Eine Reise in die Tadschikische SSR der frühen 1930er Jahre – Joshua Kunitz: “Dawn over Samarkand”

ein Beitrag von Thomas Loy

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Beim Stöbern in der Zentralasien-Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin fiel mir kürzlich ein in gelblich-braunes Leinen gebundenes Buch mit dem markanten und in auffälligem rot abgesetzten Titel “Dawn over Samarkand” auf. Sein Autor ein gewisser Joshua Kunitz. Als ich das Buch öffnete verriet ein Stempel im Inneren, dass es aus der Privatsammlung des bekannten Iranisten Heinrich F. J. Junker (1889-1970) stammt. Dieser hatte darin zahlreiche Stellen feinsäuberlich mit verschiedenfarbigen Buntstiften markiert. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass in dem Werk mehr stecken könnte als “nur” ein Leckerbissen für bibliophile Liebhaber frühsowjetischer Reiseliteratur?

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Orientträume und Sammeln im Emirat Buchara um 1900

Ein Beitrag von Melanie Krebs

[inspic=632,left,,300] Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war das Reisen in den zentralasiatischen Emiraten aufgrund der politischen Gegebenheiten, den untereinander kämpfenden Fürstentümern und ihrer Abwehr gegen alles Fremde, für Ausländer gefährlich und wenig attraktiv. So verbrachte der russische Gesandte Muravyov 1819 in Chiva die meiste Zeit unter Hausarrest – und hatte damit noch Glück gehabt: für die beiden britischen Unterhändler der East India Company, Stoddart und Conolly, ging ihre Reise 1842 nach Buchara schlechter aus: Sie wurden als Spione geköpft; ein Ereignis, das in Europa einen vermutlich gewünschten abschreckenden Effekt hatte.
Auch spätere Reisende, die es aus beruflichem Interesse nach Zentralasien verschlug, zeigten sich wenig begeistert. Der Turkologe Hermann Vambery, der in den 1860er Jahren als Derwisch verkleidet durch Zentralasien reiste, um dort unbehelligt forschen zu können, kommentiert lapidar:

Weit entfernt, schön, prachtvoll und großartig zu sein, wie die von Teheran, Täbris und Isfahan bieten die Basare Bocharas dem Auge des Fremden einen auffallenden, eigenthümlichen Anblick dar. Wer lange in den Wüsten Zentralasiens umhergeirrt ist, wird in Bochara trotz aller Armseligkeit immer etwas Hauptstadtartiges finden (Vambery 1865: 139,155)

Der Deutsche Franz von Schwarz, der als Astrologe lange an der Sternwarte in Taschkent arbeitete, hatte noch andere Probleme:

Wie langweilig, ja geradezu unerträglich sich infolge der geschilderten Verhältnisse (dem Fehlen von Frauen im Straßenbild! MK) das gesamte Leben in den von Eingeborenen bewohnten Städten gestaltet, davon kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der einmal durch sein Unglück auf längere oder kürzere Zeit in eine solche Stadt verschlagen worden ist. (Franz von Schwarz, Aufenthalt in Turkestan 1874-1890; Schwarz 1900: 194)

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Willi Rickmer Rickmers und Die deutsch-sowjetische Alai-Pamir Expedition von 1928

Ein Beitrag von Thomas Loy

[inspic=488,,,400] In diesem Jahr jährte sich zum 80sten mal eine von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft finanzierte Forschungsreise auf das so genannte Dach der Welt – die gemeinsame, transdisziplinäre deutsch-sowjetische Alai-Pamir Expedition. An dieser Stelle sei noch einmal an diese generalstabsmäßig geplante und hervorragend besetzte wissenschaftliche Großunternehmung erinnert.

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“Rückkehr” und Neuanfang im Schoße der Heimat

Ein Beitrag von Henryk Alff

Die Schlagworte Migration und Zentralasien in Kombination genannt, wecken heute in erster Linie Assoziationen zu Millionen Tadschiken, Usbeken und Kirgisen, die alljährlich auf der Suche nach Arbeit unter zumeist prekären Bedingungen auf russischen Baustellen und in der Rohstoffindustrie zwischen Moskau und Tjumen ihr Glück versuchen. Gedanken an ethnische Migration von so genannten “Rückkehrern” (kas. oralman) kommen da selten auf, auch wenn diese in Kasachstan inzwischen einen beträchtlichen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen. Continue Reading →

Nachruf auf ein religiöses Gebäude

Ein Beitrag von Thomas Loy

[inspic=412,,,0] Jetzt ist der Blick endgültig frei auf den neuen Präsidentenpalast in Duschanbe. Mitsamt den letzten Resten der ehemaligen jüdischen Mahalla hinter dem Putovski (jetzt Barakat) Basar ist auch die einzige Synagoge in Duschanbe abgerissen worden. Bereits im Sommer 2006 hatten Regierungsbulldozer das ehemalige jüdische Badehaus (Miqve) und eine der Synagoge angegliederte Wohnung zerstört, um Platz zu schaffen für einen neuen Zufahrtsweg zum damals noch im Rohbau befindlichen Palast des damals noch Rahmonov genannten Präsidenten. Continue Reading →

Erdbeben in Zentralasien

(Ein Beitrag von Olim devona)

Ashgabad, Oktober 1948

In der Nacht vom 5. zum 6. Oktober 1948 (genauer um 1 Uhr 12 Minuten und 5 Sekunden”) änderte sich das alltägliche Leben der Hauptstadt Turkmenistans und ihrer angrenzenden Bereiche unerwartet.

So beginnt die Geschichte des Erdbebens von Ashgabad, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Turkmenistan, eines der stärksten Erdbeben in der Geschichte der Sowjetunion: 8 – 9 Punkte auf der Richterskala. Seine verheerende Wirkung (man schätzt etwa zwischen 100.000 und 160.000 Toten) kam aus der Mischung der Stöße, die die Erde aussandte. Sie erfolgten in einer vertikalen und horizontalen Richtung. Dauer 10 Sekunden. Die lokalen Verwerfungen, die auf das Beben folgten, betrugen in Ashgabad 180 cm. In Moskau, 2500 Kilometer davon entfernt, wurden noch 0,4 mm gemessen. Continue Reading →

Yigit kishiga etmish hunar oz – Für einen jungen Kerl sind siebzig Berufe dürftig.


Das bewegte Leben des 36-jährigen usbekischen Handelstreibenden Akmal.

(Ein Beitrag von Michael Angermann)

Gegen Ende der 1960er Jahre wird Akmal in einer Zeit des sowjetischen Wirtschaftsbooms in der Oasenstadt Osch, im Süden der heutigen Kirgisischen Republik, geboren. Der junge Usbeke ist gerade zehn Jahre alt, da ziehen bereits erste Quellwolken am Himmel der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft auf. Der plangelenkte staatliche und genossenschaftliche Handel schafft es nicht, die stets kauflustige Bevölkerung zufrieden zu stellen. Der privatwirtschaftliche Kolchosmarkthandel und dessen Protagonisten springen zumeist mit selbst angebauten landwirtschaftlichen Köstlichkeiten ein, um aus Jungen wie Akmal kräftige Männer reifen zu lassen. Continue Reading →

Ashki Bulbuli Pomiri — Der Pamir und die Tränen der Nachtigall

Erinnerung an Prof. Dodkhudo Karamshoev (Khudo rahmati) von Thomas Loy

Als Dodkhudo, der Sohn von Karamsho, 1932 in dem kleinen, zwischen Rushan und Khorog gelegenen Bergdorf Bajuv zur Welt kam, da hatte die Zeit sich bereits gewendet. Tadschikistan war seit gut zwei Jahren eine “eigenständige” Sowjetrepublik und seine Regierung schickte sich an, die zu ihr gehörenden Teile des Pamirs an das Sowjetische Straßennetz anzuschließen. 1934 erreichten die ersten Fahrzeuge von Kirghistan aus die Gebietshauptstadt Khorogh und fünf Jahre später landeten die ersten Kleinflugzeuge auf dem Sowjetischen Dach der Welt. Continue Reading →

Der Zirkus Suhr in Taschkent

(Ein Beitrag von Pulot Toschkenboev; Ãœbersetzung Olim devona)

Am Ende des 19. Jahrhunderts, nach der Angliederung der turkestanischen Territorien an Rußland kamen vermehrt Musik-, Theater- und Zirkustruppen auf der Suche nach neuem Publikum in die Gegenden der ehemaligen Fürstenstaaten Zentralasiens. Durch diese Tourneen kam die lokale Bevölkerung mit den kulturellen Werten der russischen und europäischen Kulturen der damaligen Zeit direkt in Kontakt. Großen Erfolg hatten dabei Zirkustruppen, die aufgrund ihrer spielerischen Vielfältigkeiten vom ersten Tag ihrer Gastspiele an eine ungeheure Popularität beim Publikum genossen.Von den mehr als 20 Zirkusunternehmen, die um die Zeit der Jahrhundertwende in kleineren und größeren Städten Russisch Turkestans auftraten, war eines der größten der Zirkus Suhr.

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