“Säuberungswelle” in vollem Gang

Opposition wird in Tadschikistan nicht geduldet. Nachdem in den letzten Jahren immer wieder ehemalige Verbündete und Gegner aus Bürgerkriegszeiten durch das in Duschanbe herrschende Regime Emomali Rahmons verhaftet, bedroht, zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, militärisch bekämpft oder unter ungeklärten Umstanden ums Leben gekommen sind, spitzt sich seit einigen Wochen die politische Lage im Land weiter zu. Seit den Parlamentswahlen im März gerät die Partei der Islamischen Wiedergeburt (PIW) und damit die letzte im Land verbliebene Oppositionspartei und deren Mitglieder immer weiter unter Druck.
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Neues vom Tisch der Götter

Der Altai liegt in vieler Hinsicht in einem Fadenkreuz. Schaut man auf die Karte, so kann man zum Beispiel die Nationalstaatlichen Grenzen von vier Staaten entdecken, die dieses Gebirge unter sich aufteilen, es ist Staatsgebiet Chinas, der Mongolei, Rußlands und Kasachstans. Dass der Altai verwaltungstechnisch aufgeteilt ist, ist seit den Söhnen Chingiz Khans Normalität. Als Chingiz Khan daran ging, sein Weltreich aufzuteilen, bekam jeder seiner Söhne jeweils einen Anteil vom Altai: Chagataj (Zentralasien, Kasachstan), Batu (Goldene Horde, Rußland) Chödzhi (Mongolei) und schließlich Qubilaj Khan (China). Dass das nicht ganz genau stimmt und zu dieser Einigung 30 Jahre nötig waren und eine ganze Anzahl von Bruderkriegen, wollen wir hier durch das Fernrohr der Geschichte getrost übersehen.

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Die mit den Flüssen tanzen, bede und boira im Ganges Delta

Ein Forschungsbericht von Olaf Günther, Mauritianum Altenburg

Bangladesh ist mit 161 Millionen Einwohnern eines der dichtbesiedeltsten Länder der Welt und Teil eines Wassersystems, das gemeinhin als Ganges Delta bekannt ist. Jedoch fließt hier nicht nur der Ganges in die Bucht von Bengalen, sondern zwei weitere, im Himalaya entspringende Flüsse, der Brahmaputra und der Meghna. Sie alle treffen an der Schnittstelle des indischen Subkontinents und des asiatischen Kontinents zusammen und bilden hier ein riesiges Delta. Über die Jahrtausende haben sie mit ihren Löß-, Sand- und Schlammmassen ein ins Meer vorgeschobenes Land erschaffen. Bei Ebbe fließt in vielen Kanälen des Deltas das Flusswasser meerwärts, bei Flut fließt das Seewasser landeinwärts. In der Regenzeit überschwemmen die Himalayaflüsse die Dörfer mit Wasser, in der Trockenzeit dominiert an vielen Orten das Meerwasser, was zu salzigem Trinkwasser führt.

Schaufelraddampfer aus Zeiten des British Empire, noch heute viel genutzt

Schaufelraddampfer aus Zeiten des British Empire, noch heute viel genutzt

Die Masse an Menschen, die ein Land bewohnen, das weniger als halb so groß ist wie Deutschland, sind ein deutliches Zeichen für die Fruchtbarkeit des Bodens dieses Deltas. Die Ernte wird jedoch auf einer sehr dynamischen und risikoreichen Grundlage erwirtschaftet, denn häufig werden aus Flusswassern reißende Ströme, die Inseln in der Größe einer Kleinstadt fortspülen können. In der Zeit der Cyclone wird aus dem Indischen Ozean ein durch reißende Stürme gepeitschtes Meer, das tief bis ins Landesinnere vordringt und Menschen, Felder, Wirtschaften und Behausungen wegschwemmt.

In der longue duree, also einem Zeitraum von 2.000-3.000 Jahren gesehen, ist der richtige Umgang mit dem Wasser, wesentlich für das Überleben der Deltabewohner. Auch in der lokalen Folklore kann man sehen, wie zentral das Wasser der Himalayaabflüsse für die Menschen im Delta ist. In den baor Liedern, den Bootsliedern der Fischer und Flussfahrer, in den Mythen und religiösen Geschichten, in der Personifizierung von Flüssen und Nebenarmen, die sich lieben, sich miteinander vereinen oder wieder entzweien ist das Wasser Motiv, Akteur oder Grundlage der Erzählung.

Über den langen Zeitraum von 2-3.000 Jahren können mit dem Wasser viele Wanderungsbewegungen von Menschen und Kulturen nachverfolgt werden. Im Delta verschwimmen die Grenzen. So führte z.B. die langsame Verlagerung des Flussbettes des Ganges in Richtung Osten auch zur Verlagerung des zentralen Siedlungsraumes von Westbengalen nach Ostbengalen. In die gleiche Richtung wanderten dann auch die mit den jeweiligen Menschen verbundenen Religionen, der Hinduismus oder später der Islam. Diese Bewegungen führten zu Vermischungen der beiden großen Religionen, hinzu kamen kleinere lokale Kulte. Viele der Heiligen werden heute als Helden in den beiden großen Religionen des Deltas verehrt und viele religiöse Mythen sind Teil der hinduistischen wie auch der islamischen Folklore.

Da alle Flüsse des Deltas vorher indisches Territorium durchqueren, hält neuerdings ein bestimmtes Thema die Menschen des Deltas fest im Griff. Es ist der Staudammbau auf der indischen Seite, der nicht nur der Energiegewinnung dient, sondern auch noch eine Reihe von Neuland- und Wüstenbegrünungsprojekte ermöglichen soll. Projektiert wurde der Staudamm schon in den 1950er Jahren. Ein Ziel war die Flutprävention im Delta. Die Folgen des Projektes sind jedoch negativ für die Deltabewohner. Einerseits halten die Dämme die Lössbestandteile des Wassers in den Stauseen fest. Dies führt zur Versandung der fruchtbaren Deltafelder. Andererseits kommt es durch das Abführen des Flußwassers für die Neulandgewinnung in Indien (Bihar) zu einem Wassermangel im Delta, der wiederum zum Verlanden der Kanäle führt, den bisher wichtigsten Verkehrswegen dort.

Diese veränderten Bedingungen im Delta fand ich vor, als ich mich auf die Suche nach den bede machte, einer indigenen Bootszigeunergruppe, die sich traditionell der ambulanten Heilung, Reparatur von Haushaltsgegenständen und dem Auffinden verlorener Wertsachen in Teichen widmet. Doch waren die bede nur ein Teil der mobilen Gruppen im Delta. Hier leben ebenso mobile Fischerfamilien (boira), deren Lebensmittelpunkt das Boot ist, Honigsammler, die Sammelexpeditionen in die Mangrovenwälder unternehmen, Sammler von Schilf (bowali) und anderem Flechtmaterial, die den Grundstoff der Matten aus den Deltawäldern in die Werkstätten der Schilfmattenflechter bringen, oder mobile Schweinezüchter (kowra), die in zyklischen Abständen die Deltadörfer besuchen und Schweine verkaufen. Diese alle haben ihre Mobilitätsmuster und verändern diese nach den aktuellen Begebenheiten. Mit zwei dieser Gruppen, den bede und boira, hatte ich engeren Kontakt, machte mit ihnen Interviews zu ihrer aktuellen Lebenssituation und konnte mit der Methode der oral history lebensgeschichtliche Gespräche führen.

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Öffentlicher Raum in drei Postsowjetischen Städten

Was haben Tiblissi, Baku und Xodjand gemeinsam? Die drei Städte haben eine sowjetische Tradition und eine postsowjetische Geschichte. Ungeachtet dessen, dass sie sich nun in drei unterschiedlichen Nationalstaaten befinden, lassen sie sich doch gemeinsam beforschen. Das finden jedenfalls
Lela Rekhviashvili (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig), Melanie Krebs (HU Berlin) und Wladimir Sgibnev (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig). Am kommenden Montag sind sie in Leipzig zu hören. Näheres findet sich hier.

Montag, 20. Oktober 2014, 13:30Uhr

Carola Neugebauer (RWTH Aachen, Germany)
Introduction

Lela Rekhviashvili (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig, Germany)
Silence and invisibility: tactics of the weak or the strategy of the powerful? Case of petty traders in Tbilisi

Melanie Krebs (HU Berlin, Germany)
The right to live in the city – Urban behavior and control in Baku

Wladimir Sgibnev (Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig, Germany)
Rhythms of being together. Public space in urban Tajikistan through the lens of rhythmanalysis

manifest

tethys ist das Urmeer, das Meer der Geschichten, das aus Millionen von Erfahrungen menschlicher Kultur entstanden ist und nicht vergeht, so lange die Menschen aus diesem Reservoir schöpfen und ihr Leben damit gestalten. Sie sind Teil der Geschichten, weil sie diese in sich tragen, erneut anpassen, umändern und im Strom der Zeit ihre Geschichten dazugeben. Keine Theorie konnte sie je fassen, kein Gedanke sie allumfassend ordnen. Die Geschichten sperren sich dagegen, sie sind pralles Leben, dem Zugriff der Philosophie entzogen und doch sie ständig ernährend. So als sei eine mühsam in der Studierstube erdachte Ordnung nur ein Abfallprodukt eines Nährstoffes, der Jahrtausende überleben kann, ohne seine Kraft zu verlieren.

Es geht aber eine Gefahr von den Studierstuben aus, die sich gegen die stellen, die sich aus dem Meer von Geschichten ernähren. Sie wollen das Meer trocken legen, ihm seine diversen Kulturen entziehen, in dem sie sie negieren. Kultur ist für sie ein neues Wort für Ungleichheit und ungleich ist ihnen ein Dorn im Herzen. Sie wollen alle gleich haben, sie wollen sie alle gleich ihrem Ebenbild. Es ist die neue Kolonisierung, die neue Barbarei, die von der industriellen Welt ausgeht. Mit ihr spielen sich auch die Wissenschaften als Hüter der Normen und Ethik auf, einer Ethik, die ihrem Geist entsprungen, als Waffe eingesetzt wird. Stiftung Wissenschaft und Politik, Kulturaufmaß bei der Bundeswehr, vermeintliche Spezialisten in Presse und Rundfunk, Bundespräsidenten und Bürgerrechtler, sie schreien “Krieg!”, sie schreien “Nieder!” und richten ihre Waffen auf diejenigen, die aus menschlichen Erfahrungen handeln und nicht aus einem Programm der Übermacht heraus. Sie beschleunigen damit jedoch vor allem ihren eigenen Niedergang.

Sie wetzen die Waffen, nennen es nun Globalisierung, Demokratisierung, zwingen alle zu einer Sprache. Der Blick auf die Diversität menschlicher Gemeinschaften ist für sie der blanke Horror: Exotismus. Diversität ist für sie Mangel an Gleichheit, Unterschiede ergeben sich nur aus einem Mangel an Freiheit. Die Freiheit, die sie meinen, ist aber die Freiheit, ihr Denkmodell zu wählen, koloniales Gedankengut in neuem Gewand.

Wir, die Siedler am Rande von tethys  halten die Farbenprächtigkeit der Diversität gegen all ihre graue Theorie, unsere Waffe sind die Geschichten, aus dem Urmeer tethys. Mit ihnen beleben wir die Welt, ohne die eiserne Elle des europäischen Meters, ohne die Wertung eines moralinsauren Weltverbesserers. Ruchlose Taten und ihre Folgen sehen wir überall auf der Welt: in Afghanistan, im Kosovo, im Irak, in Syrien… Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie sie aufmessen, Flure bereinigen und ursprüngliche Diversität durch ihre Monokultur ausrotten… tethys, das Urmeer der Geschichten gilt es zu retten und mit ihm einen radikalen Narrativismus zu etablieren. Denn nur dieser schafft es, Komplexes, Verworrenes, Vielschichtiges zu transportieren. Die Lehren von tethys sind sanft, auf Erfahrungen gebaut, und doch so kraftvoll das ein radikaler Narrativismus es schaffen kann, gegen das Vordringen der Monokultur in Wissenschaft, Gesellschaft, Presse und Politik etwas entgegenzusetzen. Verweigert Euch den Theoretikern und erzählt Geschichten, bringt die Welt durch die Weisheit der Geschichten ins schwingen!

Unheilvolle Zeiten stehen uns sonst bevor!

Nachtrag
Oder so:
Das hier ist der erste Band der Istanbul-Enzyklopaedie … Dass Istanbul ein unendliches Meer von Details ist, habe ich begriffen als ich die Artikel in dieser Enzyklopaedie las. Und ich habe erkannt, dass ich mich von diesem Meer ernähren muss. Istanbul mit seinen Moscheen, Hochschulen, Schulen, Bibliotheken, Zentren der Sufi-Bruderschaften, Mausoleen, der Ayazma Moschee, den Quellen, Brunnen, Palästen, Sommerhäusern, Residenzen, Villen, Herbergen, Badehäusern, Theatern, Kaffeehäusern, Weinlokalen… (Orhan Pamuk auf arte)

Auf Zentralasien gemünzt, ist dies die Kurzform unserer Anliegen (siehe erster Absatz manifest).

Ballettkunst in Tadschikistan – Gestern und Heute

Ein Beitrag von Alexander Heiser
Maqomi Ishq_1Die Ballettkunst Tadschikistans ist ein Produkt der Sowjetära und vereint europäische und lokale tadschikische Formen und Themen. Grundlage des zentralasiatischen Balletts ist die russische professionelle Balletttradition, die lokale Elemente adaptierte und in das „tadschikische“, „uzbekische“ usw. Ballett integrierte. Continue Reading →

And the winner is…

tethys gratuliert Emomali Rahmon zur Bestätigung im Amt. Mit 83,6% der abgegebenen Stimmen konnte der seit 1994 amtierende Präsident sein Ergebis von 2006 noch einmal um knapp 4% verbessern.

Von amnesty wurde gleich ein Memorandum für den neuen alten Präsidenten aufgesetzt und gefordert, fortan die Menschenrechte in Tadschikistan zu respektieren und zu schützen. Das Memorandum im Wortlaut gibt es hier!

Die Amtseinführung wird für den 16. November erwartet.