Trauerzeremonien (Sugwari) – Im Monat Muharram in Buchara und Samarkand

Ein Beitrag von Massud Hosseinipour
(aus dem Persischen übersetzt von Th. Loy)

Trauerprozession und Selbstgeißelung in Buchara vor 95 Jahren (aus O. Suchareva: "Buchara im 19. Und frühen 20. Jahrhundert".

Trauerprozession und Selbstgeißelung in Buchara vor 95 Jahren (aus O. Suchareva: “Buchara im 19. Und frühen 20. Jahrhundert”.

Ein viertel Jahrhundert ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Untergang der Sowjetunion mittlerweile verstrichen. Aber die Eroberung Mittelasiens durch das Russländische Reich, die in der Folge davon gezogenen politischen und ethnischen Grenzen und 70 Jahre bolschewistische und sowjetische Herrschaft haben tiefe Spuren hinterlassen und zwischen uns (Iranern) und unserer anderen, mittelasiatischen Hälfte einen bis heute kaum überbrückbaren Graben gezogen. Wir hören zwar unsere Stimmen, aber klar sehen können wir uns bis heute nicht. Städtenamen wie Buchara, Samarkand und Chudschand versetzen uns (Iraner) in Verzückung und auch ihre Augen leuchten, wenn von Iran die Rede ist. Sie wollen mehr über uns und unsere Geschichte in Erfahrung bringen, und auch wir wollen wissen, was ihnen widerfuhr und heute widerfährt. Doch oft genug bleibt undurchdringlicher Nebel.
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Ins rechte Licht gerückt: neuer Dokumentarfilm über das älteste Naturreservat Mittelasiens

Ein Beitrag von Viktoria Wagner

Mit seinen 89 Jahren ist das Naturreservat Aksu-Jabagly das älteste Naturschutzgebiet Mittelasiens. Es erstreckt sich über die mächtigen Ketten des westlichen Tien Shan Gebirges, in Südkasachstan, und grenzt an Kirgisien und Usbekistan. Trotz seiner spektakulären Natur, ist dieses Gebiet bei uns nur wenig bekannt.

 

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Naturreservat Aksu Jabagly. Bildquelle: http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/abenteuererde/sendungen/baeren-in-den-himmelsbergen-100.html

Der Filmemacher Tobias Mennle hat diesem Gebiet nun einen wunderbaren Dokumentarfilm gewidmet, der vor einigen Tagen auf WDR ausgestrahlt wurde:

http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/abenteuererde/sendungen/baeren-in-den-himmelsbergen-100.html

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Archäologische Sensation in der Turgai Senke (Kasachstan)

Ein Beitrag von Viktoria Wagner

Ein Mosaik aus spröder Steppe, etlichen Salzseen und kleinen Waldfragmenten durchzieht die Turgai Senke. Das flache Becken erstreckt sich von der Stadt Kostanai, im nordwestlichen Zipfel Kasachstans gelegen, bis in die Halbwüste hin. Die Gegend ist dünn besiedelt. Hier und da trifft man auf kleine Siedlungen, Hirten und Melonenfelder. Manchmal kommen einige Birdwatcher aus dem Ausland vorbei. Ansonsten grassiert hier Landflucht. Zu rauh ist das Klima, zu riskant die Landwirtschaft. Für fremde Augen ist die Steppe nichts als flache Eintönigkeit.

Ausgerechnet diese abgelegene Gegend wurde in den letzten Jahren Schauplatz einer archäologischen Sensation.

 

Ushtogai Square, ein Geoglyph in der kasachischen Steppe, ca. 300km Luftlinie südöstlich von Kostanai (ca. 300m Seitenlänge). N 50.8329°, E 65.3263°). Quelle: Google Earth

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Neues vom Tisch der Götter

Der Altai liegt in vieler Hinsicht in einem Fadenkreuz. Schaut man auf die Karte, so kann man zum Beispiel die Nationalstaatlichen Grenzen von vier Staaten entdecken, die dieses Gebirge unter sich aufteilen, es ist Staatsgebiet Chinas, der Mongolei, Rußlands und Kasachstans. Dass der Altai verwaltungstechnisch aufgeteilt ist, ist seit den Söhnen Chingiz Khans Normalität. Als Chingiz Khan daran ging, sein Weltreich aufzuteilen, bekam jeder seiner Söhne jeweils einen Anteil vom Altai: Chagataj (Zentralasien, Kasachstan), Batu (Goldene Horde, Rußland) Chödzhi (Mongolei) und schließlich Qubilaj Khan (China). Dass das nicht ganz genau stimmt und zu dieser Einigung 30 Jahre nötig waren und eine ganze Anzahl von Bruderkriegen, wollen wir hier durch das Fernrohr der Geschichte getrost übersehen.

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Mit Kamelen durch die Wüste…

Was sich auf den ersten Blick wie ein typisches Thema aus dem Raum Zentral- oder Vorderasiens anhört, weist in Wirklichkeit auf Australien hin. Wer wusste denn bisher schon, dass die Erschließung Australiens durch die Britten vor allem mit Kamelführern aus Afghanistan und dem Norden Indiens von statten ging? Sicher, den australischen Lesern unseres Blogs wird es geläufig sein, dass viele Friedhöfe in Australien auch eine Muslimische Abteilung haben mit nach islamischen Ritualbräuchen beerdigten Menschen. Allen anderen aber wird diese Seite hier empfohlen. Sie führt ein in die Thematik der Landerschließung Australiens durch die Kamelführer, in die Beziehungen dieser zu den australischen Ureinwohnern und vieles andere mehr.

Viel Lesespass wünscht die Tethys Redaktion

Fitrats kleine Kapitalismusschule 2

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Abdurrauf Fitrat gehört zu den eher weniger bekannten asiatischen Kritikern des westlichen Imperialismus, die, inspiriert vom Sieg der Japaner über das zarische Russland 1905, zur Feder griffen, um ihre Gesellschaften aufzurütteln und aufzubegehren gegen die europäische Übermacht. „The early men of modern Asia“ schreibt Pankaj Mishra in seinem faszinierenden Buch From the Ruins of Empire über genau diese Aufklärer “travelled and wrote prolifically, restlessly assessing their own and other societies, pondering the corruption of power, the decay of community, the loss of political legitimacy and the temptations of the West.” Sie alle stehen am Beginn des Erwachens der asiatischen Welt. Von Ägypten über den Iran und Indien bis China und Japan reagierten junge Intellektuelle des frühen 20. Jahrhunderts mit einem ähnlich angelegten Programm. Continue Reading →

Fitrats kleine Kapitalismusschule

1991 ist der Kommunismus mit dem Ostblock untergegangen. 2008 starb der Kapitalismus. Als ich ein junger Student der Wirtschaftswissenschaften war, gab es einen großen Streit zwischen den Sozialisten, die an eine zentrale Planwirtschaft glaubten und den Hayekianern, oder Liberalisten, die auf das Wunder des Marktes setzten. Die Befürworter der Marktwirtschaft argumentierten, dass der Kapitalismus ein evolutionärer Kampf sei, in dem die Stärksten siegen und die Schwächeren, die weniger produktiv und profitabel sind untergehen … die Rettungspakete die für die Banken nach 2008 geschnürt wurden, waren so etwas wie umgekehrter Darwinismus. Je erfolgloser die Banker und je größer die Verluste ihrer Bank waren, desto größer war auch die Unterstützung von Seiten der Steuerzahler, und desto erfolgreicher wurde dem Rest der Gesellschaft das Geld aus der Tasche gezogen.
(Yanis Varoufakis, 2014, Der Kapitalismus (4/6) 47:00-48:20, arte)

110es Geburtsjubiläum Abdurauf Fitrats 1996

Briefmarke zum 110. Geburtsjahr ‘Abdurauf Fitrats im Jahr 1996

Gut 100 Jahre früher machte sich in Buchara ein junger Intellektueller ebenfalls Gedanken über den Kapitalismus, der, in Gestalt des zarischen Russlands dabei war, die Gesellschaft seiner Heimat zu zerstören. Im Jahr 1913 veröffentlichte  ‘Abdurauf Fitrat zwei theoretische Essays in der Zeitschrift Āʿīna. Diese wurde in den Jahren 1913 bis 1915 von Mahmud Xo’ja Behbudi in Samarkand herausgegeben. In “Der Profit” und in “Das Leben und das Ziel des Lebens” beschäftigt sich Fitrat mit den Grundlagen und Besonderheiten der menschlichen Gesellschaft. Den Lesern und Hörern präsentiert Fitrat in den beiden Essays eine auf europäischen Theorien beruhende Entwicklungstheorie, die sich von den traditionell in diesem Raum herrschenden Vorstellungen von Welt deutlich unterschied. Die einer Gesellschaft zu Grunde liegenden Mechanismen stellte er dabei als allgemein gültig, wissenschaftlich erklärbar und rational nachvollziehbar vor. An der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Herangehensweise gab es für Fitrat keinen Zweifel. Durch Überzeugungsarbeit sollte der für nötig erachtete strukturelle Wandel der islamischen Gesellschaft in Buchara und Russisch Turkestan initiiert und die Menschen dieser Region auf die veränderten Rahmenbedingungen der neuen Epoche vorbereitet werden.
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Ein unangenehmer Vorteil

Ein Beitrag von Lutz Rzehak

Das Gauhar-Shad-Mausoleum - Foto Lutz Rzehak (2005)

Das Gauhar-Shad-Mausoleum in Herat – Foto Lutz Rzehak (2005)

Reste blauer Fliesen an einer Kuppel aus gebrannten Ziegeln lassen den Glanz vergangener Zeiten erkennen. Immerhin: Das Gebäude steht noch. Die vier riesigen Minarette, die sich in unmittelbarer Nähe gekrümmt, aber hartnäckig gegen den Himmel strecken, als wolle jedes von ihnen dem schiefen Turm von Pisa seinen Ruf streitig machen, sind dagegen das einzige, was von der Moschee übrig geblieben ist, deren Ecken diese Minarette einmal säumten. Die Kuppel mit den Resten blauer Kacheln bedeckt das Grabmal jener Frau, die diese Minarette und die nicht mehr vorhandene Moschee vor mehr als einem halben Jahrtausend in Herat errichten ließ. Königin Gouhar Schad war eine Schwiegertochter Timurs des Lahmen und doch Großen. Aber nicht für weitläufige Feldzüge und kurzlebige Eroberungen, sondern für ihre außergewöhnliche Bautätigkeit wird diese Frau, deren Name “frohe Perle” bedeutet, als Bauherrin der architektonischen Perle Herat in froher Erinnerung behalten.

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Return the Face to its Owner

Emilia Roza Sulek
Humboldt University in Berlin

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A photo-story
(Return the face to its owner)

During my fieldwork in Tibet, I carried with me photographs taken by travellers and anthropologists who went there before, and hoped that someone recognizes the people in those photographs. And yet, I was surprised when it happened.

Sitting in a small village somewhere in the mountains, eating candies and fried bread, I conducted an interview with an elderly nomad. The man – advanced age, with a brown face and a grizzly-like posture – sat on the other side of the stove, answering my questions. His wife, perched on a small stool like a little bird, got up every now and then to pour more tea. Carrying a huge kettle, she threw a few words into our conversation. The leading voice belonged to the man, but she made sure that what he said agreed with what she remembered.

Interview with Rock' photos (Photo E.R. Sulek)

Interview with Rock’ photos (Photo E.R. Sulek)

The man talked about the past, which land belonged to which tribe, and how Ma Bufang, the governor of Qinghai, wrote this on paper, sealed it, and handed it to the leader of the tribe to which my hosts belonged. His signature and stamp testified that this piece of land belonged to these people and to no one else. That was during the time of the Republic of China. Now it is the People’s Republic and many things have changed.

Talking about the past (Phoo E.R. Sulek)

Talking about the past (Photo E.R. Sulek)

That tribe leader who got Ma Bufang’s sayig or land decree could not be among the living anymore, but he could have some living relatives. “Yes, his son is here”, my host said. “How do I find him?”, I jumped with excitement. “He’s around, sometimes here, sometimes there…”, the answer did not sound promising, but was typical of a society where people move a lot, coming and disappearing again.

At that moment, the door to the mud house opened. A man in a yellow hat and thick glasses on his nose entered the room limping slightly. “Well, here he is!”, my hosts exclaimed. Astonished with this deus ex machina way in which the old leader’s son appeared in the door, I only managed to ask, “How did you know you should come right now?!” The man, already in his late eighties, answered, “I always know where nice ladies are”.

I moved closer and, sitting almost at his feet, absorbed his words with almost all senses: the history of old tribal leaders, of his father who got the land from Ma Bufang and of what happened later.

“Can you show him the photos?”, my host asked. Everyone knew that I had with me a folder full of photographs, those which both I and other people took, sometimes decades ago. Among the latter, there were photographs by Joseph Rock from the National Geographic Magazine. The old leader’s son studied them carefully. Suddenly, his face brightened. “I knew this man”, he said. There was a photo of a man with a cocked hat and eyes looking straight into the camera. “Gomba, nicknamed Dadda, chief of the Jazza clan”, the caption said. “Not Jazza. Lowa”, the old leader’s son corrected. “His name was Lowa Ngawang”.

A story followed. The old leader’s son was jailed in 1958, when Tibetans clashed with the Chinese Communist troops. He was lucky and was released quickly, but many of his relatives never left prison alive. There, in prison, he met the man from the photograph: Ngawang, chief of the Lowa tribe who neighboured Jazza. Lowa Ngawang was there together with one of his sons, a Buddhist lama. They were jailed by his other son who supported the new power. “He tortured them a lot, even your worst enemy wouldn’t have done so”, the man said. Lowa Ngawang was 73. He died one month later. What happened to his monk-son is unclear.

For Lowa Ngawang alias Dadda the history ended in 1958. But what happened to his younger son, who secured for himself a place in the ranks of the new Communist functionaries in his region? He was removed from his post during the Cultural Revolution, when many followers of the new government lost their jobs, and sometimes their lives during outbreaks of violent struggle sessions. That was his fate. The story could be a basis of another Shakespeare-like tragedy: of family betrayal and craving for power. The wheel of history turned, destroying both the father, the leader from the old times, as well as his son, a communist, who had gained power, but all together it was only a short-term guarantee of survival.

*

People from the past, photographed by travellers or anthropologists, are not anonymous representatives of their folk. Their faces, stored in archives and reproduced in books, detached from their owners, gain a life of their own, becoming “vignettes” of their time or region they come from. How many such images do we have, not knowing whose faces these really are? Intricate paths of life, history and coincidence made these people step into a photographer’s lens and start another, photo-life. But they once had names and biographies which later on were lost in transmission.

Lowa Ngawang alias Dadda played an important role in Rock’s narrative being his guide to Golok, but we know little about him. During that interview, he stopped being just a figure in a travelogue and regained part of his biography. However, he was an important person in his community. Would it also be possible to find something about those people who were less important, who were not guides but nameless escorts, not leaders but nomads whose paths accidentally crossed with those of the photographer and whose names the photographer never knew?

Scores of unknown people from the past, both women and men, populate our books. Maybe it is still possible to return some of these faces to their owners.

 

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Joseph Rock’s photograph courtesy of Harvard-Yenching Library.

The author thanks Norma Schulz for her help in editing this post.

Bilder von der Beerdigung Massuds

Grablegung Massuds

Grablegung Ahmad Shah Massuds

Nur noch sieben Tage sind auf arte+7 die beeindruckenden Bilder zu sehen, die im Spätsommer 2001 auf der Beerdigung Ahmad Shah Massuds in seinem Heimatdorf von seinem Chefkameramann und seinem Team aufgenommen wurden. Für die arte-Reihe “Verschollene Filmschätze” wurden 26 Minuten davon zusammengeschnitten und kommentiert. Continue Reading →