Archäologische Sensation in der Turgai Senke (Kasachstan)

Ein Beitrag von Viktoria Wagner

Ein Mosaik aus spröder Steppe, etlichen Salzseen und kleinen Waldfragmenten durchzieht die Turgai Senke. Das flache Becken erstreckt sich von der Stadt Kostanai, im nordwestlichen Zipfel Kasachstans gelegen, bis in die Halbwüste hin. Die Gegend ist dünn besiedelt. Hier und da trifft man auf kleine Siedlungen, Hirten und Melonenfelder. Manchmal kommen einige Birdwatcher aus dem Ausland vorbei. Ansonsten grassiert hier Landflucht. Zu rauh ist das Klima, zu riskant die Landwirtschaft. Für fremde Augen ist die Steppe nichts als flache Eintönigkeit.

Ausgerechnet diese abgelegene Gegend wurde in den letzten Jahren Schauplatz einer archäologischen Sensation.

 

Ushtogai Square, ein Geoglyph in der kasachischen Steppe, ca. 300km Luftlinie südöstlich von Kostanai (ca. 300m Seitenlänge). N 50.8329°, E 65.3263°). Quelle: Google Earth

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edition-tethys

 

logo_verlagtethys hat seit Anfang September mit edition-tethys einen eigenen Verlag. Dieser füllt eine Lücke in der regional ausgerichteten und ethnographischen Literatur. Das Verlagsprogramm ist radikal narrativ und will von Regionen und dem Alltag der dort lebenden Menschen erzählen.

 

In unseren Publikationen folgen wir unserem Verlangen, die Welt aus erster Hand kennenzulernen, und uns von ihren Besonderheiten und Widersprüchlichkeiten erzählen zu lassen. Seit dem 01.10.2015 ist nun der erste Band mit Zentralasienbezug im Handel!

Begegnungen-am-Hindukusch-211x300Die dokumentarischen Erzählungen des Sammelbandes “Begegnungen am Hindukusch” spannen einen Bogen von den 1960er Jahren bis heute und stammen unter anderem von den Autoren Karl Wutt –Reinhard Schlagintweit – Ingeborg Baldauf – Jürgen Wasim Frembgen –  Thomas Ruttig –Ali Karimi –  Lutz Rzehak – Manfred Lorenz – Hermann Kreutzmann und Ayfer Durdu.

Wir hoffen auf viele Leser und nehmen gerne Manuskripte entgegen….

 

“Säuberungswelle” in vollem Gang

Opposition wird in Tadschikistan nicht geduldet. Nachdem in den letzten Jahren immer wieder ehemalige Verbündete und Gegner aus Bürgerkriegszeiten durch das in Duschanbe herrschende Regime Emomali Rahmons verhaftet, bedroht, zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, militärisch bekämpft oder unter ungeklärten Umstanden ums Leben gekommen sind, spitzt sich seit einigen Wochen die politische Lage im Land weiter zu. Seit den Parlamentswahlen im März gerät die Partei der Islamischen Wiedergeburt (PIW) und damit die letzte im Land verbliebene Oppositionspartei und deren Mitglieder immer weiter unter Druck.
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Für Liebhaber zentralasiatischer Sprachen

gerade rechtzeitig zum Urlaubsausklang ereilte mich in Dänemark ein link zu einem herrlichen Text, der kürzlich im NEW YORK TIMES Magazine erschien: “Letter of recommendation: Uzbek” von Lydia Kiesling. Für Freunde zentralasiatischer Sprachen und all diejenigen, die das Leben auch als eine wunderbare Abfolge von merkwürdigen und kaum nachvollziehbaren Entscheidungen halten. Katta Rahmat Micha!

Fitrats kleine Kapitalismusschule 2

From-the-Ruins
Abdurrauf Fitrat gehört zu den eher weniger bekannten asiatischen Kritikern des westlichen Imperialismus, die, inspiriert vom Sieg der Japaner über das zarische Russland 1905, zur Feder griffen, um ihre Gesellschaften aufzurütteln und aufzubegehren gegen die europäische Übermacht. „The early men of modern Asia“ schreibt Pankaj Mishra in seinem faszinierenden Buch From the Ruins of Empire über genau diese Aufklärer “travelled and wrote prolifically, restlessly assessing their own and other societies, pondering the corruption of power, the decay of community, the loss of political legitimacy and the temptations of the West.” Sie alle stehen am Beginn des Erwachens der asiatischen Welt. Von Ägypten über den Iran und Indien bis China und Japan reagierten junge Intellektuelle des frühen 20. Jahrhunderts mit einem ähnlich angelegten Programm. Continue Reading →

Fitrats kleine Kapitalismusschule

1991 ist der Kommunismus mit dem Ostblock untergegangen. 2008 starb der Kapitalismus. Als ich ein junger Student der Wirtschaftswissenschaften war, gab es einen großen Streit zwischen den Sozialisten, die an eine zentrale Planwirtschaft glaubten und den Hayekianern, oder Liberalisten, die auf das Wunder des Marktes setzten. Die Befürworter der Marktwirtschaft argumentierten, dass der Kapitalismus ein evolutionärer Kampf sei, in dem die Stärksten siegen und die Schwächeren, die weniger produktiv und profitabel sind untergehen … die Rettungspakete die für die Banken nach 2008 geschnürt wurden, waren so etwas wie umgekehrter Darwinismus. Je erfolgloser die Banker und je größer die Verluste ihrer Bank waren, desto größer war auch die Unterstützung von Seiten der Steuerzahler, und desto erfolgreicher wurde dem Rest der Gesellschaft das Geld aus der Tasche gezogen.
(Yanis Varoufakis, 2014, Der Kapitalismus (4/6) 47:00-48:20, arte)

110es Geburtsjubiläum Abdurauf Fitrats 1996

Briefmarke zum 110. Geburtsjahr ‘Abdurauf Fitrats im Jahr 1996

Gut 100 Jahre früher machte sich in Buchara ein junger Intellektueller ebenfalls Gedanken über den Kapitalismus, der, in Gestalt des zarischen Russlands dabei war, die Gesellschaft seiner Heimat zu zerstören. Im Jahr 1913 veröffentlichte  ‘Abdurauf Fitrat zwei theoretische Essays in der Zeitschrift Āʿīna. Diese wurde in den Jahren 1913 bis 1915 von Mahmud Xo’ja Behbudi in Samarkand herausgegeben. In “Der Profit” und in “Das Leben und das Ziel des Lebens” beschäftigt sich Fitrat mit den Grundlagen und Besonderheiten der menschlichen Gesellschaft. Den Lesern und Hörern präsentiert Fitrat in den beiden Essays eine auf europäischen Theorien beruhende Entwicklungstheorie, die sich von den traditionell in diesem Raum herrschenden Vorstellungen von Welt deutlich unterschied. Die einer Gesellschaft zu Grunde liegenden Mechanismen stellte er dabei als allgemein gültig, wissenschaftlich erklärbar und rational nachvollziehbar vor. An der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Herangehensweise gab es für Fitrat keinen Zweifel. Durch Überzeugungsarbeit sollte der für nötig erachtete strukturelle Wandel der islamischen Gesellschaft in Buchara und Russisch Turkestan initiiert und die Menschen dieser Region auf die veränderten Rahmenbedingungen der neuen Epoche vorbereitet werden.
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Die Verflechtung der Welt

Ein Beitrag von Olim devona

Luzerne

Mit freundlicher Genehmigung von Anne Tanne

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte das rechte Flussufer des Amudarja zum russländischen Generalgouvernement Turkestan. Aus dieser Region des Russischen Reichs hörte man damals im Westen recht wenig. In zeitgenössischen Berichten russischer Reisender auf ihrem Weg nach Chorezm oder in die weiter südlich gelegenen Chanate, nach Afghanistan, Indien oder in den Iran, findet sie nur beiläufig Erwähnung. Da die Deltaregion des Amudarja nicht so voller eindrücklicher Monumente war, wie die südlicheren Wüstenstädte Chiwa oder Buchara, war das Interesse am Delta gering. So blieb das Amudarja Delta und die vielen dort lebenden Volksgruppen, die in lebhaften Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn Handel trieben oder stritten und deren Leben auch durch die Launen der Wasser des Amudarja in Bewegung gehalten wurde, lange Zeit weitgehend unbekannt.

Aus dieser Region ist folgende Geschichte überliefert:
Etwa 1905 oder 1906 wurde aus Russland im Amudarja-Delta die Futterpflanze Luzerne eingeführt, für die die Region um Čimbaj ideale Bedingungen bot. Anfangs deckte die Gewinnung der Luzernensamen nur den Bedarf der lokalen Bevölkerung, doch schnell wurden mehr und mehr Überschüsse produziert.

Die Luzerne oder Alfalfa (Medicago sativa) ist eine aufrecht wachsende, krautige und mehrjährige Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae, Leguminosen). Sie wird weltweit im großen Maßstab als Futterpflanze für Tiere angebaut. Man schätzt, dass sie vor Jahrtausenden vom Menschen in Kultur genommen wurde, vermutlich in den Trockengebieten Zentralasiens, wo sie auch heute noch wild vorkommt. Aufgrund ihres guten Futterwertes wurde sie vom Menschen rasch in andere Länder verbreitet, und war bereits bei den alten Persern und Ägyptern bekannt.
Wie die meisten Arten der Leguminosen lebt auch die Luzerne in Symbiose mit Wurzelknöllchenbakterien. Mit Hilfe dieser Mikroorganismen können die Luzerne-Wurzeln den für Pflanzen so wichtigen Stickstoff nicht nur aus dem Boden, sondern auch aus der Luft binden, was ihr den Vorteil verschafft, dass sie auch auf nährstoffarmen Böden gedeihen kann.

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Das Comeback des Tigers in Zentralasien?

Ein Beitrag von Viktoria Wagner

Fragt man heute die Bewohner der zentralasiatischen Wüsten, was denn die typischen Raubtierarten ihrer Heimat seien, so wird man auf den Wolf oder den Korsak-Fuchs verwiesen. Wohl kaum jemand würde an einen Tiger denken. Dabei ist es nicht lange her, da streifte dieses Raubtier in den Wüsten Zentralasiens umher. Bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebte hier der sogenannte Kaspische Tiger. Diese Großkatze, die auch als Turantiger oder Panthera tigris virgata bekannt ist, war keine eigenständige Art, sondern eine Unterart des Tigers und somit ein naher Verwandter des Sibirischen und Indischen Tigers.

Panthera_tigris_virgata

Der ausgestorbene Kaspische Tiger. Hier ein Exemplar aus dem Berliner Zoo (1899). – Public Domain Abbildung aus Wikimedia Commons.

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CAsiabytrain

Seit einigen Wochen ist ein guter Freund vorwiegend mit dem Zug unterwegs nach und durch Zentralasien. Seine Erfahrungen dokumentiert und kommentiert er mit tollen Bildern auf seinem Reiseblog asiabytrain. Im Fokus des Autors steht vor allem Architektur. Der Weg führte ihn bisher von Paris über den Balkan und die Türkei nach Georgien und von dort nach einem längeren Aufenthalt weiter nach Azerbaidschan. Vor ein paar Tagen hat er Baku mit dem Schiff in Richtung Aktau verlassen.

Fähre Baku-Aktau

Auf der Fähre Baku-Aktau

“Ich habe ja schon nicht mehr daran geglaubt, aber es hat doch noch geklappt. Nachdem die Verbindungen von Baku nach Taschkent und von dort nach Nukus nicht sehr günstig lagen … habe ich beschlossen am Dienstag ein Flugticket für Donnerstag zu kaufen, falls es bis dahin keine Fähre gibt. Aber als ich am morgen zum Kassenhäuschen kam, wurde mir mitgeteilt, dass um 12 eine Fähre ablegt. So musste ich mich sehr beeilen, mein Gepäck zu holen. Abgelegt haben wir aber erst um Mitternacht. In Aktau kamen wir um 19 Uhr an, konnten aber erst am nächsten Mittag in den Hafen einlaufen. Bis ich durch den Zoll war, war es dann schon sieben Uhr abends. So verbringe ich einen Tag in Aktau und fahre morgen Abend weiter nach Kungrad. Ich bin sehr froh, dass es doch noch geklappt hat. Die Überfahrt war super.”

Mitreisende

Mitreisende

küche fähre

Kombüse

Aktau in Sicht

Aktau in Sicht

Ab jetzt werden wir hier öfters über den Reiseverlauf durch Zentralasien berichten oder bei Gelegenheit auf neue posts auf asiabytrain verweisen.

Nouruz in Berlin

On 24 March 2011 Persians and Turks, Sunnites and Shiites met to celebrate together in Berlin.
Ein Beitrag von Sophie Roche und Dina Wilkowsky (Zentrum Moderner Orient, Berlin)

Nouruz is an ancient feast marking the beginning of spring. It is celebrated throughout Central Asia as well among Persian as among Turkic speaking populations. The day has been fixed at 21 March however the feast stretches over several days. Like every feast it is accompanied by numerous rituals and dishes. In 2010 the UNESCO declared the Nouruz feast immaterial world heritage and thus elevated it to internationally prestigious event.

On Thursday 24 March 2011, for the first time on German ground, embassies of eight Central Asian countries organized together a celebration of Nouruz. The event was an occasion for the ambassadors (who were all personally present) and the more than 800 guests to meet. Having the occasion to participate we could observe how culture became the theatre for a political interplay leaving big questions such as religion, ecology, and politics officially aside. Although the phenomenon may not be new, it was a historical event for the regions of Central Asia.

Present were Afghanistan, Azerbaijan, Iran, Kazakhstan, Kyrgyzstan, Tajikistan, Turkmenistan and Turkey. The initiative was taken by the Kazakh embassy apparently meeting the interest by all the above mentioned countries to find ways of meeting outside western observance. Many of the states had celebrated Nouruz before with some of the participants such as the (Persian speaking) Afghanistan, Iran and Tajikistan but the dimension of this event exceeded these previous celebrations and was a splendid effort to unite most various political systems, Turkic and Persian speakers, Sunnites and Shiites, and economically extremely different countries. Each country presented itself with a short concert showing a range of various musical traditions, tastes and styles. Whereas Afghans and Iranians performed traditional music out of the large repertoire of Persian music, the Azerbaijanis flew in the state dancing group. Kazakhs offered an impressing concert with pre-Islamic shamanic elements and Kyrgyz surprised with a young wunderkind violin player performing the highest of classics of European music such as Paganini. The Tajik took recourse to a Soviet-traditional stage-music presentation by a female Tajik artist from Moscow and the Turkmen to a contemporary national creation. The Turkic embassy eventually presented musicians from the conservatorium in Berlin. This variation demonstrates best culture in making and traditions in the flow of time.

Certainly the recognition of Nouruz by the UNESCO helped to elevate this feast beyond a purely cultural local and national event offering itself to the creation of political links through common traditions. By officially denying Nouruz much political relevance, it could become a politically used cultural event creating what the moderator has called a culture of peace among very distinct political systems in a world in which minor differences can become deadly impasses. Without having western or other external political representatives to host or finance the event it remained in the hand of those who celebrated it which made all parties to be treated very equally.

Although Uzbekistan did not participate and we may have preservation about the politics of many of those countries (a demonstration took part outside the building against Iran) it was nevertheless an important step for all those countries in finding a common denominator beyond ethnic, political, or religious divisions on a common cultural ground and without having the west or any other external force to dominate the agenda.