Das Comeback des Tigers in Zentralasien?

Ein Beitrag von Viktoria Wagner

Fragt man heute die Bewohner der zentralasiatischen Wüsten, was denn die typischen Raubtierarten ihrer Heimat seien, so wird man auf den Wolf oder den Korsak-Fuchs verwiesen. Wohl kaum jemand würde an einen Tiger denken. Dabei ist es nicht lange her, da streifte dieses Raubtier in den Wüsten Zentralasiens umher. Bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebte hier der sogenannte Kaspische Tiger. Diese Großkatze, die auch als Turantiger oder Panthera tigris virgata bekannt ist, war keine eigenständige Art, sondern eine Unterart des Tigers und somit ein naher Verwandter des Sibirischen und Indischen Tigers.

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Der ausgestorbene Kaspische Tiger. Hier ein Exemplar aus dem Berliner Zoo (1899). – Public Domain Abbildung aus Wikimedia Commons.

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Red River – Kriegspiel in Tadschikistan

Ein Beitrag von Wladimir Sgibnev

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Operation Flashpoint: Red River – Tadschikistan 2013

Die Computerspielindustrie hat Tadschikistan für sich entdeckt. Ende April 2011 ist der Ego-Shooter Operation Flashpoint: Red River erschienen. Der Plot des Spiels: als Reaktion auf einen Terrorangriff marschieren im Jahre 2013 US-amerikanische Marines in Tadschikistan ein, wo (wieder einmal) ein Bürgerkrieg tobt. Die Terroristen haben es, unter Anderem, darauf abgesehen, einen strategisch wichtigen Staudamm zu sprengen, den es zu verteidigen gilt. Continue Reading →

Penjikent, Pandschakent, Pendschikent

Ein Beitrag von Andreas Mandler

Der Fluß ist zur Zeit das Einzige, was Usbekistan und Tadschikistan miteinander teilen.

Der Fluß kennt keine Grenze. Tadschikistan endet, der Zerafshan rauscht weiter.

Penjikent ist eine kleine Stadt in Tadschikistan mit großer Geschichte. Ein Reiterstandbild erinnert an Devastich den letzten Sogdenkönig und Zoroaster, der in dieser Stadt im 8. Jahrhundert dem Ansturm der Araber nicht standhalten konnte. Kurz nach der Eroberung wurde die Stadt aufgegeben und später unweit neugegründet. Heute sind Ruinen und Ausgrabungstätte rund um Penjikent zu besichtigen, zudem gibt es mehrere Museen und ein großes Kulturhaus. Etwa 40% der Bevölkerung im Bezirk Penjikent sind ethnische Usbeken, von hier aus sind es nur 80 km bis Samarkand im Nachbarland Usbekistan. Leider wurde der Grenzübergang im vergangenen Oktober von Seiten Usbekistans geschlossen. Continue Reading →

Von Aktau nach Kungrad

Weichen zwischen Aktau und Kungrad

IMG_4069ndas Kaspische Meer hinter sich gelassen hat, war das nächste Ziel seiner Reise Nukus. Von dort aus ging es weiter durch Uzbekistans Touristenattraktionen nach Taschkent und von dort nach Almaty. Aufgrund der schwachen Netzanbindung in Uzbekistan gab es bisher auf seinem reiseblog keine posts östlich des Kaspischen Meeres. Mittlerweile ist er in China angekommen und berichtet von dort rückblickend über einen sonst eher wenig beachteten Streckenabschnitt – von Aktau nach Kungrad. Continue Reading →

NIWA – der feine Unterschied

Ein Beitrag von Michael Angermann

Niwa

NIWA - der feine Unterschied

Wenn man NIWA und Sowjetunion hört, denkt man schnell an einen geländegängigen Lada, der in jenen Breiten noch häufig anzutreffen ist. Wenn man aber eine kleine runde, kräftig blaue Cremedose in der Hand hält, auf der NIWA in lateinischer und arabischer Schrift steht, dann befindet man sich wahrscheinlich am Rande der globalen Markenwelt. Auf dem afghanisch-tadschikischen Grenzmarkt in Ishkashim fristet sie nun als letzte ihrer Art ihr Dasein in einem schäbigen Karton und wartet am Eingang des Wakhankorridors auf den pflegebedürftigen Kunden. Continue Reading →

Der Weg der Paschtunen

Auf der Seite des Afghanistan Analysts Network (AAN) gibt es seit ein paar Wochen eine umfassende und klar strukturierte Darstellung des sogenannten Paschtunwali.

Das Paschtunwali kann als idealisiertes Selbstporträt der Paschtunen interpretiert werden und enthält alle Traditionen, mit denen sich die Paschtunen, nach ihrem Verständnis, von anderen ethnischen Gruppen unterscheiden und die ihre Beziehungen untereinander regeln: Ihr Stammesgeist, ihr ausgeklügelter Ehrenkodex, moralische und ethische Verhaltensregeln, die Forderung nach kriegerischer Tapferkeit, Interessenausgleich und Beratung, dem Gewohnheitsrecht und nicht zuletzt den islamischen Glauben.

Lutz Rzehak geht in seinem Beitrag Doing Pashto davon aus, dass bedingt durch die grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen in Afghanistan das Ideal des Paschtunwali nach drei Jahrzehnten Krieg mit anderen Wertesystemen konkurriert. Ein historischer und grundlegender Einblick in das traditionelle Werte- und Regelsystem der Paschtunen ist jedoch unbedingt notwendig um die heutige Gesellschaft in Afghanistan verstehen zu können.

CAsiabytrain

Seit einigen Wochen ist ein guter Freund vorwiegend mit dem Zug unterwegs nach und durch Zentralasien. Seine Erfahrungen dokumentiert und kommentiert er mit tollen Bildern auf seinem Reiseblog asiabytrain. Im Fokus des Autors steht vor allem Architektur. Der Weg führte ihn bisher von Paris über den Balkan und die Türkei nach Georgien und von dort nach einem längeren Aufenthalt weiter nach Azerbaidschan. Vor ein paar Tagen hat er Baku mit dem Schiff in Richtung Aktau verlassen.

Fähre Baku-Aktau

Auf der Fähre Baku-Aktau

“Ich habe ja schon nicht mehr daran geglaubt, aber es hat doch noch geklappt. Nachdem die Verbindungen von Baku nach Taschkent und von dort nach Nukus nicht sehr günstig lagen … habe ich beschlossen am Dienstag ein Flugticket für Donnerstag zu kaufen, falls es bis dahin keine Fähre gibt. Aber als ich am morgen zum Kassenhäuschen kam, wurde mir mitgeteilt, dass um 12 eine Fähre ablegt. So musste ich mich sehr beeilen, mein Gepäck zu holen. Abgelegt haben wir aber erst um Mitternacht. In Aktau kamen wir um 19 Uhr an, konnten aber erst am nächsten Mittag in den Hafen einlaufen. Bis ich durch den Zoll war, war es dann schon sieben Uhr abends. So verbringe ich einen Tag in Aktau und fahre morgen Abend weiter nach Kungrad. Ich bin sehr froh, dass es doch noch geklappt hat. Die Überfahrt war super.”

Mitreisende

Mitreisende

küche fähre

Kombüse

Aktau in Sicht

Aktau in Sicht

Ab jetzt werden wir hier öfters über den Reiseverlauf durch Zentralasien berichten oder bei Gelegenheit auf neue posts auf asiabytrain verweisen.

Nouruz in Berlin

On 24 March 2011 Persians and Turks, Sunnites and Shiites met to celebrate together in Berlin.
Ein Beitrag von Sophie Roche und Dina Wilkowsky (Zentrum Moderner Orient, Berlin)

Nouruz is an ancient feast marking the beginning of spring. It is celebrated throughout Central Asia as well among Persian as among Turkic speaking populations. The day has been fixed at 21 March however the feast stretches over several days. Like every feast it is accompanied by numerous rituals and dishes. In 2010 the UNESCO declared the Nouruz feast immaterial world heritage and thus elevated it to internationally prestigious event.

On Thursday 24 March 2011, for the first time on German ground, embassies of eight Central Asian countries organized together a celebration of Nouruz. The event was an occasion for the ambassadors (who were all personally present) and the more than 800 guests to meet. Having the occasion to participate we could observe how culture became the theatre for a political interplay leaving big questions such as religion, ecology, and politics officially aside. Although the phenomenon may not be new, it was a historical event for the regions of Central Asia.

Present were Afghanistan, Azerbaijan, Iran, Kazakhstan, Kyrgyzstan, Tajikistan, Turkmenistan and Turkey. The initiative was taken by the Kazakh embassy apparently meeting the interest by all the above mentioned countries to find ways of meeting outside western observance. Many of the states had celebrated Nouruz before with some of the participants such as the (Persian speaking) Afghanistan, Iran and Tajikistan but the dimension of this event exceeded these previous celebrations and was a splendid effort to unite most various political systems, Turkic and Persian speakers, Sunnites and Shiites, and economically extremely different countries. Each country presented itself with a short concert showing a range of various musical traditions, tastes and styles. Whereas Afghans and Iranians performed traditional music out of the large repertoire of Persian music, the Azerbaijanis flew in the state dancing group. Kazakhs offered an impressing concert with pre-Islamic shamanic elements and Kyrgyz surprised with a young wunderkind violin player performing the highest of classics of European music such as Paganini. The Tajik took recourse to a Soviet-traditional stage-music presentation by a female Tajik artist from Moscow and the Turkmen to a contemporary national creation. The Turkic embassy eventually presented musicians from the conservatorium in Berlin. This variation demonstrates best culture in making and traditions in the flow of time.

Certainly the recognition of Nouruz by the UNESCO helped to elevate this feast beyond a purely cultural local and national event offering itself to the creation of political links through common traditions. By officially denying Nouruz much political relevance, it could become a politically used cultural event creating what the moderator has called a culture of peace among very distinct political systems in a world in which minor differences can become deadly impasses. Without having western or other external political representatives to host or finance the event it remained in the hand of those who celebrated it which made all parties to be treated very equally.

Although Uzbekistan did not participate and we may have preservation about the politics of many of those countries (a demonstration took part outside the building against Iran) it was nevertheless an important step for all those countries in finding a common denominator beyond ethnic, political, or religious divisions on a common cultural ground and without having the west or any other external force to dominate the agenda.

Flashmob in Dushanbe

von Wladimir Sgibnev

Seit Wochen ist die Stromversorgung in Tadschikistan sehr stark eingeschränkt. Selbst das Navruz-Fest mussten viele im Dunkeln verbringen. Die Städte, von der Hauptstadt Duschanbe abgesehen, müssen mit zwei Stunden Strom am Tag auskommen, während auf dem Land erst gar kein Strom ankommt.

Der Wasserpegel im Stausee von Nurek ist auf ein historisches Tief gesunken. Aufgrund des ungewöhnlich kalten Frühlings schmilzt der Schnee in den Bergen nicht, so kommt kein Wasser ins Tal, um die Turbinen des Staudamms anzutreiben. Das kam sicher auch in den letzten Jahren wiederholt vor, aber damals war Tadschikistan noch an das gemeinsame zentralasiatische Stromnetz angeschlossen. Seit Usbekistan jedoch Ende 2009 das Verbundnetz verließ, können saisonale Schwankungen nicht mehr durch Stromimporte ausgeglichen werden. Mithilfe riesiger Staudammprojekte soll daher die Stromversorgung des Landes auf eigene Füße gestellt werden, aber es wird wohl noch viel Wasser den Wachsch hinunterfließen, bis es soweit ist.

Die miserable Stromversorgung war der Auslöser, um auch gegen die allgemeine Misswirtschaft im Land zu protestieren: vor dem Eingang des Stromversorgers “Barq-i Tojik” haben sich am 8. April mehrere Dutzend Menschen versammelt, Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet, “in Trauer über das Sterben der tadschikischen Energiewirtschaft”. Dabei hielten die Teilnehmer Plakate in den Händen mit den Worten “Tribalismus + Nepotismus = Armut und Korruption” und “Das Volk will das nicht”. Bilder und Videos der Veranstaltung gibt es zum Beispiel bei AsiaPlus und Radio-Ozodi.

Das Überraschende an dem Ereignis war, dass sich die Veranstalter per Facebook zusammengefunden haben – die Facebook- und Twitter-Revolutionen der arabischen Welt lassen grüßen. Der Flash-Mob ist ein absolutes Novum in der tadschikischen Gesellschaft und ein Indiz für die Existenz einer aktiven, vernetzten und politisch interessierten Jugend in der Hauptstadt des Landes: allesamt fleißige Benützer mobiler elektronischer Endgeräte und daher von den Strompannen empfindlich getroffen.

Eine offizielle Stellungnahme des Stromversorgers oder der Regierung ist bisher ausgeblieben, aber es ist an der Zeit, dass etwas getan wird. Die International Crisis Group hat bereits in ihrem Februar 2011 erschienenen Bericht gewarnt, dass die bröckelnde Infrastruktur die staatliche Stabilität Tadschikistans bedroht, nachdem bereits April 2010 der kirgisische Präsident Bakiev nach einer Erhöhung der Strompreise aus dem Land gejagt wurde. Auch Tadschikistan braucht dringend einen Herrn Licht, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen.