Die schwierige Wasserkraftgeburt von Roghun
February 22, 2010 | Leave a Comment
Anfang Januar diesen Jahres wurde im Norden Tadschikistans die kleine Roghun geboren. Nichts außergewöhnliches möchte man meinen, würde das kleine Mädchen nicht nach einem Wasserkraftwerk benannt sein, das es erst noch zu bauen gilt.
Pläne für den Bau des Wasserkraftwerks Roghun mit der höchsten Staumauer der Welt (335 m) gibt es schon seit 1974. Der Bau der Staumauer begann 1987, doch mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde er vorerst auf Eis gelegt. 1993 spülte ein Hochwasser zudem noch große Teile der bisher errichteten Staumauer und Anlagen weg. 2004 gab es einen Versuch mit dem russischen Partner Rusal den Bau fertig zu stellen, aber drei Jahre später scheiterte die Zusammenarbeit, weil bei grundlegenden Fragen wie Dammhöhe und -typ keine Übereinkunft erreicht wurde. Das Nachbarland Usbekistan kritisiert heftig jegliche Baupläne, sieht es doch den Wasserstrom des Wachsch und in der Folge des Amu-Darja stark beeinträchtigt. Read more
Wie stabil ist Tadschikistan? Das politische Erbe des Bürgerkrieges und die Machtkämpfe der Eliten
February 3, 2010 | Leave a Comment
Ein Beitrag von Tim Epkenhans (Freiburg)
Der Bürgerkrieg in Tadschikistan hat auch zwölf Jahre nach seinem Ende noch Auswirkungen auf die politischen Vorgänge im Land. Der autoritär regierende Präsident Rachmon präsentiert sich – immer weniger erfolgreich – als Stabilitätsgarant und (inzwischen auch alleiniger) Friedensstifter von damals. Politische Gegner und ehemalige Partner werden ausgeschaltet. Der vorliegende Beitrag zieht die machtpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre nach und stellt die Frage nach den Perspektiven des Staates wie der derzeitigen Politik der Eliten.
Als Anfang Oktober eine Vertreterin der tadschikischen Zivilgesellschaft im Rahmen einer Tadschikistan-Konferenz bemerkte, dass Tadschikistan nach wie vor das liberalste und stabilste der »persophonen« Staaten (neben Afghanistan und Iran) sei, zeigten sich zahlreiche Zuhörer überrascht, widerspricht diese Einschätzung doch der verbreiteten Auffassung, dass Tadschikistan der fragilste und instabilste Staat der Großregion sei. Insbesondere Berichte der International Crisis Group unterstellen regelmäßig, dass sich das zentralasiatische Land unmittelbar am Rande eines Staatszerfalls befände.
Offenbar greift diese Analyse der vermeintlichen Fragilität und Instabilität Tadschikistans aber zu kurz. Trotz gravierender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Probleme konnte sich das Regime Emomali Rachmons in den vergangenen Jahren behaupten und seine Position festigen. Diese Konsolidierung erfolgte insbesondere durch Ausschaltung ehemaliger Alliierter und Rivalen, die Monopolisierung der politischen Deutungshoheit sowie eine – für das Regime – vorteilhafte geopolitische und wirtschaftliche Gesamtsituation. Die zunehmende Stabilität des Regimes schuf jedoch keineswegs Rahmenbedingungen für eine politische Transformation Tadschikistans nach einem liberal-demokratischen Muster, sondern verfestigte autokratisch-patriarchalische Herrschaftsmuster. Diese erwiesen sich als weitaus flexibler und belastbarer, als Beobachter erwartet haben. Die wirtschaftliche und politische Marginalisierung weiter Teile der Bevölkerung sowie das exklusive Verständnis von Stabilität und Sicherheit seitens der herrschenden Elite sind jedoch mittel- und langfristig Faktoren, die Tadschikistans Zukunft negativ bestimmen werden.
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Eine Reise in die Tadschikische SSR der frühen 1930er Jahre - Joshua Kunitz: “Dawn over Samarkand”
January 25, 2010 | 1 Comment
ein Beitrag von Thomas Loy
Beim Stöbern in der Zentralasien-Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin fiel mir kürzlich ein in gelblich-braunes Leinen gebundenes Buch mit dem markanten und in auffälligem rot abgesetzten Titel “Dawn over Samarkand” auf. Sein Autor ein gewisser Joshua Kunitz. Als ich das Buch öffnete verriet ein Stempel im Inneren, dass es aus der Privatsammlung des bekannten Iranisten Heinrich F. J. Junker (1889-1970) stammt. Dieser hatte darin zahlreiche Stellen feinsäuberlich mit verschiedenfarbigen Buntstiften markiert. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass in dem Werk mehr stecken könnte als “nur” ein Leckerbissen für bibliophile Liebhaber frühsowjetischer Reiseliteratur?
Orientträume und Sammeln im Emirat Buchara um 1900
January 17, 2010 | 1 Comment
Ein Beitrag von Melanie Krebs
Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war das Reisen in den zentralasiatischen Emiraten aufgrund der politischen Gegebenheiten, den untereinander kämpfenden Fürstentümern und ihrer Abwehr gegen alles Fremde, für Ausländer gefährlich und wenig attraktiv. So verbrachte der russische Gesandte Muravyov 1819 in Chiva die meiste Zeit unter Hausarrest - und hatte damit noch Glück gehabt: für die beiden britischen Unterhändler der East India Company, Stoddart und Conolly, ging ihre Reise 1842 nach Buchara schlechter aus: Sie wurden als Spione geköpft; ein Ereignis, das in Europa einen vermutlich gewünschten abschreckenden Effekt hatte.
Auch spätere Reisende, die es aus beruflichem Interesse nach Zentralasien verschlug, zeigten sich wenig begeistert. Der Turkologe Hermann Vambery, der in den 1860er Jahren als Derwisch verkleidet durch Zentralasien reiste, um dort unbehelligt forschen zu können, kommentiert lapidar:
Weit entfernt, schön, prachtvoll und großartig zu sein, wie die von Teheran, Täbris und Isfahan bieten die Basare Bocharas … dem Auge des Fremden einen auffallenden, eigenthümlichen Anblick dar. … Wer lange in den Wüsten Zentralasiens umhergeirrt ist, wird in Bochara trotz aller Armseligkeit immer etwas Hauptstadtartiges finden (Vambery 1865: 139,155)
Der Deutsche Franz von Schwarz, der als Astrologe lange an der Sternwarte in Taschkent arbeitete, hatte noch andere Probleme:
Wie langweilig, ja geradezu unerträglich sich infolge der geschilderten Verhältnisse (dem Fehlen von Frauen im Straßenbild! MK) das gesamte Leben in den von Eingeborenen bewohnten Städten gestaltet, davon kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der einmal durch sein Unglück auf längere oder kürzere Zeit in eine solche Stadt verschlagen worden ist. (Franz von Schwarz, Aufenthalt in Turkestan 1874-1890; Schwarz 1900: 194)
Orte der Liebe, Orte zum Heiraten, Bischkek 2009
January 8, 2010 | Leave a Comment
Vorbemerkung: Die erste Variante des Beitrages erschien unvollständig. Deswegen veröffentlichen wir ihn jetzt nocheinmal.
Ein Text von Wladimir Sgibnev, 2009
Bei einem Spaziergang durch die Parks der zentralasiatischen Hauptstädte sind sie nicht zu verkennen: die vielen jungen Pärchen, die nach Unterrichtsschluss in den Unis ihre Zeit händchenhaltend beim Spazierengehen verbringen oder die Sitzbänke bevölkern. Das russische Verb “gulat’ ” heißt je nach Situation „spazieren gehen“, „feiern“ oder eben „zusammen sein“. Hier in den Stadtparks wird die ganze Bandbreite dieses Worts sichtbar. Was in ländlichen Gebieten undenkbar ist, ist im modernen Bischkek alltäglich.
Der “Kilometer 80″ – Doppelte Botschaft und Grundstein für die “neue Hauptstadt Qaraqalpaqstans”
December 15, 2009 | 1 Comment
Als sich der Zerfall der UdSSR ankündigte und rasch vollzog, plädierten auch einige Politiker in Qaraqalpaqstan für eine Souveränität ihrer autonomen Region und forderten Unabhängigkeit - auch von Usbekistan. Im Herbst 1990 reichten Vertreter der qaraqalpaqischen Intelligenz die Forderung nach Souveränität Qaraqalpaqstans bei der Regierung ihrer „autonomen Republik“ ein. Aber erst nach dem Abschluss der Baumwollernte wurde diese Forderung nach Taschkent weitergeleitet. Dort stießen die Pläne für eine Unabhängigkeit der Aralseeregion auf wenig Gegenliebe. Anfang Dezember 1990 besuchte Islam Karimov Nukus und traf sich dort mit Vertretern der qaraqalpaqischen Regierung und 20 ausgewählten Repräsentanten verschiedener gesellschaftlicher Bereiche. Karimov bot Qaraqalpaqstan die Unabhängigkeit an, allerdings nur innerhalb der Usbekischen SSR. Die Deklaration für die Selbständige Republik Qaraqalpaqstan (Suverennaia Respublika Qaraqalpaqstan) innerhalb der UzbSSR wurde schließlich am 14. Dezember 1990 unterschrieben.
Kalamfur und Sowjetstern - Ein Nachruf auf den tadschikischen Maler Mirzorahmat Olimov
November 24, 2009 | 1 Comment
Ein Beitrag von Caroline Bunge - die Bilder sind aus dem Familienbesitz der Olimovs, bei denen sich die Autorin an dieser Stelle noch einmal herzlich für die freundliche Zusammenarbeit bedankt.
In der Rudakistrasse, die im Stalinschen Stil gebaute Allee und die Prachtstraße Duschanbes schlechthin, befindet sich neben vielen anderen repräsentativen Gebäuden auch das größte Teehaus der Stadt, das Rohat. Dort gibt es die traditionellen Speisen des Landes zu essen und an warmen Tagen kann man im schattigen Hof am Springbrunnen sitzen. Vor allem aber können die Gäste eine riesige Deckenmalerei im Festsaal des Rohat bestaunen, die in den 60er Jahren von Mirzorahmat Olimov, einem der wichtigsten Künstler Tadschikistans, geschaffen wurde. Es handelt sich um eine Kassettendecke, die aus sich kreuzenden Rippen und Balken, abschnittweise sehr kleinteilig und in regelmäßiger Anordnung aus kastenförmigen Vertiefungen besteht. Read more
Der Aralsee. Gestern-Heute-Morgen.
October 9, 2009 | 3 Comments
Ein Beitrag von Jusup Kamalov
Für uns, die Menschen, die am Aralsee im Zentrum einer ökologischen Katastrophe wohnen, scheint es immer so, als ob die ganze Welt das Aralseeproblem kenne und darüber schon alles gesagt sei. Leider ist es aber so, dass die Menschen außerhalb der ehemaligen UdSSR oder des Ostblocks wenig bis gar nichts vom Aralsee wissen – und auch in den Ländern Zentralasiens ist dies mittlerweile der Fall. Deshalb werde ich einiges über das Problem berichten, so als würde ich mich an einen ahnungslosen Leser wenden.
Der Aralsee liegt in Kasachstan und Usbekistan und war einer der größten Binnenseen der Welt. Dieser See und die beiden Flüsse, aus denen sich dieser Endsee speist (der Amu- und der Syrdarja) waren von hochrangiger Bedeutung für das Ökosystem und die Wirtschaft der gesamten Region Zentralasien. Heute ist davon kaum etwas übrig geblieben. Der Wasserspiegel des Aralsees ist um 20 Meter gesunken. Das Wasser hat sich dadurch 100 km von der ehemaligen Küstenlinie zurückgezogen. Die eigentliche Größe des Aralsees umfasste 65.000 Quadratkilometer. Bis in die 1960er Jahre des 20. Jahhunderts war der See somit so groß wie die Fläche der Niederlande und Belgien zusammengenommen. In den letzten 50 Jahren jedoch ist der See um ca. 70 % geschrumpft, und das Wasser geht weiter zurück. Der Salzgehalt des Seewassers hat 60 Gramm pro Liter erreicht. Die kleine Insel Vozrozhdenie („Wiederauferstehung“) in der Mitte des Aralsees ist zur Halbinsel geworden, eine gefährliche Angelegenheit, da hier zu Sowjetzeiten ein Testgebiet für biologische Waffen existierte. Read more
“Waskati” oder wie bekommt man einen Selbstmordattentäter?
August 27, 2009 | 1 Comment
Ahmad Shah Masud, der Löwe aus dem Panjirtal, war ihr erstes Opfer in Afghanistan. Selbstmordattentäter. Zwei als Journalisten getarnte Kämpfer der al-Qaeda sprengten sich am 9. September 2001 mit ihrer präparierten Fernsehkamera in die Luft und töteten so einen der damals mächtigsten Kriegsherren der sogenannten Nordallianz, die zu dieser Zeit nur noch einen winzigen Teil Nordostafghanistans kontrollierte. Diese Art des Anschlages, bei der der Tod des Attentäters von Beginn an als sicher vorausgesetzt wird, war relativ neu für Afghanistan.
Erst mit dem Einmarsch der Amerikaner und ihrer Verbündeten in Afghanistan 2002 und besonders seit dem wieder Erstarken des Antiamerikanischen und Antiwestlichen Widerstands im Jahr 2005 wurden Selbstmordattentäter zu einer allseits gefürchteten und kaum abwehrbaren Waffe. Seither gibt es für diese Selbstmordattentäter in Afghanistan auch eine Bezeichnung. Der Volksmund nennt sie „waskati“. Waskati sind die vor allem in Südafghanistan gerne über dem Beinkleid (shalwar kamis / pirahan-tomban) getragenen ärmellosen Westen. Gerne getragen bis 2005. Heute verlassen Afghanen lieber schnell die Orte, an denen jemand in diesem Aufzug auftaucht. Zu oft haben Menschen, die bereit waren ihr Leben zu opfern, den am Körper getragenen Sprengstoff unter diesen Westen verborgen.
Wer aber sind diese Selbstmordattentäter und wie kommen sie an ihren Auftrag? Read more
Die Wüstenoase Andkhoy und die Dürre in Afghanistan
August 2, 2009 | 2 Comments
Ein Beitrag von Olaf Günther
“Was braucht man, um in Zentralasien Landwirtschaft zu betreiben?” Diese scheinbar einfache Frage wurde vor Jahren einmal von unserem Lehrer an der Uni gestellt. Wir legten los: “Boden, Pflug, Eisenherstellung, Samen…?” Er schüttelte jedesmal den Kopf. Wir rätselten eine ganze Weile weiter, kamen aber nicht darauf. “Wasser!” war schließlich die Antwort. Wasser aber ist ein knappes Gut und in Afghanistan müssen Oasen mit kaum oder ganz ohne Wasser auskommen, da die Flüsse trocken sind und interregionale Wasserabsprachen flach fallen. “First come first serve” Mentalitäten setzten sich während des Bürgerkrieges durch. Die Dürre der vergangenen Jahre tut ihr übriges dazu. Eine dieser Oasen habe ich besucht, um herauszufinden, wie sich die Bewohner der Oase Andkhoy mit der Wasserknappheit arrangieren.










