Eine Schule im Jaghnobtal

(Beitrag von Thomas Loy)

Mahmad Murod Safarov trinkt seinen Tee aus. Er spricht ein kurzes Gebet und streicht mit seinen Händen übers Gesicht und erhebt sich. Die übrigen Männer falten das Tuch, auf dem soeben noch Brot und Tee serviert wurden, zusammen und folgen dem achtundsechzigjährigen Sprengmeister zu jenem Felsen, der die Arbeiten an der Straße ins Jaghnob-Tal behindert. Seit über zehn Jahren bauen sie daran. Acht Männer und ein Bulldozer, der aus Zeiten stammt, als das unabhängige Tadschikistan noch nicht im Bruderkrieg um Macht und Geld versunken war. 24 Kilometer sind geschafft. Bis zum ersten Dorf, Tagi-Tschanor, sind es noch vier. Continue Reading →

Der fliegende Berg

Rezension zu Christoph Ransmayr, Der Fliegende Berg. Fischer 2006.

(Beitrag von Franz Xaver Erhard)

Tibet, das Schneeland, Projektionsfläche für endlose Phantasien. Mit einer Reisegruppe bin ich unterwegs im nahezu unbekannten Kham. Irgendwo zwischen Pema und Jekundo, auf der alten Teestraße, die Südchina mit dem tibetischen Hochland verbindet, krame ich aus meinem Seesack das Buch, das meine Reiselektüre sein sollte und das ich noch am Tag meiner Abreise in einer Buchhandlung in Berlin eilig besorgt hatte: Der Fliegende Berg. Christoph Ransmayrs neuer Roman. Continue Reading →

Chudoybergan Devanov

(Beitrag von Olim devona)

Es gibt immer wieder Ereignisse, bei denen ich mich frage, klaue ich Inhalte, den andere erstellten, wenn ich einfach so auf die Neuigkeiten hinweise, oder sind diese Neuigkeiten so beachtenswert, dass ein Zeigefinger ausreicht? Ereignis, Inhalte, Neuigkeit? Ganz einfach: Vor ein paar Tagen veröffentlichte die Library of Congress ein wirkliches Meisterwerk kolonialer Fotografie: Das Turkestaner Album. Die Kongressbücherei hat es digitalisiert und stellt es in drei Abteilungen zur Verfügung:Archäologie (klein und groß), Ethnografie (klein und groß, groß), Handel, Handwerk (klein und groß) und Historisches (klein und groß).

Ein Schrei der Verzückung entfuhr mir, als ich die Fotografien aus diesem Album bestaunte …. die koloniale Zeit: Teetrinken in Jugendstilwintergärten. Benefiz- und Galaveranstaltungen. Rauschende Feste. Biergärten im Stadtpark. Doch dabei fiel mir auch gleich wieder das Wirken eines Mannes ein, der zur gleichen Zeit ohne kolonialen Auftrag Land und Leute fotografierte und durch seine Aktivitäten auf diesem Gebiet mancherorts vom Mob durch die Strassen gejagt wurde, aber schließlich zum Hoffotografen des Chans von Chiwa aufstieg. Continue Reading →

Nicht hinter verschlossenen Türen. Ãœber den verstorbenen usbekischen Theaterregisseur Mark Weil.

(Beitrag von Elisabeth Wellershaus, Journalistin)

“Es ist einfach eine kleine Geschichte über die verborgenen Aspekte des menschlichen Lebens”, sagte Mark Weil vor wenigen Monaten über sein Stück “Weißer, weißer, schwarzer Storch”. Der Kommentar über seine letzte große Inszenierung beschreibt das Understatement, mit dem der usbekische Regisseur sein eigenes Werk betrachtete. Denn so unbedeutend war die Geschichte um den homosexuellen Koranschüler Makhzum nicht. Continue Reading →

Jakob Hermann


(Beitrag von Michael Angermann, Duschanbe, Tadschikistan, im Sommer 2007.)

Ein Sandsturm fegt bei knapp 40 Grad über die weite Ebene des Wachschtals im Süden Tadschikistans. Melonen, die zum Verkauf stehen, dekorieren die Straßenränder, während die jungen Verkäufer in den Bewässerungskanälen nebenan Abkühlung suchen. Die wellengeprägte Fahrt trägt uns in den Landkreis Kumsangir. Noch ein paar Windungen über kahle Hügel, dann kommt der Pjandsch, der größte Quellfluss des Amu-Darja, in Sicht und am anderen Ufer breitet sich Afghanistan aus. Continue Reading →

Meister alten Schlages

eine kurze Reisenotiz von Olaf Günther

Usto Solix ist einer von den wenigen Meistern Tadschikistans, die die Kunst Kassettendecken herzustellen und die Kunst der Schnitzerei beherrschen. Er hat in seiner Heimatstadt zig historische Denkmaeler mitrestauriert, wechselte morsche Saeulen gegen neue, erweiterte Moscheen im historischen Stil oder baute Teehaeuser im alten Stil.

In Usto Solix sind die Qualitäten eines Meisters vereint, die ich eigentlich nur aus ethnografischen Essays im die Jahrhundertwende kenne. Er besitzt eine stattliche Bibliothek mit Werken zur Architektur Mittelasiens, zur Kunst, zur Geschichte der Umgebung. Weil er zu den Wissenden gehoert (donishmand) wird er auch ueberall, wo er hinkommt, sehr geschaetzt. Er kann erzaehlen und viel wichtiger er schweigt, wenn er etwas nicht weiss. Anders als viele Aufschneider sagt er freiraus, dass er etwas nicht weiss.

Ich habe mich mit ihm viel ueber Meisterqualitaeten unterhalten. Viele von ihnen kann man auf Meistertugenden aller Professionen anwenden. Dazu gehoeren vor allem das fruehe aussuchen von Schuelern. Schueler werden oft schon in fruehem Alter zu Meistern gegeben — bei Gauklern ab drei, bei Tischlern ab dem Alter in dem sie sich nicht mehr unweigerlich mit dem Hammer verletzten (ab sechs). Schon in diesem Alter erkennt der Meister, was fuer Qualitaeten ein Schueler mitbringt; ob er bis zu den feinen Kuensten des Schnitzens gelangt oder ob es bei ihm die mathematisch belastbare Zimmererarbeit sein wird. Dementsprechend wird er ausgebildet. Usto Solix hat 20 Schueler eine stattliche Zahl. Zwei seiner vier Soehne sind darunter, ein paar Neffen aber auch viele Ausserfamiliaere aus dem Umkreis.

Das Gesellenstueck seines Sohnes war die Decke im Gaestehaus des Hofes. Mir gingen die Augen ueber, als ich die komplexe aus verschiensten Teilen bestehende Kassettendecke gesehen habe. Auch Usto Solix, der Vater, zollt seinem Sohn dafuer Respekt. Dass dieser eine Sohn die Arbeit seines Vaters weiterfuehren wird scheint sicher. Ruhm durch Familienbetrieblichkeit zu erlangen.