Im Land der Amazonen IV
April 10, 2008 | 1 Comment
Dies ist die letzte der vier Folgen, die alles in allem den um 1890 geschriebenen fiktiven Bericht eines Taschkenter Geistlichen Abbas Efendi ergeben, der im wüsten Afrika in das Land der Amazonen geriet. Die Folge I beschäftigte sich mit der Einführung einer fiktiven getrennt geschlechtlichen Welt, in der die Frauen das Sagen haben und die Männer ihnen dienen. Schnell erkennt der Leser die Zustandsbeschreibung französischer und zentralasiatischer Verhältnisse am Ende des 19. Jahrhundert. Erstaunen breitete sich aus, wurden wir gewahr, dass sich die Emanzipation der Geschlechter in Europas wenig von der des Orients unterschied. Folge II lies uns in eine Kulturdebatte eintauchen, in der schnell klar gemacht wurde, dass wie auch immer die Diskussion auf der Seite der Männer oder der Frauen verlief echte Gleichheit von keinem wirklich gewünscht wurde, ein Zustand der auch im Europa des 21. Jahrhunderts reine Zukunftsmusik bleibt. Read more
Das friedliche und glückliche Leben in Lhasa
March 29, 2008 | Leave a Comment
(Ein Augenzeugenbericht)
Gut zwei Wochen sind vergangen, seit „das friedliche und glückliche Leben in Lhasa durch die Dalai Clique“, wie sich der chinesische Staat ausdrückt, „zerstört wurde.“ Nun hängt eine beängstigende Stille über der Stadt. Kaum einer wagt es, seinen Laden zu öffnen. An den Straßenkreuzungen kontrollieren bewaffnete Polizeieinheiten die Passanten. Seit den Ausschreitungen vom 14. März sollen in Lhasa bis zu 140 Menschen getötet, an die tausend verletzt und 600 verhaftet worden sein. Die Sicherheitskräfte haben mit aufgepflanzten Bajonetten die Straßen blockiert und jeden verhaftet, der sich nicht ausweisen konnte oder keine Aufenthaltserlaubnis für Lhasa hatte. Folglich wagte sich bald keiner mehr auf die Straße. Diejenigen mit Papieren waren damit beschäftigt, denjenigen, die keine haben, Nahrungsmittel zu besorgen. Read more
Im Land der Amazonen III
March 28, 2008 | 2 Comments
(Folge drei der Übersetzung von Ingeborg Baldauf mit keiner Einleitung von Olim devona)
Die zweite Folge hat uns in die europäischen und islamischen kulturellen Vorstellungen von der Rolle der Frau wie in ein Spiegelkabinett des 19. Jahrhunderts geführt, und dabei erstaunlicherweise die Frage, die auch die heutige deutsche Gesellschaft plagt, unbeantwortet gelassen: Ist wirkliche Gleichberechtigung möglich, ohne dass ein Partner in der Beziehung sich unterordnet? Diese Gedanken plagten also die Aufklärer vor etwa 120 Jahren genauso wie uns heute.
Da aber Gaspirali Gasprinskij nicht nur ein Intellektueller, sondern auf seine Art auch Ideenhändler war, wußte er, dass sich gute Geschichten nur verkaufen lassen, wenn dazu eine gehörige Portion “Sex, Crime ‘n Thrill” kommt. Und was sollte man dazu noch sagen außer …. Read more
Im Land der Amazonen II
March 23, 2008 | 3 Comments
(Folge zwei der Übersetzung von Ingeborg Baldauf mit einer Einleitung von Olim devona)
In einer ersten Folge der Distopie des Krimtatarischen Intellektuellen Gaspirali Gasprinskj wurden wir eingeführt in die Rahmenhandlung der gesamten Geschichte, die Gefangennahme einer ausschließlich männlichen Expedition in die Hände von weiblichen Kriegern, die diese in ihr Land, in das Land der Amazonen verbringen. Die Augen, durch die wir nun dieses Land betrachten sind die Augen des Taschkenter Intellektuellen Mulla Efendi, der in Briefform über seine Abenteuer in Afrika berichtet. Dieser Bericht offenbart uns eine ungewöhnliche Vernetzung der Welt. Read more
Muhib (1911-2007)
March 15, 2008 | 1 Comment
(Zum ersten Todestag eines großen bucharisch-jüdischen Schriftstellers von Thomas Loy)
1927 betrat ein 16 jähriger Junge die Redaktion der seit kurzem in Samarkand erscheinenden Bucharisch Jüdischen Wochenzeitschrift Rushnoi (‚Licht / Erleuchtung’). In der Hand hielt er seine ersten selbstverfassten Gedichte. Der verantwortliche Redakteur hieß Mordekhai ben Hijo Bachaev Willkommen und versprach die Ghazelen in einer der nächsten Ausgaben der Zeitung abzudrucken. Ein Jahr später war der junge Bachaev festes Redaktionsmitglied und veröffentlichte bereits regelmäßig unter dem, aus den Anfangsbuchstaben seines Namens gebildeten Pseudonym Muhib (‚Der Freund’). Es war der Beginn einer viel versprechenden Karriere als sowjetischer Intellektueller. Read more
Ismail Bey Gasprinskij: Im Land der Amazonen I
March 8, 2008 | 4 Comments
Anfang der 1890er Jahre tourt eine außergewöhnliche Truppe durch Deutschland, die Amazonen von Dahomey. Am 3. Dezember 1892 kommentiert Die ILLUSTRIERTE ZEITUNG:
“Die Truppe der Amazonen von Dahomey, die früher in Leipzig, Berlin und anderen Orten gastierte, gibt gegenwärtig in München vielbesuchte Vorstellungen.”
In ganz Europa ließ man sich um die Jahrhundertwende gerne durch sogenannte Völkerschauen, “Gezähmte Wilde” und anderen Formen exotistischer Veranstaltungen und Einrichtungen unterhalten und in wohliges Schaudern versetzen. Die Tour der afrikanischen Amazonen jedoch erfreute sich aufgrund der Vorstellung, die man sich in Europa von diesem mystischen Frauenvolk machte, besonderen Interesses. Read more
Alte Traditionen neu belebt…
March 2, 2008 | 2 Comments
(Ein Beitrag von Olim devona)
Wer ein News-Abonnement zu den einzelnen Staaten Zentralasiens einrichtet, wird erstaunt sein. Jede zweite Meldung zu Problemen in der Region wird von der Energiefrage dominiert. Da liest man über turkmenisches Gas, usbekische Städte, die „Gasly“ heissen, über die im Winter versiegende Wasserkraft in Tadschikistan, über nachbarschaftliche Streitigkeiten und Ressourcennationalismus.
Obwohl der Raum gefüllt ist mit Widersprüchen, wundern sich die Leute vor Ort darüber schon lange nicht mehr. Lässt man sich die Erhöhung der usbekischen Gasexporte nach Russland bei gleichzeitiger Unterversorgung der Bevölkerung auf der Zunge zergehen, sind Assoziationen von orientalischer Despotie (Marx), die durch den neuerlichen Kapitalismus in der Region nach Oben gespült werden, nicht weit. Read more
“Hell aus dem dunklen Vergangenen …”
February 16, 2008 | 1 Comment
(Über die politische Relevanz des Lichts und seine Umbewertung. Ein Beitrag von Olim devona)
Als Zaratushtra vor 4000 Jahren vom Berg herabstieg und seinen Anhängern etwas von der Wahrheit, dem Licht und der Finsternis berichtete, war der Keim des Dualismus in den monotheistischen Religionen gelegt. Wir wissen nicht, ob dualistisches Denken, die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, in ein Reich des Lichtes und der Finsternis, in zwei zu sich gegensätzliche Paare auch schon bei den Höhlenmalern von Lascaux zum spirituellen Repertoire gehörten. Wir wissen auch nicht ob yin und yang, als chinesisch philosophisches Prinzip dualistische Impulse erhielt, als es um 1000 v.u.Z. in China aufkeimte, wir wissen aber das die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Metapher vom Dunkel und der Erleuchtung verdammt erfolgreich war. Read more
Erdbeben in Zentralasien
February 9, 2008 | 1 Comment
(Ein Beitrag von Olim devona)
Ashgabad, Oktober 1948
In der Nacht vom 5. zum 6. Oktober 1948 (genauer um 1 Uhr 12 Minuten und 5 Sekunden”) änderte sich das alltägliche Leben der Hauptstadt Turkmenistans und ihrer angrenzenden Bereiche unerwartet.
So beginnt die Geschichte des Erdbebens von Ashgabad, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Turkmenistan, eines der stärksten Erdbeben in der Geschichte der Sowjetunion: 8 - 9 Punkte auf der Richterskala. Seine verheerende Wirkung (man schätzt etwa zwischen 100.000 und 160.000 Toten) kam aus der Mischung der Stöße, die die Erde aussandte. Sie erfolgten in einer vertikalen und horizontalen Richtung. Dauer 10 Sekunden. Die lokalen Verwerfungen, die auf das Beben folgten, betrugen in Ashgabad 180 cm. In Moskau, 2500 Kilometer davon entfernt, wurden noch 0,4 mm gemessen. Read more
Wo liegt eigentlich Afghanistan?
February 2, 2008 | 5 Comments
(Die USA fordern mehr Unterstützung für ihren Kriegseinsatz in Afghanistan. Wieder einmal ist das Land am Hindukusch das Topthema in den deutschen Medien. An der anhaltenden Konzeptionslosigkeit der internationalen Politik hat sich indes nichts geändert. Olim devona über Déjà-vu Effekte und deren alltägliche und künstlerische Verarbeitung.)
Vor ein paar Jahren bekam ich eine Broschüre eines in Afghanistans entstandenen Büchleins zu Gesicht, bei dem der Einband aus Kartenmaterial für den Unterricht afghanischer Schulkinder recycelt worden war. Viele von uns kennen diese Karten - etwa von „Haack, Gotha“ - noch aus der eigenen Schulzeit: auf Papier gedruckt mit textilverstärkender Schicht, robust und praktisch unverwüstlich. Als ich nun dieses Büchlein, die Lithografie eines klassischen afghanischen Geschichtswerkes, eingebunden in eine Landkarte meiner Kindheit durchblätterte, wunderte ich mich: War denn diese Karte jemals zu etwas Besserem geeignet, als einem Büchlein als Schutzumschlag längere Lebensdauer zu verleihen? Read more







