20 Jahre Unabhängigkeit Tadschikistans – Betrachtungen aus der Provinz

Seit ein paar Monaten wuselte es in der Region Berg-Badachschan und im Besonderen in der beschaulichen Gebietshauptstadt Chorog. Investitionsprojekte zum 20. Geburtstag der Republik Tadschikistan wurden aus dem Boden gestampft, die bis zum Unabhängigkeitstag am 9. September 2011 abgeschlossen sein müssen. Besser gesagt hätten sie bis zum 16. August, dem Tag des Präsidentenbesuchs, fertig sein sollen.

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Flaggenarrangements spielten auf der Parade eine überstrahlende Rolle

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NIWA – der feine Unterschied

Ein Beitrag von Michael Angermann

Niwa

NIWA - der feine Unterschied

Wenn man NIWA und Sowjetunion hört, denkt man schnell an einen geländegängigen Lada, der in jenen Breiten noch häufig anzutreffen ist. Wenn man aber eine kleine runde, kräftig blaue Cremedose in der Hand hält, auf der NIWA in lateinischer und arabischer Schrift steht, dann befindet man sich wahrscheinlich am Rande der globalen Markenwelt. Auf dem afghanisch-tadschikischen Grenzmarkt in Ishkashim fristet sie nun als letzte ihrer Art ihr Dasein in einem schäbigen Karton und wartet am Eingang des Wakhankorridors auf den pflegebedürftigen Kunden. Continue Reading →

Flashmob in Dushanbe

von Wladimir Sgibnev

Seit Wochen ist die Stromversorgung in Tadschikistan sehr stark eingeschränkt. Selbst das Navruz-Fest mussten viele im Dunkeln verbringen. Die Städte, von der Hauptstadt Duschanbe abgesehen, müssen mit zwei Stunden Strom am Tag auskommen, während auf dem Land erst gar kein Strom ankommt.

Der Wasserpegel im Stausee von Nurek ist auf ein historisches Tief gesunken. Aufgrund des ungewöhnlich kalten Frühlings schmilzt der Schnee in den Bergen nicht, so kommt kein Wasser ins Tal, um die Turbinen des Staudamms anzutreiben. Das kam sicher auch in den letzten Jahren wiederholt vor, aber damals war Tadschikistan noch an das gemeinsame zentralasiatische Stromnetz angeschlossen. Seit Usbekistan jedoch Ende 2009 das Verbundnetz verließ, können saisonale Schwankungen nicht mehr durch Stromimporte ausgeglichen werden. Mithilfe riesiger Staudammprojekte soll daher die Stromversorgung des Landes auf eigene Füße gestellt werden, aber es wird wohl noch viel Wasser den Wachsch hinunterfließen, bis es soweit ist.

Die miserable Stromversorgung war der Auslöser, um auch gegen die allgemeine Misswirtschaft im Land zu protestieren: vor dem Eingang des Stromversorgers “Barq-i Tojik” haben sich am 8. April mehrere Dutzend Menschen versammelt, Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet, “in Trauer über das Sterben der tadschikischen Energiewirtschaft”. Dabei hielten die Teilnehmer Plakate in den Händen mit den Worten “Tribalismus + Nepotismus = Armut und Korruption” und “Das Volk will das nicht”. Bilder und Videos der Veranstaltung gibt es zum Beispiel bei AsiaPlus und Radio-Ozodi.

Das Überraschende an dem Ereignis war, dass sich die Veranstalter per Facebook zusammengefunden haben – die Facebook- und Twitter-Revolutionen der arabischen Welt lassen grüßen. Der Flash-Mob ist ein absolutes Novum in der tadschikischen Gesellschaft und ein Indiz für die Existenz einer aktiven, vernetzten und politisch interessierten Jugend in der Hauptstadt des Landes: allesamt fleißige Benützer mobiler elektronischer Endgeräte und daher von den Strompannen empfindlich getroffen.

Eine offizielle Stellungnahme des Stromversorgers oder der Regierung ist bisher ausgeblieben, aber es ist an der Zeit, dass etwas getan wird. Die International Crisis Group hat bereits in ihrem Februar 2011 erschienenen Bericht gewarnt, dass die bröckelnde Infrastruktur die staatliche Stabilität Tadschikistans bedroht, nachdem bereits April 2010 der kirgisische Präsident Bakiev nach einer Erhöhung der Strompreise aus dem Land gejagt wurde. Auch Tadschikistan braucht dringend einen Herrn Licht, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen.

Wo die Islamisten wohnen

Ein Beitrag von Wladimir Sgibnev

Im Herbst 2010 bot sich mir die einmalige Gelegenheit, das Dorf Chorkuh zu besuchen. Mit seinen etwa 30.000 Einwohnern liegt Chorkuh im südöstlichen Zipfel des tadschikischen Ferghana-Tals, 15 Kilometer südlich der Kreisstadt Isfara.

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Schule in Chorkuh – Alle Photos: querbeet aufgenommen von Aziz, Durdona, Nigora und dem Autor des Artikels

Dieser Winkel Tadschikistans ist dafür bekannt, dass der Islam hier besonders streng gelebt wird. Einer der Gründe dafür ist, so der Islamforscher Stéphane Dudoignon, dass Familien aus Chorkuh in den 1920er Jahren nach Saudi-Arabien ausgewandert waren und nach der Unabhängigkeit den strengen saudischen Islam in ihre Heimatdörfer importieren. Die sichtbarste Auswirkung dieser Entwicklung ist, dass, für Tadschikistan durchaus ungewöhnlich, keine einzige unverschleierte Frau auf der Strasse zu sehen ist. Auch Ganzkörperschleier sind keine Seltenheit. So besitzt das Gebiet zwischen Lakkon, Isfara und Chorkuh in der tadschikischen Presse den Beinamen “Islamisches Dreieck”. Continue Reading →

Start: Crossroads Asia

Das neu ins Leben gerufene wissenschaftliche Kompetenznetzwerk Crossroads Asia stellt sich am Donnerstag den 7. April in Berlin zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit vor.

Der geographische Untersuchungsraum dieses Kompetenznetzwerks … reicht vom östlichen Iran bis Westchina und vom Aralsee bis nach Nordindien” und umfasst somit ziemlich deckungsgleich die von Tethys in den Blick genommenen Regionen. Bei beiden bildet Afghanistan den Knotenpunkt dieser Raumkonstruktion.

Ziel dieser auf vier Jahre angelegten fächerübergreifenden wissenschaftlichen Initiative mehrerer über ganz Deutschland verteilter Institutionen ist es, neue Fragen und Perspektiven an und auf diesen Großraum und die dort befindlichen Gesellschaften zu richten sowie deren Vernetzung zu untersuchen.

Insgesamt 15 Subprojekte sind bei dem vom bmbf finanzierten Großprojekt auf drei thematische Schwerpunkte verteilt. Bei diesen handelt es sich um Konflikt, Migration und Entwicklung.

Die einzelnen Projekte versprechen eine intensive und thematisch breit gestreute Auseinandersetzung mit Themen und Problemen der Region und man darf auf die ersten Arbeitsschritte und Ergebnisse der verschiedenen Forschergruppen gespannt sein.

So sehr diese Initiative zu begrüßen ist, muss man doch die Frage stellen, wie es sein kann, dass eine derart groß angelegte Anstrengung erst jetzt, 2011, zehn Jahre nachdem Afghanistan in Deutschland (zumindest zeitweilig und partiell) ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, ins Leben gerufen wurde. Aber besser spät als nie.

Guten Start!

Nachtrag zum Nachtrag: Was ist Los in Rascht?

Am 4. Januar 2011 haben Spezialkräfte des tadschikischen Innenministeriums im Dorf Runob, unweit von Gharm, Alovuddin Davkatov (bekannt als Ali Bedaki) und sieben weitere Männer aufgespürt und getötet. Ein weiterer Mann wurde festgenommen. Ali Bedaki (und Mullo Abdullo) wurde der Überfall auf den Militärkonvoi im September vergangenen Jahres zur Last gelegt. Einen Bericht über die Militäraktion gibt es hier bei centralasiaonline.
Da hat sich wohl die schrittweise Steigerung der Amerikanischen Unterstützung zur “Terrorbekämpfung” in Tadschikistan seit 2001 ausgezahlt.
“…U.S.-Tajik military relations have incrementally been improving, especially with the National Guard, but also with the Russia-centric Ministry of Defense…”
Der Stand der US Amerikanischen “Security Assistance” für Tadschikistan (Stand Anfang 2010 – Punkt 14-20) ist ebenfalls bei wikileaks veröffentlicht. Laut Medienberichten wird die tadschikische Regierung die Leichname der Getöteten nicht an die Familien zurückgeben. Und auch der Ort wo sie begraben werden/wurden soll unbekannt bleiben.

NEU: Naturtrüber Apfelsaft aus Neustadt

Aus Duschanbe kommend, kurz vor der usbekischen Grenze, muss der Apfelsaftfreund in Neustadt (tad. Shahrinav) links abbiegen. Vorbei am Kulturhaus und einer ausgedienten Aeroflot-Maschine erreicht der Fruchtsaftliebhaber die Produktionsanlage der Natural Product GmbH. Begrüßt wird man vom 25-jährigen Firmeninhaber Iskandar Kholov, der vor vier Monaten aus dem mittelfränkischen Triesdorf nach Tadschikistan zurückgekehrt ist. Dort hat er an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf einen Master in Internationalem Agrarmanagement abgeschlossen und seine Abschlussarbeit den Investitionsmöglichkeiten in die Fruchtsaftverarbeitung Tadschikistans gewidmet. Eine mittelständische Agrarfirma aus Deutschland konnte er von seiner Investitionsidee überzeugen und nun steht er vor seiner Fruchtsaftanlage, mit der seine 10 Mitarbeiter und er in den letzten drei Monaten bereits 70 Tonnen Apfelsaft gepresst haben.

Iskandar Kholv an seiner SaftproduktionsanlageIskandar Kholv an seiner Saftproduktionsanlage

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Was ist los in Rascht? Ein Nachtrag

Genau zwei Monate ist es her, dass in Tadschikistan die heftigsten Kämpfe seit dem Ende des Bürgerkriegs ausbrachen. Am 19. September 2010 wurde im Kamarob-Tal ein Militärkonvoi beschossen und viele, vor allem junge unerfahrene Soldaten kamen dabei ums Leben. Wir fragten, ist Tadschikistan im Strudel der Unruhen? Jetzt scheint sich die Situation im Rascht-Tal beruhigt zu haben. Aber noch immer ist die Mobilfunkverbindung in die Region unterbrochen und auch die Armee ist noch überall präsent.

Dass die Regierung in Duschanbe die Situation zu Nutzen wusste, scheint mittlerweile außer Frage. Es wird sogar vermutet, dass die ganze Aktion (samt vorangegangenem Ausbruch von 25 “Terroristen” aus einem Gefängnis der Hauptstadt) geplant und durchgeführt wurde, um eigene Ziele zu erreichen. Berichte von Augenzeugen aus der Region Gharm und auch ein kürzlich in zwei Teilen publizierter Bericht über die Region und die Ereignisse im September und Oktober diesen Jahres legen diesen Schluss nahe. (Hier geht es zum zweiten Teil des Beitrags über die Region Rascht) Schlagworte wie “Islamisten” und “ausländische Terroristen” werden demnach von Regierungsseite als Alibi benutzt um die eigentlichen Beweggründe für den massiven Militäreinsatz zu verschleiern: Die Herrschaft und Kontrolle über diese zentrale Gebirgsregion weiter auszubauen, potentielle Unruheherde (wie zum Beispiel marginalisierte junge Männer – etwa die zurückgekehrten und ob der wirtschaftlichen Situation in Tadschikistan höchst unzufriedenen Arbeitsmigranten) im Keim zu ersticken, den Druck auf ehemalige Kommandeure und Oppositionskräfte in der Region Gharm zu erhöhen und diese wenn möglich “auszuschalten”. Dass damit gleichzeitig handfeste wirtschaftliche Ziele (wie etwa die Übernahme einer wichtigen Kohlemine) verfolgt werden, ist in Tadschikistan ein offenes Geheimnis.

Daher gibt es in Tadschikistan kein gesteigertes politisches Interesse an einer freien journalistischen Berichterstattung und keine Hoffnung auf eine Klärung der Ereignisse dieses Sommers. Die Menschen werden systematisch eingeschüchtert, ebenso die Medienvertreter. Seit den Militäraktionen stieg auch die Angst vor Repressionen stark an. Kaum jemand traut sich mehr laut etwas politisches zu sagen – schon gar nicht wenn er oder sie aus Rascht kommt – aus Sorge um sich und die seinen. Aber eine Ahnung davon, was da gespielt wird, haben praktisch alle.

Die Menschen in Rasht wissen ganz genau, dass sie bestraft werden, sobald sie gegen die herrschenden Strukturen aufbegehren; von der einen oder von der anderen Seite. Und wenn nicht sie persönlich, dann eben ihre Eltern oder Verwandten.