfänglich noch ihre eigene Sprache, wechselten dann aber im Lauf ihrer Ehe auf Ishkashimi. So konnte auf Tadschikischer Seite das Ishkashimi bewahrt werden, wohingegen es auf der afghanischen Seite heute weitgehend von Dari verdrängt ist. Allerdings ist es heute so, dass junge Ishkashimi-Frauen, die in andere Dörfer verheiratet werden ihre Kinder nicht mehr in Ishkashimi erziehen, sondern in der Sprache ihrer Ehemänner. Auch als Zweitsprache trifft man bei diesen Kindern nur sehr selten auf Ishkashimi. Die Frauen selbst können also Ishkashimi nur mit ihren direkten Verwandten sprechen aber nicht mehr in ihrer neuen Umgebung.

Abend bei Ishkashim, Tadschikistan – Foto: Karvovskaya

Abend bei Ishkashim, Tadschikistan – Foto: Karvovskaya

Ishkashimi und die Sprachwissenschaft
Laut der Russischen Sprachwissenschaftlerin T.N. Pakhalina ist das Toponym Ishkoshim indoarischer Herkunft und geht zurück auf das indoarische *sakā-kšamā, was soviel bedeutet wie das “Land der Saka/Skythien”. In historischen Quellen taucht der Name auch auf in den Formen “Sakosham” oder “Sakoshim” und “Shakoshim”. Die erste Nachricht von der Sprache Ishkashimi stammt aus den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts [Shaw, 1876; Tomaschek 1880]. Die erste Beschreibung der Sprache geht zurück auf Grierson, 1920. Ein bedeutender Schritt in der Erforschung des Ishkashimi war die Arbeit des norwegischen Iranisten Georg Morgenstierne (1892-1978) [Morgenstierne, 1938]. Doch beschrieb dieser den Dialekt Sanglichi und nicht direkt das Ishkashimi.

Material zu dem in Tadschikistan gesprochenen Ishkashimi wurde 1915 von I.I. Zarubin in Ishkashim zusammengetragen. Dieses Material besitzt größten wissenschaftlichen Wert. Teile davon wurden von T.N. Pakhalina 1959 publiziert. Der Rest befindet sich im Archiv in St. Petersburg.
Die 1959 von Pakhalina publizierte Monographie enthält eine Beschreibung der Phonetik und Grammatik des Ishkashimi. Kürzlich konnten wir Studien zur “Geistigen und materiellen Kultur im Ishkashimi” sowie zur “Phraseologie (Idioms) im Ishkashimi” vorlegen. In den frühen 1990er Jahren gab es in Tadschikistan noch eine intensive Auseinandersetzung mit den schriftlosen Pamirsprachen (wie auch mit dem Yaghnobi) und es gab eine Vielzahl von vorbereitenden wissenschaftlichen Arbeiten zu diesen Sprachen. Auch im Hinblick auf die Verschriftlichung dieser Sprachen gab es verschiedene Anstrengungen. In Khorugh wurde die Zeitschrift “Farhang-i Badachschan” (Die Kultur Badachschans) herausgegeben. In ihr wurde auch einiges sprachwissenschaftliches Material publiziert. Die Publikationen in den verschiedenen Pamirsprachen folgten allerdings keinem einheitlichen, systematisierten Schriftsystem. Mit dem tadschikischen Bürgerkrieg verschwand dann jede koordinierte (und staatlich unterstützte) Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Pamirsprachen. Für das Schughni sind hier vor allem die sprachwissenschaftlichen Arbeiten Dodchudo Karamschoevs zu nennen, der zwischen 1988 und 1999 auch ein dreibändiges Wörterbuch Schughni- Russisch herausgegeben hat und im Jahr 2005 ein einbändiges Wörterbuch Russisch-Shughni.

Ishkashimi und die anderen Pamirsprachen
Die Sprache Ishkashimi, wie auch die anderen Pamirsprachen, ist eine schriftlose Sprache und gehört zu den Ostiranischen Sprachen der Indoeuropäischen Sprachfamilie.
Die gegenwärtige Sprachsituation in Ishkashim ist bisher nicht Gegenstand der Forschung (weder in Afghanistan noch in Tadschikistan) und das, obwohl die Sprache kurz davor ist, verloren zu gehen. (Eine Ausnahme ist die aktuelle sprachwissenschaftliche Forschung von Lena Karvovskaia zum Ishkashimi in Tadschikistan, die Red.) Sowohl Linguisten, wie auch die Sprecher des Ishkashimi gehen davon aus, dass diese Sprache bald von niemandem mehr gesprochen wird. Wegen der geringen Sprecherzahl wurde Ishkashimi bereits 1995 in das “Rote Buch” der UNESCO aufgenommen.
Auch der Einfluss des Tadschikischen ist im Ishkashimi stärker als in den anderen Pamirsprachen. Das liegt vor allem daran, dass Ishkashimi in einer Region des Pamirs gesprochen wird, in der neben den Ishkashimisprechern auch viele Persischsprecher leben. So werden alle Genres der Folklore, Hochzeitslieder, Trauerlieder, und alle religiösen Zeremonien auf Farsi praktiziert, das über lange Zeit die lingua franca im Pamir war.

Ishkashimi in Tadschikistan
Die Ishkashimisprecher in Tadschikistan sind mehrsprachig. Neben Tadschikisch sprechen sie alle Russisch, Wachi und Shughni. Einige von ihnen sprechen heute auch Englisch. Dennoch ist in Tadschikistan Ishkashimi bis heute die Alltags/Primärsprache innerhalb der Ishkashimi-Familien. Bei Kindern im Vorschulalter ist Ishkashimi sogar die einzige Sprache.

Die Zahl der Ishkashimi-Sprecher liegt heute bei etwa 1000 Personen. Sie alle leben im Dorf Ryn im Bezirk Ishkashim in der Region GBAO. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es auf dem Territorium des heutigen Tadschikistan sogar nur ca. 400 Personen, die Ishkashimi sprachen. Leider ist die Sprecherzahl heute wieder rückläufig. Die Gründe hierfür sind folgende:

Die wirtschaftliche Krise und der tadschikische Bürgerkrieg (1992-1997) nach dem Ende der Sowjetunion führte neben einer Abwanderung und Arbeitsmigration in verschiedene Städte der GUS auch zu einer rückläufigen Geburtenrate (früher 6-8 Kinder pro Familie, heute 3-4) und einer erhöhten Kindersterblichkeit. Zugleich sank die durchschnittliche Lebenserwartung besonders bei der männlichen Bevölkerung. Im Bürgerkrieg kamen zudem viele junge Männer ums Leben.

Auch einige Familien im Dorf Sumdzhin (in Tadschikistan einige Kilometer entfernt vom Dorf Ryn) sprechen Ishkashimi – allerdings eine Variante, die phonetisch dem in Afghanistan gesprochenen Ishkashimi näher steht.

Obwohl die Sprecherzahl in dem kleinen Ort Sumdzhin auf knapp 400 Personen angestiegen ist, ist die Situation dort enttäuschend. Das etwa 20km vom Bezirkszentrum entfernt gelegene Dorf ist umgeben von Persischsprechern und daher sprachlich vom Dorf Ryn isoliert. Das heißt, es gibt nicht die Möglichkeit zu täglichem Sprachkontakt zwischen den beiden Gemeinden. Etwa 85% der Familien in Sumdzhin sind gemischt (die Männer sind Ishkashimi-Sprecher, die Frauen sprechen Farsi/Tadschikisch). Das heißt, dass die meisten Kinder nicht mehr in Ishkashimi erzogen werden. Sie sind mittlerweile persisch-sprachig und nur mehr die ältere Generation spricht Ishkashimi.

Afghanistan
Eine weitere Gruppe von Ishkashimis – derzeit ca. 500 Personen (zu Beginn des 20. Jhd ca. 1500 Personen) lebt in der afghanischen Provinz Badachschan im Bezirk (wuluswali) Sultan Ishkashim (dort leben insgesamt etwa 16.000 Personen) in den Dörfern Khiraman, Shekhtsch, Boshghand, Boor, Darvand und Zargaron. Allerdings hat hier Dari das Ishkashimi unter den jungen Menschen bereits völlig verdrängt. Nur die Alten (ca. 100 Personen) beherrschen dort heute noch aktiv Ishkashimi.

In Afghanistan kam es zudem zu einer Verarmung vieler Ishkashimis und viele von ihnen sind aufgrund von Verschuldung inzwischen landlos. Seit einigen Jahren gibt es aber unter den Ishkashimis auf afghanischer Seite das starke Bedürfnis, den drohenden Totalverlust der eignen Sprache abzuwenden. Es gibt Überlegungen und Versuche Ishkashimi in den Schulen für die unteren Jahrgangsstufen zu unterrichten. Dazu soll ein auf dem Arabisch-Persischen basierendes Schriftsystem für die Sprache entwickelt werden. Für das Ishkashimi in Tadschikistan gibt es bereits eine derartige Fibel, allerdings in kyrillischen Lettern. Ishkoshim_Publ

Es ist zudem ermutigend, dass in den letzten Jahren vermehrt Poesie auf Ishkashimi geschrieben wird. Auch auf afghanischer Seite. Dies trägt dazu bei, die Sprache zu bewahren. Auch Witze werden zum Teil auf Ishkashimi erzählt. Aber dennoch ist der Druck auf die Sprache sehr hoch und es gibt viele Gründe, die ein rasches Verschwinden der Sprache in Afghanistan wahrscheinlich erscheinen lassen: Der starke Einfluss anderer Sprachen vor allem vom Dari, Druck von Seiten der Regierung und der Religion, Zwischenethnische Ehen, die geografische Lage der Dörfer mit Ishkashimisprechern, fehlende Bildung und Mangel an Lehrern, fehlendes Prestige und das nicht Vorhandensein der Sprache in den Medien, aber auch die Passivität der Eltern (die oft angeben aufgrund der Arbeitsbelastung zu wenig Zeit zu haben, ihren Kindern die Sprache beizubringen, oder als Händler lange Zeit gar nicht zu Hause sind) usw.

Erst die politischen Entwicklungen nach dem Fall der Taliban führten zur Möglichkeit wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Ishkashimis aus Afghanistan und Tadschikistan aufzubauen. Im Bezirk Ishkashim wurde ein grenznaher Handelspunkt eingerichtet. Bis zu vierhundert Händler von beiden Seiten des Pandsch kommen dort zweimal im Monat zusammen, um Nahrungsmittel, Kleidung, Treib- und Schmierstoffe und andere Produkte zu handeln.

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Ähnliche Handelspunkte und neue Brücken gibt es auch im Bezirk Murghab und bei Khorugh. Unter anderem sollen im Rahmen der Grenzöffnung auch die Märkte in Tem (Khorugh), Ishkashim und Rusva (Darvoz) wiederbelebt werden. Auch diese neuen Beziehungen tragen zu einer Wiederbelebung des Ishkashimi in Afghanistan bei. Die neue Situation an der Grenze hat also nicht nur Auswirkungen auf die Sicherheitslage, sie fördert auch den legalen Handel und Verkehr und führt zu einer Verbesserung des Lebensstandards der grenznahen Bevölkerung.
Auch die Ishkashimis Afghanistans sind mehrsprachig: Sie sprechen Dari, Paschto, Wachi, Shughni und Sanglichi. Einige der Jungen können auch Englisch. Die soziolinguistische Situation des Ishkashimi ist also sehr komplex. Kompliziert wird die Situation in Afghanistan und in Tadschikistan von politischen, demografischen und wirtschaftlichen Faktoren.

Nachtrag Redaktion:
Nazar Nazarov ist der Verfasser des “Handbuch für Ishkashim” (Ishkoshim – kitobi rohnamo, Dushanbe: Nodir, 2011, 488 Seiten). In diesem sehr informativen “Wegweiser” durch den Verwaltungsbezirk Ishkashim finden sich neben statistischen Materialien zu den Dörfern und ihren Bewohnern auch kurze Beschreibungen von heißen Quellen, Burgen (qal’a) und Heiligtümern der Region, mitsamt den dazugehörigen Geschichten und Überlieferungen (rivoyat), die sich die Menschen in Ishkashim über diese Orte erzählen. Im zweiten Abschnitt des Buches versammelt der Autor über einhundert Kurzbiographien von Ishkashimer Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Sport und Politik. Nazarov portraitiert auch Lehrer und bekannte Bauern und Viehzüchter, Straßenarbeiter, Weltkriegsveteranen und Vertreter des Sicherheitsapparats. Diese Galerie wird ergänzt durch Kurzportraits von Wissenschaftlern, die sich in ihren Arbeiten mit Ishkashim beschäftigt haben, oder dies bis heute tun. Auszüge aus zwei dieser Werke (Andreev/Polovtsov: Materialy po etnografii iranskix plemen Srednej Azii. Ishkashim i Vaxan (1911) – in tadschikischer Übersetzung und die ersten fünf Kapitel aus Gortsy verxov’ev piandzha (1908) von Aleksandr Aleksandrovich Bobrinski) bilden den Abschluss des Bandes.

2 Thoughts on “Ishkashimi

  1. Dass es unter den afghanischen Ishkashimis Paschtu-Sprecher gibt wage ich zu bezweifeln – Paschtu ist zwar neben Dari offizielle Amtssprache Afghanistans, wird aber von ganz wenigen Ausnahmen (ich meine einmal, von “paschtunisierten Tadschiken” in der Provinz Ghazni gelesen zu haben) nur von Paschtunen gesprochen, wobei vor allem in Kabul viele Paschtunen Paschtu zugunsten des Dari aufgegeben haben (sogar die ehemalige afghanische Königsfamilie spricht Paschtu nur als Fremdsprache!). Überall in Afghanistan, wo weder Paschtunen noch Tadschiken leben, hat sich als Verkehrssprache immer das Dari durchgesetzt, ganz sicher in Nordafghanistan.

    • redkolleg on November 9, 2014 at 00:56 said:

      Mit der Verkehrssprache Dari haben Sie schon recht. Herr Nazarov wollte im letzten Absatz seines Beitrags wohl vor allem darauf hinweisen, dass das Ishkashimi im Vergleich zu anderen in der Region gesprochenen Sprachen immer weniger Verwendung findet. Ganz ausschließen würde ich hingegen nicht, dass einige Menschen in der besagten Region Pashto mehr oder weniger gut auch als Fremdsprache beherrschen.

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