Der Filter

( Jan Dimog Tanjuaquio beantwortet Fragen zu seinem Blog)

“Afghanistan: wer diese berge beherrscht. wer die täler kontrolliert. wer die wüsten besitzt. hat Afghanistan noch lange nicht erobert. Immer wieder, immer
noch erzählt man sich diese geschichten von Alexander, Dschingis Khan,
von den Briten, den Russen und all den anderen mächten und völkern,
die weder die berge noch die täler oder gar die wüsten bezwungen
haben. Ganz zu schweigen von den menschen, die sich nicht bezwingen
lassen wollten. Weil dies ihr stück land, ihre welt ist. Und wir? Wir
sind nur zu besuch da, kurzzeitig, ein lidschlag. Was ist schon ein
lidschlag in einer geschichte, die man seit ewigen zeiten mitteilt und weitergibt.”

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Die Zigeuner Mittelasiens

(Ein Beitrag von Olim devona)

fotima.jpgDas ist Fotima. Fotima ist ein Wellensittichweibchen mit aussergwöhnlichen Fähigkeiten. Sie sagt uns die Zukunft voraus. Und das, was sie mir vorausgesagt hatte, oder besser, was sie aus dem Haufen Papier, auf dem sie immer sitzt, fuer mich heraussuchte, traf 100% ins Schwarze: “Deine Wünsche gehen alle in Erfüllung. Aber nicht so, wie du es dir denkst. Du verschwendest viel zu viel Zeit darauf, was du gerade tust.” Genau das tat ich damals in Xodjand. Ich stand vor den Pforten eines Museumsarchives und wartete, auf das es sich irgendwann öffne.

Fotima gehört Maxluba. Maxluba wiederum gehört zu einer etwa 1000 Personen umfassenden Gruppe, die seit Menschengedenken in der Gegend um Xodjand leben, und die hier im Norden Tadschikistans und auch in anderen Regionen Mittelasiens luli genannt werden. Luli ist eigentlich ein Schimpfwort, geht doch mit dieser Bezeichnung die Sage einher, das Geschwisterpaar Lu und Li hätten sich einst in Liebe entbrannt einander hingegeben. Gott lies sie daraufhin fallen und wies sie von sich. Die Nachkommen aus dieser Vereinigung nun seien die heutigen luli. Dieser Schimpfmythos jedoch bringt den Zorn der Zigeuner Mittelasiens zum Kochen. Die meisten nennen sich daher lieber Zigeuner (cigan) als luli. Denn als irgendwann im 19. Jahrhundert die kolonialen Landvermesser und Ethnographen kamen und Maxlubas Urgrosseltern als cigan “ Zigeuner” bezeichneten, war dieser Begriff noch nicht negativ belastet. So übernahmen mittelasiatische ambulante Händler, Krämer oder Abdecker diesen Namen und sagen von sich seitdem mit Stolz, sie seien Zigeuner. Continue Reading →

Der Zug in den Westen …

(Ein Beitrag von Olim devona)

China und der chinesische Westen verbindet seit Jahrhunderten eine gemeinsame Geschichte. Mit der Okkupation Tibets 1951 wurde die heutige Autonome Region Tibet politisch in das heutige China integriert. Seit dem Deng Xiaoping in der Mitte der 80er Jahre mit der Liberalisierung der chinesischen Planwirtschaft begann, wandelt der Transformationsprozess in der gesamter Volksrepublik China soziale Ordnungen, Infrastrukturen und wirtschaftliche Beziehungen. Wie schon aus zahlreichen Beispielen aus den 1960er Jahren bekannt, versucht die chinesische Regierung den sozialen und wirtschaftlichen Wandel des Landes in “großen Sprüngen” zu beschleunigen und es auf das Niveau der westlichen Mächte zu bringen. Continue Reading →

Das Krankenhaus am Rande der Stadt – Psychiatrie in Usbekistan

(Interview mit einem leitenden Arzt der Abteilung Psychiatrie, Usbekistan. Personen und Umstände sind der Redaktion bekannt und können auf Wunsch nachgefragt werden. )

Das hier vorliegende Interview soll einen Einblick in den Alltag psychiatrischer Kliniken in Usbekistan vermitteln. Das Interview selbst wäre nicht möglich gewesen, wenn diese Absicht direkt offenbart worden wäre. Aus diesem Grunde wurde eine Legende entworfen, die mit Hilfe eines Journalisten glaubhaft gemacht wurde. Diese Legende bestand darin, dass dieses Interview im Auftrag der Zeitschrift ” Shifo-Info (shifo (usbekisch) Heilung, Erholung, medizinische Hilfe; shifokor = Arzt, Doktor, Heiler) durchgeführt wird und die Interviewpartnerin eine Redakteurin dieser Zeitschrift sei. Man stellte eine Veröffentlichung in Aussicht, die im Zusammenhang mit der Beantragung von Unterstützungsgeldern für Kliniken stehe. Trotz dieser erdachten Legende war es sehr schwierig, eine Genehmigung für das Interview zu erhalten und ohne die Unterstützung und Referenz verschiedener Personen und ihrer Ãœberzeugungskraft, wäre das Interview nicht zustande gekommen. Continue Reading →

Yigit kishiga etmish hunar oz – Für einen jungen Kerl sind siebzig Berufe dürftig.


Das bewegte Leben des 36-jährigen usbekischen Handelstreibenden Akmal.

(Ein Beitrag von Michael Angermann)

Gegen Ende der 1960er Jahre wird Akmal in einer Zeit des sowjetischen Wirtschaftsbooms in der Oasenstadt Osch, im Süden der heutigen Kirgisischen Republik, geboren. Der junge Usbeke ist gerade zehn Jahre alt, da ziehen bereits erste Quellwolken am Himmel der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft auf. Der plangelenkte staatliche und genossenschaftliche Handel schafft es nicht, die stets kauflustige Bevölkerung zufrieden zu stellen. Der privatwirtschaftliche Kolchosmarkthandel und dessen Protagonisten springen zumeist mit selbst angebauten landwirtschaftlichen Köstlichkeiten ein, um aus Jungen wie Akmal kräftige Männer reifen zu lassen. Continue Reading →

Ashki Bulbuli Pomiri — Der Pamir und die Tränen der Nachtigall

Erinnerung an Prof. Dodkhudo Karamshoev (Khudo rahmati) von Thomas Loy

Als Dodkhudo, der Sohn von Karamsho, 1932 in dem kleinen, zwischen Rushan und Khorog gelegenen Bergdorf Bajuv zur Welt kam, da hatte die Zeit sich bereits gewendet. Tadschikistan war seit gut zwei Jahren eine “eigenständige” Sowjetrepublik und seine Regierung schickte sich an, die zu ihr gehörenden Teile des Pamirs an das Sowjetische Straßennetz anzuschließen. 1934 erreichten die ersten Fahrzeuge von Kirghistan aus die Gebietshauptstadt Khorogh und fünf Jahre später landeten die ersten Kleinflugzeuge auf dem Sowjetischen Dach der Welt. Continue Reading →

BLEKAUT – immer schön in Bewegung bleiben

(Ein Beitrag von Michael Angermann)

Es gibt ihn – den werktätigen Tadschiken in der Hauptstadt Tadschikistans, der nach einigen Jahren im russischen gastarbejter-Exil wieder zurück in der Heimat sein Brot verdient. Er steht früh am Morgen auf, fährt mit dem Oberleitungsbus zur Arbeit, verrichtet sie aufrichtig, nimmt eine warme gehaltvolle Mittagsmahlzeit ein und kommt am frühen Abend in seiner wohligen Neubauwohnung mit der Familie zusammen. Damit endet der Tag und es folgen noch zahlreiche Tage, dann ist auch schon der Winter nah und der erste Schnee ziert die Wipfel der Platanen auf dem Prachtboulevard der Hauptstadt – Duschanbe. Continue Reading →

Was heißt hier Wandern?

(Ein Beitrag von Andreas Mandler)

In der jüngst erschienenen monumentalen OSTEUROPA-Ausgabe zu Zentralasien stellen die Herausgeber fest: “Das heutige Zentralasien ist weitgehend terra incognita”. Das trifft für Wanderfreunde/innen nicht ganz zu, denn so groß und breit und hoch die Länder Zentralasiens sind, so gibt es doch eine Vielzahl detaillierter Reisebeschreibungen, d.h. von Reisen zu Fuß.

Anders als in rasch wechselnden Bereichen wie Politik, Energie oder Soziales, bleiben die Wege und Ziele beim Wandern weitgehend gleich. Nur sind sie nicht immer einfach aufzufinden. Aufgrund der gemeinsamen Jahre im Sozialismus, gibt es auf Deutsch relativ viel Literatur zum Wandern und Bergsteigen in Zentralasien. Einen großen Anteil an der Existenz dieser Reisebücher haben der Berliner Sportverlag und der Verlag F.A. Brockhaus Leipzig. Zwischen 1960 und 1980 erschienen in diesen Verlagen verschiedene Ãœbersetzungen aus dem Russischen von Alpinisten oder wandernden Wissenschaftlern. Continue Reading →

Der Zirkus Suhr in Taschkent

(Ein Beitrag von Pulot Toschkenboev; Ãœbersetzung Olim devona)

Am Ende des 19. Jahrhunderts, nach der Angliederung der turkestanischen Territorien an Rußland kamen vermehrt Musik-, Theater- und Zirkustruppen auf der Suche nach neuem Publikum in die Gegenden der ehemaligen Fürstenstaaten Zentralasiens. Durch diese Tourneen kam die lokale Bevölkerung mit den kulturellen Werten der russischen und europäischen Kulturen der damaligen Zeit direkt in Kontakt. Großen Erfolg hatten dabei Zirkustruppen, die aufgrund ihrer spielerischen Vielfältigkeiten vom ersten Tag ihrer Gastspiele an eine ungeheure Popularität beim Publikum genossen.Von den mehr als 20 Zirkusunternehmen, die um die Zeit der Jahrhundertwende in kleineren und größeren Städten Russisch Turkestans auftraten, war eines der größten der Zirkus Suhr.

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Die Mahallas der Altstadt Samarkands

(Ein Beitrag von Jens Jordan)

Dem Besucher der Stadt Samarkand wird in erster Linie das “blaue Gold”‘ Samarkands, die bemerkenswerten Baudenkmäler der timuridischen Epoche in Erinnerung bleiben. Diese sind nicht nur beeindruckende und herausragende Kunstwerke, sie beeinflussten auch signifikant die Entwicklung der islamischen Architektur. Schon vor der Entstehung dieser Bauwerke ließen sich Besucher der Stadt zu begeisterten Aussagen hinreißen. Ãœber die kunst- wie kulturgeschichtliche Bedeutung der monumentalen Baudenkmäler ist viel geschrieben worden, über die eigentliche Altstadt, das sich fortwährend erneuernde Geflecht aus Wohnhäusern, engen Gassen und den besonderen Orten des Zusammentreffens dagegen weniger. Continue Reading →